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Wirtschaftsmotor Musik: Berlin baut auf MTV-Umzug

Im April zieht der Musiksender MTV in seine neue Deutschland-Zentrale nach Berlin. Für die schwächelnde Wirtschaft der Hauptstadt bringt der Umzug frischen Wind.

Noch hängen Planen vor der Fassade, hinter dem Bauzaun dröhnen die Bagger. Doch in das frühere Lagergebäude direkt an der Spree soll schon im April der lang ersehnte Mieter einziehen: Der Musiksender MTV bekommt die Schlüssel für seine neue Deutschland- Zentrale in Berlin. Für die schwächelnde Wirtschaft der Hauptstadt ist der Umzug der rund 100 Beschäftigten von München ein weiterer Frischeschub. Denn in die Musikbranche als Wirtschaftsmotor setzt die Stadt nach einer Reihe von Ansiedlungen von Sony bis Universal Music große Hoffnungen - zum Ärger konkurrierender Metropolen. Im Herbst startet auch die Musikmesse Popkomm an neuer Adresse in Berlin.

Wenn es um die Standortfaktoren der Hauptstadt geht, kommen die Manager der Musikindustrie geradezu ins Schwärmen. "MTV und Berlin passen zusammen", sagt Sender-Geschäftsführerin Catherine Mühlemann und verweist auf die vielfältige Club- und Szenekultur und überhaupt die sprühende Lebensenergie der Kapitale. Auch im Deutschland-Sitz des Musikriesen Universal, der schon seit zwei Jahren am Spreeufer residiert, schätzt man das Umfeld vor allem für die kreativen Mitarbeiter. So etwas finde sich sonst nirgendwo in Deutschland.

Berlin wuchert mit günstigen Konditionen

Bei aller Begeisterung treiben die Unternehmen aber natürlich auch handfeste wirtschaftliche Gründe - gerade angesichts einbrechender Umsätze wegen der massenhaften illegalen CD-Kopien. MTV will im neuen Hauptquartier für sein deutschsprachiges Programm die bisher auf München, Berlin, Hamburg und London verteilten Aktivitäten stärker bündeln. Die Trennung sei auf Dauer sehr teuer, sagt eine Sprecherin. Zwar bleibe die Produktion des zweiten Programms MTV Pop vorerst in Hamburg. Geplant sei aber, später auch das Sendezentrum aus London umzusiedeln.

Das historische Gebäude im Osthafen, in das MTV zur Miete zieht, wurde eigens für gut zehn Millionen Euro herausgeputzt. Zwar lässt sich der Musikkanal nicht in die Kalkulation blicken. Kein Geheimnis ist aber, dass Berlin mit günstigen Konditionen wuchern kann und es auch tut. Der Ostteil ist Ziel-1-Gebiet der Europäischen Union. Dort lockt ein Höchstfördersatz von bis zu einem Drittel der Investitions-Summe - zum Missfallen von Rivalen wie Hamburg, das nach Universal mit 500 Beschäftigten auch die Verbände der deutschen Musikwirtschaft ziehen lassen musste. Auch mit dem Musikkonzern Warner redet Berlin über einen Umzug von der Elbe. "Wir sind ganz optimistisch", sagt ein Sprecher von Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS).

Senat baut auf Sog in die deutsche Musikhauptstadt

Überhaupt baut der rot-rote Senat auf einen Sog in die deutsche Musikhauptstadt, auf die sich inzwischen 60 Prozent des Branchen-Umsatzes hier zu Lande konzentrieren. Auch deshalb zog die größte Fachmesse Popkomm von Köln an die Spree, im Herbst steht unter hohen Erwartungen die Premiere an. Dass die Musikbranche allein die kränkelnde Industriestruktur Berlins mit rund 300.000 Arbeitslosen heilen wird, glaubt aber niemand. Von wichtigen Mosaiksteinen spricht der Wirtschaftssenator. Die Dynamik strahle außerdem auch auf das Image Berlins und nahe Branchen aus.

Experten warnen allerdings, dass wertvolle Standortfaktoren unter die Räder kommen könnten, weil der Senat wegen der immensen Schulden einen rigiden Sparkurs fährt. Dabei sind es besonders die zahlreichen Berliner Einrichtungen für Kultur und Wissenschaft, die kreativen Dienstleistern große Potenziale für Vernetzungen bieten, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung analysierte. Unter den zugezogenen Musikkonzernen regt sich derweil der Wunsch nach "ein bisschen mehr Internationalität". Das gelte auf jeden Fall für die Fluganbindungen, heißt es etwa bei Universal.

Sascha Meyer, dpa