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Interview

Versicherungsbetrug: Fernseher zur WM kaputt? Versicherungsdetektiv erklärt, wie dreist Kunden betrügen

Vor der Fußball-WM schnell einen neuen Fernseher kaufen und den alten als Versicherungsschaden einreichen? Nicht mit Ralph Schweda. Der Sachverständige für Elektrotechnik berichtet von den dreistesten Betrugsversuchen und wie er sie auffliegen lässt.

Ralph Schweda, Sachverständiger für Elektrotechnik, prüft für viele namhafte Versicherungen Schäden an Fernsehern, Smartphones, Laptops und anderen Elektrogeräten

Ralph Schweda, Sachverständiger für Elektrotechnik, prüft für viele namhafte Versicherungen Schäden an Fernsehern, Smartphones, Laptops und anderen Elektrogeräten

Herr Schweda, seit Jahren hört man von dem Phänomen, dass immer vor TV-Großereignissen wie der Fußball-WM besonders viele Fernseher kaputt gehen und als Versicherungsschaden eingereicht werden - mutmaßlich, weil ein neues Gerät angeschafft werden soll. Hat der Versicherungsbetrug vor der WM Hochkonjunktur?

Es gibt zwar keine gesicherten Statistiken, die das belegen. Aber das Gefühl, dass vor einer WM besonders viele Fernsehgeräte als Versicherungsschaden vorgelegt werden, teilen wir als Sachverständigenbüro mit den Sachbearbeitern der Versicherungen. Auf jeden Fall werden wir durch Versicherungen vor jeder WM wesentlich häufiger in Sachen Fernsehgeräte beauftragt. Das gleiche Phänomen gibt es übrigens bei Smartphones, wenn eine neue iPhone- oder Samsung-Generation auf dem Markt kommt.

Wie erkennen Sie, ob ein Fernseher tatsächlich einen Unfall hatte oder jemand ihn vorsätzlich zerstört hat?

In den meisten Fällen prüfen wir nach Aktenlage, weil Fernsehtransporte aufwendig sind. Das heißt, wir versuchen die Story des Versicherungskunden und die mitgelieferten Fotos mit dem Schadensbild in Einklang zu bringen. Meistens passt das. Aber wenn nicht, muss man der Sache auf den Grund gehen. Zum Beispiel, indem man das Gerät dann im Anschluss selbst untersucht. Wir bekommen im Monat 20 bis 30 Fernsehgeräte zur Prüfung angeliefert.

Was machen Sie mit denen?

Ich schaue mir an: Hat wirklich jemand etwas reingeworfen? Ist das Gerät umgefallen? Ist es von der Wand gefallen? Wenn jemand behauptet, der Nachbar sei mit der Schulter in den Fernseher gestolpert, aber statt einem großen Einschlag gibt es vier kleine, dann muss ich sagen: Ne Jungs, das Schadenbild passt nicht zu der Story.

Wie viele Versicherungsbetrüger können Sie so überführen?

Bei 5 bis 15 Prozent der untersuchten Fälle kann ich Betrug nachweisen, wobei wir hier nicht nur von Fernsehern sprechen, sondern auch von Smartphones, Laptops oder Digitalkameras, Heizungssteuerungen oder sonstigen elektrotechnischen Geräten. Ich sitze aber nicht hier, um den Leuten vors Knie zu treten, sondern bin der Neutralität verpflichtet. Wenn ich eine Schadenschilderung nicht widerlegen kann, stufe ich sie als plausibel ein. Punkt.

Welche besonders dreisten Betrugsversuche sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Da gibt es die wildesten Storys. Bei der WM vor vier Jahren hatten wir einen Fall, da konnte ich beweisen, dass der Fernseher bei Ebay günstig als Defekt-Gerät gekauft worden war, um ihn dann als Versicherungsschaden einzureichen. In einem anderen Fall wurde das gleiche Gerät innerhalb weniger Monate bei zwei Versicherungen als Schaden eingereicht. Pech für die Beteiligten, dass beide Versicherungen mit mir zusammenarbeiten.

Gilt Versicherungsbetrug immer noch als Kavaliersdelikt?

Definitiv. Vielen Menschen fehlt das Bewusstsein, dass das eine Straftat ist, die sogar mit Gefängnis bestraft werden kann. Es gibt die weitverbreitete Meinung, dass man nach jahrelangem Einzahlen in die Versicherung auch mal was rausbekommen muss. Deswegen empfinden viele Menschen das nicht als Betrug.

Haben die meisten Betrüger einen bestimmten sozialen Hintergrund oder geht das durch alle Schichten?

Das geht durch alle Gesellschaftsschichten - vom Hartz IV-Empfänger bis zum Universitätsprofessor. Ich hatte sogar mal einen Bezirksdirektor einer großen deutschen Versicherung, der seine eigene Firma betrogen hat. Da hat mich dann sogar der Vorstand angerufen, ob ich meiner Sache wirklich sicher bin. Aber ich konnte das nachweisen.

Was passiert mit den von Ihnen überführten Versicherungsbetrügern?

Ich schicke meinen Bericht mit der Beweisführung an die Versicherung. Was die dann damit macht, bekomme ich in den seltensten Fällen mit. Ich weiß, dass einige Versicherungen Betrug zur Anzeige bringen. Aber der gängige Standard ist, dass den Versicherten einfach gekündigt wird. Die haben es dann unter Umständen schwer, eine neue Versicherung abzuschließen, da meist Fragen kommen wie "Wo waren Sie vorher versichert? Gab es bereits Schäden? Warum haben Sie gekündigt?".

Werden Sie auch manchmal positiv überrascht - Sie denken zuerst 'Das stimmt doch nie' und dann stimmt die Story doch?

Ich hatte mal einen 60-Zoll-Fernseher mit einem kreisrunden Einschlag. Da wurde erzählt, das käme von einer türkischen Teetasse, die jemandem aus der Hand geglitten sei. Das wollte ich zuerst nicht glauben. Weil ich mit einer Türkin verheiratet bin, hatte ich aber schnell ein solches Teeglas griffbereit und habe es wie beschrieben aus der Hand gleiten lassen. Die Tasse flog mit dem schweren Boden voran und verursachte denselben kreisrunden Einschlag wie auf dem Foto, das mir vorlag. Oft ist es so, dass die seltsamsten Storys wahr sind.

Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.