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Krankenkassen Billig ist nicht immer gut


Den halben Beitrag fürs Fitnesstudio hat die Kasse bezahlt und sogar die Akupunkturbehandlung gegen Kopfschmerzen übernommen. Wie die gesetzlichen Krankenversicherungen mit neuen Methoden um Mitglieder kämpfen.

Sind Sie eigentlich mit Ihrer Krankenkasse zufrieden? Oder ärgern Sie sich über hohe Beiträge und schlechte Leistung? Dann gehören Sie vielleicht bald zu dem Drittel (32 Prozent) der Bundesbürger, die laut repräsentativer stern-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa darüber nachdenken, ihre Krankenkasse zu wechseln.

Informieren Sie sich gründlich, bevor Sie Ihre Wahl treffen. So sollten Sie keinesfalls nur auf die Höhe der Beiträge achten. Denn billig ist nicht immer gut. Und viel wichtiger als der Beitragssatz sind die Sonderleistungen der einzelnen Kassen: Seit der Gesundheitsreform 2004 dürfen gesetzliche Krankenkassen mit bis zu 20 speziellen Angeboten um Kunden werben. Dabei haben die Versicherten unterschiedliche Möglichkeiten, vom Wettbewerb der Kassen zu profitieren:

  • Sie nehmen an Bonusmodellen teil und bekommen einen Teil der Beiträge erstattet (als Rückzahlung oder Sachprämie).

  • Sie schließen Tarife mit Selbstbeteiligung ab - wie bei der Kaskoversicherung fürs Auto
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  • Sie nehmen Präventionsangebote wahr, wie Fitnesschecks, Entspannungskurse oder Rückenschule.

  • Sie machen bei so genannten Desease-Management-Programmen zur Vorbeugung von Krankheiten mit.

Jede der rund 270 Kassen in Deutschland hat inzwischen einen eigenen Leistungskatalog entwickelt - ein Sammelsurium, das so wenig übersichtlich ist wie das Preisgefüge bei der Bahn.

Doch die Mühe, die Angebote zu vergleichen, zahlt sich aus: Versicherte können damit mehr sparen als beim bloßen Vergleich der Beitragssätze und - noch wichtiger - gleichzeitig mehr für ihre Gesundheit tun. Der stern hat die Angebote der größten Kassen durchforstet. So fällt der Überblick leicht - und möglicherweise auch die Entscheidung zum Wechsel.

Bonusprogramme

Seit Anfang dieses Jahres bieten 98 der etwa 270 gesetzlichen Krankenkassen Bonusprogramme an. Sie belohnen gesundheitsbewusstes Verhalten mit Punkten, die in Sachprämien eingetauscht werden können, etwa Sportgeräte, Blutdruckmesser, Gutscheine für Sportgeschäfte oder ein Wellnesswochenende.

Die Bonuspunkte erhalten die Versicherten, wenn sie im Fitnessstudio turnen, sich impfen lassen oder regelmäßig zur zahnärztlichen Untersuchung gehen. Punkte gibt es sogar schon für ein Sportabzeichen oder einen Body-Mass-Index, der kein Übergewicht signalisiert.

Manche Kassen gewähren Zuschüsse für Sportkurse oder belohnen die Teilnahme an Raucherentwöhnungskursen. Die AOK Sachsen stockt bei entsprechendem Punktestand den Kassenzuschuss für Zahnersatz um bis zu 25 Prozent auf. Bei der Gmünder Ersatzkasse (GEK) haben sich von den rund eine Million Versicherten bereits 400.000 für das "Smile Konto" genannte Bonusprogramm entschieden.

Einige Kassen belohnen direkt mit Bargeld. Sie übernehmen die Praxisgebühren - immerhin bis zu 40 Euro pro Jahr. Umgerechnet entspricht dieser Bonus bei einem Bruttoeinkommen von 3000 Euro im Monat einer Beitragssenkung von etwa 0,1 Prozentpunkten. Natürlich nur für denjenigen, der krank ist und zum Arzt geht.

