Eine verfahrene Sache

8. Mai 2013, 19:43 Uhr

Sie ist wieder da, die Forderung nach einem Tempolimit auf Autobahnen. Doch was ist dran an den Argumenten? Würden so tatsächlich Abgase vermieden oder Leben gerettet? Ein Faktencheck. Von Harald Kaiser

Tempolimit 120, Gabriel, Autobahnen, Verkehrstote

In schöner Regelmäßigkeit wird gefordert, das Tempo auf Autobahnen auf 120 zu begrenzen.©

Man konnte die Uhr danach stellen. Die Diskussion um ein Tempolimit auf den Autobahnen ist wieder aufgeflammt. SPD-Chef Sigmar Gabriel hat sich in einem Interview für Tempo 120 stark gemacht. Weil, wie er ausführte, alle Statistiken eine Reduzierung der schweren Unfälle verheißen, sofern die Tempobremse kommt.

Wer sich mit dem Thema genauer befasst, kommt zu der Frage: Welche Statistiken liest der Herr oder lässt er lesen? Denn das sehr sensible Thema ist keineswegs so einfach, wie der vermeintlich SPD-Lebensretter glauben machen will. Fangen wir mit dem Hinweis an, dass es auf Seiten der Befürworter wie Gegner eines Limits schon lange nicht mehr um Wahrheiten geht, sondern um die Interpretation von Fakten. Also: um die Weltanschauung.

Am Ende gibt es oftmals ein Glaubensbekenntnis, das der eine besser vortragen kann als der andere. Oft reicht es deshalb in Talkshows, mit besorgter Miene und Betroffenheit im Ton von Abgas-Einsparungen zu reden und natürlich eine deutlich niedrigere Todesrate auf Autobahnen in Aussicht zu stellen. Das macht sich beim Talkshowpublikum zumeist gut und stellt Kritiker eines Tempolimits mit Vollgas in die Ecke der Zyniker. Im Handumdrehen hat man sich so das Etikett eingehandelt, der Rettung von Leben gleichgültig gegenüberzustehen.

Der Teufel steckt im Detail

Bevor man solch populistischen Käse wie Sigmar Gabriel von sich gibt, sollte man sich intensiv mit den Details befassen. Und die sind ziemlich vertrackt. Zum Beispiel die Zahl des "freien" Teils des gesamten Straßennetzes. Die Gegner sagen, das sind ja nur noch etwa 1,5 Prozent. Diese limitlose Zone müsse man erhalten. Genau umgekehrt argumentieren die Befürworter. Sie führen ins Feld, wenn es nur noch so wenige Streckenteile sind, dann könne man die ja schließlich auch eine Tempobremse einführen.

Oder der Punkt Durchschnittsgeschwindigkeit. Angeblich beträgt die 130 km/h. Genau weiß das keiner, weil sie schon seit Jahren nicht mehr erhoben worden ist. Die Gegner des Limits sagen, wir brauchen keine starre Begrenzung, die Leute fahren ja ohnehin nicht schneller. Die Befürworter meinen dagegen: Klasse, dann sind die Autofahrer ja daran gewöhnt, es spricht also nichts dagegen, eine Höchstgeschwindigkeit zu verordnen.

Ein weiteres Beispiel ist Kohlendioxid (Co2). Die Antifraktion führt ins Feld, dass die zwei bis drei Millionen Tonnen Co2, die durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung angeblich gespart werden könnten, in der Co2-Bilanz insgesamt keinen Fingerhut füllen würden. Das weiß auch die andere Seite. Sie sagt aber, dass man überall dort Treibhausgas sparen müsse, wo man es sparen könne.

Ganz heikel ist Sache mit den Todesopfern. Beide Lager wissen, dass der geringste Teils des Straßen-Blutzolls auf den Autobahnen zu beklagen ist. Dabei ist schon die Verwendung des Wörtchens "nur" kritisch. Machen wir es ganz sachlich: 2012 gab es in Deutschland 3606 Verkehrstote, davon nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes weniger als 400 auf der Autobahn. Weil es noch keine exakten Zahlen zur Unfallverteilung auf den verschiedenen Straßen für das Jahr 2012 gibt, hier zudem die Zahlen für 2011: Es gab 4006 Verkehrstote, davon 2441 auf Landstraßen, 1115 innerorts und 453 auf Autobahnen.

