HOME

Rocket Internet: Kleinlaut in die Expansion

Ist Rocket Internet dabei, ein Internet-Unternehmen von Weltrang zu werden? Dessen Gründer Oliver Samwer hielt in Berlin erstmals eine Aktionärsversammlung ab. Viele Fragen blieben dennoch offen.

Von Matthias Jauch

Oliver Samwer während der ersten Hauptversammlung von Rocket Internet

Oliver Samwer während der ersten Hauptversammlung von Rocket Internet

Oliver Samwer hat sich zur Premiere Business-Outfit angezogen. Zur ersten Hauptversammlung von Rocket Internet trägt der Mann, der sonst gerne locker in Jeans und mit offenem Hemd auftritt, einen schwarzen Anzug, blaues Hemd und Krawatte. "Schuster, bleib bei deinen Leisten" wird er später sagen. Samwer, sonst für markige Worte bekannt, bemüht sich erkennbar um Seriosität und Bodenständigkeit. Er spricht mit ruhiger Stimme. Trotzdem strahlt er erst einmal leichte Nervosität aus, im vollen Saal vor Aktionären, zahlreichen Pressevertretern und Fotografen. Ein vierminütiger Imagefilm über die Welt seines Unternehmens gibt ihm noch einmal Zeit zum Durchatmen.   

Rocket Internet entwickelt, fördert und beteiligt sich an jungen Internetfirmen, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern, in Südamerika, Afrika, dem Nahen Osten oder in Südostasien. Hier zieht das Unternehmen Startups  in rasender Geschwindigkeit nach dem Baukastenprinzip hoch. Immer wieder laufen die Gründungen nach dem gleichen Muster ab. Rocket setzt dabei auf Geschäftsmodelle, die im Westen bereits Erfolg hatten. Das Unternehmen ist so in 110 Ländern an Dutzenden Internetfirmen mit insgesamt 30.000 Mitarbeitern beteiligt. 

Ein deutsches Alibaba?

Unter den deutschen Internetunternehmen ist Rocket das einzige von Weltformat: Seit Oktober 2014 ist die Aktiengesellschaft an der Börse notiert, am vergangenen Freitag wurde sie mit 6,1 Milliarden Euro bewertet. Langfristig will Samwer vor allem den globalen Internetriesen Konkurrenz machen, etwa Amazon, Ebay oder dem chinesischen Alibaba. "Wir haben großes vor", sagt er. Er strebt nicht weniger an, als die größte Plattform im Internet außerhalb der USA und China zu schaffen. 

Ein deutsches Alibaba? Rocket Internet machte 2014 46 Millionen Euro Verlust. Alle Unternehmen, an denen Rocket beteiligt ist, schreiben bisher rote Zahlen. Manche Startups des Netzwerks konkurrieren sogar untereinander. Auch die Aktie schwächelt: Mit 37 Euro liegt sie deutlich unter dem Ausgabepreis von 42,50 Euro vom vergangenen Oktober. Investoren mussten bisher also einen Verlust von dreizehn Prozent hinnehmen. Und: Sie vermissen eine Strategie. 

Starke Kritik von den Aktionären

Eigentlich nörgeln die Aktionäre bei der Hauptversammlung an allem: Den hohen Sicherheitsvorkehrungen, den zu kleinen Räumen und der schlechten Luft in der Eventpassage am Bahnhof Zoo. Vor allem kritisieren sie aber die roten Zahlen, die vermeintlich sinkende Liquidität und intransparente Strukturen des Unternehmens. Zu den meisten der 525 Beteiligungsgesellschaften verliert der Vorstand kein Wort. Und was ist mit Samwers Aussage, dass es "einfach eine notwendige Bedingung im Internet-Markt" sei, "zunächst eine kritische Masse" zu erreichen, also rote Zahlen zu schreiben? Auf der Versammlung wird diese Frage von Aktionären gleich zurück in den Raum geworfen. Später fühlt sich ein Aktionär sogar an Apollo 13 erinnert, in Anspielung auf die missglückte Mondlandung der NASA und den Namen des Internet-Unternehmens. 

Samwer antwortet auf alle Fragen ruhig und kühl, liest seine Antworten vom Blatt ab, manchmal ein und denselben Satz immer wieder: "Wir analysieren fortlaufend die Strategie, Performance und Entwicklung der Unternehmen unseres Netzwerkes". Einige Aktionäre müssen über die Vorstellung des Vorstandes lachen. 

Viele Fragen bleiben am Dienstag unbeantwortet. Dass sie dann trotz allem Samwers Bitte folgen und einer Erhöhung von 50 Prozent des Grundkapitals - etwa 2,5 Milliarden Euro - zustimmen, hat einen simplen Grund: der milliardenschwere Börsenwert und die damit verbundene Hoffnung auf große Gewinne. Zusätzlich zur Kapitalerhöhung stimmten die Aktionäre auch der möglichen Ausgabe von Wandelanleihen von bis zu zwei Milliarden Euro zu. Für Samwer war es in der ersten Hauptversammlung kein leichtes Spiel. Am Ende konnte er seine Ziele aber durchsetzen - und setzt weiter auf Expansion.