Die Barmer Ersatzkasse (BEK) hat ihre Bonusprogramme mit einem Hausarztmodell kombiniert. Das funktioniert so: Der Versicherte bekommt einen Aufkleber auf seine Karte und verpflichtet sich für ein Jahr, bei einer Erkrankung immer zuerst zu seinem Hausarzt zu gehen und seine Medikamente in einer bestimmten Apotheke zu kaufen. Dafür zahlt er nur einmal fürs ganze Jahr zehn Euro Praxisgebühr (Ersparnis: 30 Euro).

Das Hausarztmodell hat die BEK seit März 2005 als einzige Krankenversicherung bundesweit eingeführt. Etwa eine Million der knapp 7,5 Millionen Barmer-Mitglieder machen mit. Das Kalkül der Kasse: Der Hausarzt fungiert als Lotse im Gesundheitssystem, teure Doppeluntersuchungen unterbleiben, Medikamente können gezielter verordnet werden. Der gewünschte Effekt: Die Ausgaben schrumpfen.

Tarife mit Selbstbeteiligung

Stark an die Eigenverantwortlichkeit der Versicherten appellieren Bonusprogramme, die auf Selbstbeteiligung und Beitragsrückzahlung setzen. Wer bereit ist, einen Teil seiner medizinischen Kosten selbst zu tragen, bekommt eine bestimmte Summe seiner Beiträge zurück. Diese Programme dürfen nur freiwillig Versicherte in Anspruch nehmen. Das sind alle, die mehr als 3900 Euro brutto im Monat verdienen, und Selbstständige. Denn sie hätten die Möglichkeit, in die private Versicherung zu wechseln, wo Selbstbeteiligung und Rückerstattung gängige Tarife sind.

Beispiel für einen häufig angebotenen Selbstbehalt-Tarif: Der Versicherte beteiligt sich mit maximal 300 Euro pro Jahr an seinen Krankheitskosten und erhält dafür einen Bonus von 240 Euro.

Abgerechnet wird dann so: Geht der Versicherte zum Arzt, muss er die verordneten Medikamente selbst zahlen. Unterm Strich spart er trotzdem so lange, bis die Medikamentenkosten höher liegen als der Nachlass von 240 Euro. Muss er die vollen 300 Euro zuzahlen, macht er ein Minus von 60 Euro. Alle Kosten über 300 Euro trägt die Kasse. Weiterer Anreiz: Nimmt der Versicherte gar keine Leistungen in Anspruch, erhält er außer dem vollen Bonus von 240 Euro im ersten und zweiten Jahr zusätzlich einen halben Monatsbeitrag zurück - bei einem Monatseinkommen von 3000 Euro etwa 210 Euro. Ab dem dritten Jahr gibt es einen vollen Monatsbeitrag zurück - in unserem Beispiel also 420 Euro.

Prävention

Alle Versicherten können an Präventionsangeboten teilnehmen, die zur Vorbeugung von Erkrankungen dienen. Die Kosten dafür tragen die Kassen ganz oder anteilig: in der Regel pro Jahr und Maßnahme 75 Euro und für einen Kurs bis zu 150 Euro. Häufig dienen diese Kurse der Stressbewältigung, der Entspannung oder dem Herz-Kreislauf-Training. Übrigens: 150 Euro entsprechen (bei 3000 Euro Monatsverdienst) zirka 0,4 Prozentpunkten der Beiträge zur Krankenversicherung.

Die BIG-Direktkrankenkasse beispielsweise zahlt Mitgliedern, die im Beruf unter starkem Stress stehen, einen einwöchigen Kurs. "Stress ist in aller Regel die Vorstufe für Burn-out-Erkrankungen, und die führen häufig in eine Depression", erklärt der Chefarzt und Psychiater der Reha Klinik Möhnesee, Georg Schürgers. Wird eine Depression diagnostiziert, folgt im Schnitt eine stationäre Behandlung von 40 Tagen Dauer. Kosten, die in keinem Verhältnis zum einwöchigen Aufenthalt in der Reha-Klinik stehen, rechnet die BIG. Das ökonomische Interesse der Kasse (Ausgaben für teure Erkrankungen vermeiden) und das Interesse der Versicherten (Stress abbauen, gesund bleiben) sind hier kein Gegensatz. Ökonomen nennen das eine "Win-win-Situation", denn beide Seiten profitieren.

