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Mal eben mit dem Arzt skypen: Ottonova: Was kann die digitale Krankenversicherung, für die Frank Thelen wirbt?

Ottonova ist die erste Neugründung einer privaten Krankenversicherung seit 17 Jahren. Alles läuft digital übers Handy, man kann sogar Ärzte per Videotelefonie erreichen. Trotzdem hat die Krankenversicherung für die Generation Smartphone ein Problem.

Ottonova Frank Thelen

"Ein Gamechanger für Versicherte": "Höhle der Löwen"-Investor Frank Thelen lobt das Konzept von Ottonova in den höchsten Tönen

Wenn Frank Thelen etwas gut findet, will das schon was heißen. Der Start-up-Versteher aus "Die Höhle der Löwen" ist derzeit sowas wie Deutschlands digitaler Vordenker Nummer eins, investiert in Lufttaxis und Blockchain-Technologie. Und nun das: In vielen Facebook-Timelines wirbt Thelen für eine Krankenversicherung namens Ottonova, "ein Gamechanger für Versicherte, der die Gesundheitsbranche revolutioniert, digitalisiert und ein Stück weit sexy macht", wie Thelen im zugehörigen Werbeclip erklärt.

Das ist bemerkenswert, denn an sich hat die private Krankenversicherung (PKV) in Deutschland nicht mehr den allerbesten Ruf. 8,7 Millionen Menschen sind in Deutschland privat krankenversichert, doch vielen machen steigende Beiträge und Schwierigkeiten beim Wechsel zu schaffen. Mancher Politiker will die PKV sogar am liebsten gleich ganz abschaffen. In dieser Stimmungslage haben Roman Rittweger und seine Mitstreiter tatsächlich eine neue Krankenversicherung gegründet, die erste seit 17 Jahren.

Ottonova - Bismarcks digitale Erben

Ottonova heißt das Start-up aus München, in Anlehnung an Otto von Bismarck, der 1883 die Krankenversicherung in Deutschland einführte. Doch hängengeblieben in der Ära Bismarck sind in den Augen des Ottonova-Chefs natürlich die anderen privaten Krankenversicherer, bei denen immer noch Rechnungen gesammelt und Papierkriege ausgefochten werden. "Unsere Wettbewerber sind wahnsinnig verstaubt", sagt Rittweger im Gespräch mit dem stern. "Wir stehen für Innovation im Gesundheitswesen." 

Der 54-Jährige ist selbst Mediziner, hat aber nie als Arzt gearbeitet, sondern lieber Unternehmen im Gesundheitssektor gegründet und beraten. Der "Angst vor der eigenen Abschaffung", wie Rittweger die Stimmung in der Branche der privaten Krankenversicherer leicht spöttisch beschreibt, setzen er und seine Mitgründer - der Informatiker Frank Birzle und der Designer Sebastian Scheerer - nun Ottonova entgegen.

Mal eben mit dem Arzt skypen

Ottonova versteht sich erster volldigitaler Krankenversicherer, bei dem sich sämtliche Bürokratie mit dem Smartphone erledigen lässt. Statt Ordner voller Rechnungen anzulegen, kann der Kunde alles mit dem Smartphone abfotografieren und sofort einreichen. Das Geld wird innerhalb weniger Tage erstattet - nach Abzug eines Selbstbehalts von zehn Prozent. Statt einer Telefon-Hotline mit nervigen Warteschleifen, gibt es für die Generation Whatsapp einen "Concierge-Service", der rund um die Uhr per Chat erreichbar sein soll. 

Außerdem kann für allgemeine medizinische Fragen ein Arzt per Videotelefonie konsultiert werden, was zum Beispiel im Auslandsurlaub praktisch sein kann. Da der digitale Arztservice in Deutschland rechtlichen Hürden unterworfen ist, sitzen die teilnehmenden Ärzte in der Schweiz. Aus der Ferne kann natürlich nur eine erste Einschätzung vorgenommen werden, aber um eine Krankschreibung zu bekommen, ohne sich mit Erkältung ins Wartezimmer zwängen zu müssen, reicht es zum Beispiel. 

