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Richtig versichern mit stern.de: Welche Versicherungen Sie brauchen

Viele Deutsche sind falsch versichert. Sie haben zu viele, zu wenige oder nicht die richtigen Verträge. Im stern.de-Ratgeber erfahren Sie, welche Versicherungen Sie brauchen - und welche nicht.

Von Peter Neitzsch

Kommt schneller als man denkt: der Versicherungsfall

Kommt schneller als man denkt: der Versicherungsfall

Erk Schaarschmidt kennt das ganze Ausmaß der deutschen Versicherungsmisere. Der Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Brandenburg sagt: "Es gibt Kunden, die haben drei bis vier Lebensversicherungen an der Backe." Für 30 Euro bietet die Brandenburger Verbraucherzentrale jedem Bürger eine einstündige persönliche Versicherungsberatung an - mitunter mit überraschenden Ergebnissen: Oft können mehrere hundert Euro im Jahr gespart werden.

"Viele stellen fest, dass sie jahrelang nur für Blödsinn bezahlt haben", sagt Schaarschmidt. Schuld daran seien die Vertriebsstrukturen der Versicherer: "Versicherungsgesellschaften müssen Policen mit großen Gewinnen verkaufen." Deshalb werde der Vertrieb mit hohen Provisionen angefeuert, die teilweise acht Prozent und mehr der gesamten Versicherungssumme ausmachen würden.

Das Geschäft mit der Sicherheit ist einträglich: Laut einer Studie der Universität St.Gallen geben die Deutschen im Jahr rund 2133 Euro pro Kopf für Versicherungen aus.

Die Statistiken der Versicherungswirtschaft (PDF) sprechen eine deutliche Sprache: 458 Millionen Versicherungen besaßen die Deutschen 2012, das sind - vom Baby bis zum Greis - etwa sechs Verträge pro Einwohner. Darunter 93 Millionen Lebensversicherungen und 298 Millionen Schadens- und Unfallversicherungen. Alle fünf Jahre kommen gut 25 Millionen neue Verträge dazu. Bei weitem nicht alle davon sind sinnvoll.

Diese Versicherungen sind überflüssig

Lange nicht jeder Wert muss versichert werden. Vor allem Spezial-Versicherungen wie eine Handy- oder Reisegepäckversicherung sind meist völlig unnötig. Denn die Schäden werden in der Regel bereits durch andere Policen abgedeckt: "Man braucht keine Reisegepäckversicherung, wenn man eine Hausratsversicherung hat, denn der Hausrat ist auch im Urlaub versichert", erläutert Elke Weidenbach, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale NRW.

Als unnötig stufen Verbraucherverbände beispielsweise auch die Insassen-Unfall-Versicherung ein. Dabei werden Risiken abgedeckt, die bereits durch die Kfz-Versicherung erfasst sind. Überflüssig ist für Weidenbach auch die die Sterbegeldversicherung, die zum Zeitpunkt des Todes ausgezahlt werden soll. "Das lohnt sich nur, wenn man unmittelbar nach Abschluss der Versicherung stirbt", sagt die Verbraucherschützerin. Getrost verzichten könnten Versicherte auch auf die Krankenhaustagegeldversicherung - das Risiko eines Verdienstausfalls sei bereits über die Krankenversicherung abgedeckt.

Selbst schlicht überflüssige Lebensversicherungen für Haustiere würden auf dem Markt angeboten, sagt Weidenbach. "Die Verbraucher hätten am liebsten eine Versicherung, die so zwei Mal im Jahr zahlt." Der Rat der Versicherungsexpertin lautet: "Nur wenn man einen Schaden nicht aus der Portokasse ersetzen kann, ist eine Versicherung angebracht."

Diese Versicherungen brauchen Sie

Doch welche Versicherungen sind ein Muss? Gegen welche Risiken sollte man sich unbedingt absichern? Obwohl viel Geld für Versicherungen ausgegeben wird, sind die Bundesbürger nicht in jedem Fall gut versichert. "Bei uns werden Autos, Gebäude und Hausrat höher versichert als Menschen", sagt Manfred Poweleit, Chefredakteur des Branchendienstes Map-Report. "Da läuft grundsätzlich etwas falsch." Vor Abschluss einer Versicherung solle man sich daher fragen: Was ist mir wichtig?

"Wir versichern uns gerne gegen Risiken mit hoher Eintrittswahrscheinlichkeit und geringer Schadenssumme", sagt Versicherungsexperte Poweleit. Als Beispiel nennt er die Glasbruchversicherung - eine kaputte Scheibe sei kaum ein finanzielles Risiko. Erhebliche Schäden, die zum finanziellen Ruin führen können, würden dagegen kaum versichert.

So hat immer noch jeder dritte deutsche Haushalt keine Haftpflichtversicherung. Eine Police, zu der alle Experten dringend raten. Eine private Haftpflicht springt ein, wenn jemand einem anderem schadet. Beispielsweise bei einem Unfall zwischen Radfahrer und Fußgänger. "Bei so einem Unfall kommen schnell Summen von 100.000 bis eine Million Euro zusammen", sagt Weidenbach von der Verbraucherzentrale NRW. Stürzt einer der Unfallbeteiligten unglücklich und landet im Rollstuhl, hat er Anspruch auf Kompensation seines Verdienstausfalls.

Unverzichtbar sind auch Krankenversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung sowie eine Rentenversicherung oder - alternativ - eine andere Form der Altersvorsorge. Wer Kinder hat, für den kann es sinnvoll sein, mit einer Risiko-Lebensversicherung für den Todesfall vorzusorgen.

Risiken werden falsch eingeschätzt

Das Problem: Während die Versicherungen das Risiko sehr genau kalkulieren, beurteilen die Verbraucher Risiken oft falsch. Ein gutes Beispiel dafür ist die private Unfallversicherung, die wirtschaftliche Folgen von Unfällen absichert. "Die sind für die Versicherer sehr lukrativ, aber für die Bürger oft unnötig, da das Risiko eines Unfalls in den meisten Berufen sehr gering ist", sagt Verbraucherschützer Erk Schaarschmidt. Dennoch haben die Deutschen 27 Millionen Unfallversicherungen. "Selbst Senioren werden noch Unfallversicherungen aufgeschwatzt", echauffiert sich Schaarschmidt.

Wirtschaftsredakteur Poweleit wird noch deutlicher: "Die Unfallversicherung ist die größte Cash-cow der Konzerne - ein absolutes Nonsensprodukt." Seine Skepsis begründet Poweleit mit einer einfachen Zahl: "Bei Vollinvaliden liegt die Unfallquote bei zwei Prozent." Die Hauptursache für Invalidität seien dagegen Krankheiten wie beispielsweise ein Schlaganfall, die von der Unfallversicherung ohnehin nicht abgedeckt würden. Da sei es sinnvoller eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen.

Vor ungewollten Risiken schützen neben den vernünftigen Versicherungen und finanziellen Rücklagen laut Poweleit vor allem die richtigen Informationen: "Viele Schäden lassen sich vermeiden, wenn man sich vorher nur gut informiert." Gegen viele Risiken des Lebens gebe es ohnehin keine Versicherung.

Mehr zum Thema im stern.de-Versicherungsratgeber.

Von Peter Neitzsch