So ein Fall ist Petra Drescher, 39, aus Marl. Sie arbeitet als Hauswirtschafterin in einer Jugendwohngruppe - ein stressiger Job. Denn die Jugendlichen dort vertrauen ihr Probleme an, die sie nicht abschütteln kann - auch in ihrer Freizeit nicht. Bei der einwöchigen Burn-out-Prävention soll sie lernen, mit dem Stress umzugehen. Dafür stehen Yogaübungen und eine Wasser-Shiatsu-Massage auf dem Programm. Und wie sich stressige Situationen gar vermeiden lassen, soll ein Stärken-Schwächen-Coaching klären helfen: "Die meisten kennen zwar ihre Schwächen, denken aber nie über ihre Stärken nach", sagt Chefarzt Schürgers. Petra Drescher rät er, weniger Energie in ihre Arbeit zu investieren, sonst wird sie eine sichere Burn-out-Kandidatin.

Desease-Management-Programme

Vor allem Menschen mit erhöhtem gesundheitlichem Risiko sollten darauf achten, bei der Kasse mit dem besten Leistungsangebot für sie versichert zu sein. Für solche Menschen haben fast alle Kassen spezielle Angebote entwickelt: so genannte Desease-Management-Programme. Dabei geht es darum, weit verbreitete Krankheiten wie Diabetes, Krebs- oder Herzerkrankungen zu "managen", also den Umgang damit zu lernen und zugleich ihre Ursachen zu erforschen.

Einzelne Kassen haben sich auf bestimmte Erkrankungen konzentriert. So kümmert sich die Kaufmännische Krankenkasse, KKH, besonders um Herzkrankheiten. Beim Modellversuch "Herzenssache" wird bei Risikopatienten per Ultraschall die Wandstärke der Halsschlagader gemessen. 2,5 Millionen Euro hat die KKH in die neuartige Methode investiert. Einige Kassen haben sich zu Aktionsbündnissen zusammengeschlossen. Die Techniker Kasse, Gmünder Ersatzkasse, SBK und der Bundesverband der Betriebskrankenkassen haben im März 2004 bundesweit ein Angebot mit der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie gestartet.

Margarethe Felczak-Stefanowicz, 48, ist eine typische Kandidatin für dieses Programm. Seit zehn Jahren leidet die Vermessungstechnikerin unter Schmerzen. Der Orthopäde diagnostizierte Rheuma. Von Internisten bekam sie zahlreiche verschiedene Medikamente verordnet. Doch die Schmerzen wurden schlimmer. In all den Jahren schlief sie keine Nacht mehr durch. Seit sie vor gut einem Jahr von dem Programm für Schmerzpatienten hörte, ist sie bei Spezialisten in Behandlung.

Mehrere Ärzte verschiedener Fachrichtungen wie Nervenärzte, Radiologen, Psychologen und Therapeuten untersuchten sie in einer "Schmerzkonferenz". Sie setzten einen Teil der Medikamente ab und verordneten Margarethe Felczak-Stefanowicz Krankengymnastik und eine Psychotherapie, die ihr helfen soll, mit den Schmerzen im Alltag besser zurechtzukommen. Die Krankenkassen gaben im Durchschnitt im vergangenen Jahr 3,1 Prozent ihrer Einnahmen für Zusatzleistungen aus - einen Großteil davon für Präventionsmaßnahmen.

Die AOK fängt damit schon bei den Kleinen an: Das Angebot "Powerkids" soll übergewichtigen Kindern beibringen, Spaß an Bewegung zu finden, sich gesund zu ernähren und Fettfallen im Essen zu umgehen. Laut Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin wiegen bereits bis zu 15 Prozent der Kinder zu viel. In Lübeck findet für übergewichtige Kinder ein Kurs auf dem Öko-Hof Ringstedtenhof statt. Sie kaufen dort im Hofladen ein, kochen mit Gewürzen aus dem Kräutergarten, bauen den Zuckergehalt von Getränken in Pyramiden aus Würfelzucker nach.

25.000 Kinder haben inzwischen an dem AOK-Programm teilgenommen. Das sind 25.000 potenzielle AOK-Kunden, für die sich dieser Kurs möglicherweise ein ganzes Leben lang auszahlen wird.

Elke Schulze print

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