Bisher nur einige Hundert Kunden

Ottonova richtet sich an eine junge, technikaffine Kundschaft, an gutverdienende Unternehmensberater, an selbständige Steuerberater und seit Neuestem auch an beihilfeberechtigte Beamte. Nach rund einem Jahr am Markt ist die Bilanz allerdings ziemlich ernüchternd. Lediglich einige Hundert Kunden hat Ottonova bisher gewonnen. Das Ziel, nach drei Jahren bei 12.000 Kunden zu stehen, um profitabel zu werden, ist in weiter Ferne. "Wir werden den Break Even wohl erst ein bis zwei Jahre später erreichen", räumt Rittweger ein. Das sei aber kein Problem. Statt auf Teufel komm raus Kunden zu gewinnen, sei es in der ersten Phase wichtiger gewesen, auszuprobieren und das Produkt weiterzuentwickeln.

Immerhin hat Rittweger namhafte Investoren im Rücken, die rund 40 Millionen Euro in sein Unternehmen gesteckt haben. Dazu zählen Tengelmann Ventures, Holtzbrinck Ventures und STS Ventures, die Investmentfirma von Onvista-Gründer Stephan Schubert. Auch "Höhle der Löwen"-Investor Frank Thelen ist mit ein paar Euro beteiligt. Dessen Werbegesicht soll nun helfen, Ottonova auch einer breiteren Kundschaft bekannt zu machen.

Ordentliche Leistungen

Aber sind die Vorteile des Ottonova-Konzepts wirklich so groß, dass die Kunden in Scharen herbeiströmen, wenn sie von dem Anbieter erfahren? Bei den medizinischen Leistungen ist Ottonova jedenfalls eine ziemlich gewöhnliche Krankenversicherung. Im Kern gibt es zwei Tarife, die "Business Class" mit einem mittleren Leistungsumfang und die "First Class" für alle, die etwas mehr wollen. 

Verbraucherschützer halten die Newcomer zwar für seriös, aber auch nicht für revolutionär. "Die Leistungen von Ottonova sind insgesamt ordentlich, gegenüber anderen Krankenversicherungen aber auch nichts Besonderes", sagt Christoph Kranich, Gesundheitsexperte der Verbraucherzentrale Hamburg. Die grundsätzlich Frage sei, wieviele junge Menschen sich überhaupt noch für die PKV statt für eine gesetzliche Kasse begeisterten. "Generell raten wir nicht zur privaten Krankenversicherung, da die Beiträge im Alter stark steigen können", sagt Kranich.

Keine Angst vor der Pleite 

Ottonova-Chef Rittweger geht davon aus, dass sein Start-up die Beiträge stabiler halten kann als die alteingesessene Konkurrenz. Denn zum einen, so argumentiert er, habe Ottonova einen kleineren Kostenapparat, durch moderne IT-Systeme und weniger Personal. Zum anderen seien die Tarife auf Grundlage des aktuell niedrigen Zinsniveaus gerechnet, während die Konkurrenz noch aus den Hochzinszeiten komme. Andererseits fehlen Ottonova dadurch auch die Gewinne aus den goldenen Zinszeiten, was zu einer anderen Sorge führt, die Interessenten abschrecken könnte: Was passiert eigentlich mit den Versicherten, wenn Ottonova in ein paar Jahren wieder dichtmacht? Stehen die dann ohne Versicherung im Regen?

Die zuständige Finanzaufsicht Bafin hält diese Sorge für unbegründet. "Ottonova bietet das gleiche Maß an Sicherheit wie jede PKV", sagt ein Bafin-Sprecher auf stern-Anfrage. Ottonova habe die gleichen strengen Voraussetzungen für die Zulassung erfüllt, die für jede PKV gelten, wozu vor allem eine ausreichende Kapitalausstattung zähle. Falls doch einmal eine PKV Pleite gehen sollte - was bisher nicht vorgekommen ist - würde der Sicherungsfonds Medicator einspringen und die Versicherungskunden weiter betreuen bis diese bei einer anderen PKV untergekommen sind. Im Fall von Ottonova würde sich zum Beispiel die Debeka anbieten, die ohnehin bereits mit zehn Prozent an dem Start-up beteiligt ist. Ganz losgelöst von der verstaubten alten Welt will der Neuling dann doch nicht sein.