Die Landstraßen sind das Problem

Spricht die relativ geringe Zahl der Autobahntoten nun gegen ein Tempolimit? Oder sticht das andere As, das jedes gerettete Leben zählt? Emotional ist die Antwort klar. Aber sachlich? Unschwer ist an den Zahlen das eigentliche Problem zu erkennen: Die Landstraßen sind das Problem, und die sind mit 80 beziehungsweise mit 100 km/h limitiert. Dabei, das ist wohl weder den SPD-Experten noch Herrn Gabriel klar, ist nicht so sehr das Tempo entscheidend. Es sind vielmehr zwei Dinge, die auf der Autobahn keine oder nur selten eine Rolle spielen: der Gegenverkehr und Bäume.

Keinesfalls darf aber verschwiegen werden, dass etwa die Hälfte der Autobahntoten als Folge nicht "angepasster Geschwindigkeit" gelten. So sagt es das Statistische Bundesamt. Jedoch Zahlen oder Fakten, bei welchem Tempo die Menschen verunglückten, gibt es nicht. Die Statistik-Behörde betont dazu ausdrücklich, dass "die Unfallursachen von den aufnehmenden Polizeibeamten entsprechend ihrer Einschätzung in das Erhebungspapier eingetragen werden". Doch auf dem standardisierten Unfallmeldebogen gibt es kein Feld mit einer Tempo-Einschätzung, das der Beamte ankreuzen könnte. So bleibt nur eine Erklärung: Ist der Unfall mit tödlichem Ausgang auf einem freien Streckenteil passiert, wird wohl "nicht angepasste Geschwindigkeit" als Ursache vermutet.

Fakten und Ansichten

Es stellt sich also die Frage: Ist ein Raser, wer in der Stadt 70 statt 50 km/h und wer auf der Landstraße 100 statt 80 fährt? Oder nur jener, der mit 200 über die Autobahn brettert? Obwohl die Antworten auf der Hand liegen, ist es in der Wahrnehmung vieler so, dass die Autobahn automatisch gleichbedeutend ist mit hohem Tempo und damit einer hohen Gefährdung.

Da mischen sich also Fakten mit Wahrnehmungen und Ängsten, verdichtet zu Glaubensbekenntnissen. Zum Beispiel zu jenem, dass ein Tempolimit das Fahren angenehmer mache. Keine Drängler mehr, keine Raser, alles relativ entspannt. Ein womöglich naiver Glaube. Denn wer sagt denn, dass die Einheitsgeschwindigkeit nicht irgendwann einschläfernd wirkt oder die Fahrer dazu veranlasst, dichter aufzufahren? Was am Ende womöglich die erhoffte Senkung des Unfallrisikos ins Gegenteil verkehrt.

Kann aber auch sein, dass es bei dem Hickhack um etwas ganz anderes geht. Etwa um Sozialneid auf mehr PS? Um Trabi-Ideologie, dass jedermann auch auf den Straßen gleich sei? Gut möglich, dass die Limit-Befürworter im Mantel der Co2-Reduktion agieren und eigentlich die Gleichmacherei wollen. Wahrheiten gibt es zwar ein paar, aber die nutzt jeder nach Gusto. Zumal im sich anbahnenden Wahlkampf. Auch die Autoindustrie, die mit dem Hammer der Arbeitsplätze droht, wenn das Limit kommen sollte. Denn dann, so die Argumentation, brauche man keine technisch aufwendigen Autos mehr zu konstruieren, was wiederum zwangsläufig dazu führe, dass die hoch spezialisierten Ingenieure arbeitslos würden. Ob das wirklich so kommen würde, weiß auch keiner.

Ergo: Die Lage ist verfahren. Längst hat die Diskussion religiösen Charakter mit Eiferern auf beiden Seiten. Einen Königsweg aus dem Glaubensdilemma gibt es nicht.

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