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24. August 2008, 15:34 Uhr

"Datenverarbeitung ist Risikotechnologie"

Datenschutzexperte und -aktivist Ralf Bendrath erklärt im stern.de-Interview, welche Gefahr durch das Aufhäufen von Datenbergen droht, warum wir zu "borg"-artigen Mensch-Maschinen werden - und weshalb ihn der jüngste Bankdaten-Skandal freut.

"Die Schwemme immer neuer Überwachungsgesetze seit 2001 hat immerhin dazu geführt, dass mittlerweile eine neue Datenschutz-Bewegung entstanden ist", sagt Ralf Bendrath© Jörg Koch, DDP

Vor rund 20 Jahren formierte sich in Deutschland eine riesige Protestbewegung gegen die Volkszählung - aus Angst vor dem "Gläsernen Bürger". So gläsern wie heute war der Bürger noch nie, doch das stört nur wenige. Was ist passiert?
Der Niedergang der Datenschutz-Bewegung der 80er Jahre hat zum einen mit dem Schrumpfen der damals prägenden sozialen Bewegungen - Friedensinitiativen, Atomkraftgegnern, Hausbesetzern - zu tun. Diese Gruppen hatten die Volkszählung als direkten Angriff des repressiven Atomstaates verstanden und sich dagegen verbündet. Ein zweiter wesentlicher Faktor ist das Aufkommen des Internets in den 90ern. Das brachte zunächst einmal eine Attitüde des "Informationen-sind-frei" mit sich. Inzwischen sehen wir aber wieder deutlich mehr Bewusstsein für die Gefahren großer Datenhalden.

Die Gegner der Volkszählung verstanden das Wahren ihrer Privatsphäre als Beitrag zur Demokratie. Hat die Phrase vom "Kampf gegen den Terror" dazu beigetragen, dass nun gerade das Aufgeben der Pri-vatsphäre als demokratiedienlich angesehen wird?
Diese Behauptung, die ja im Kern bedeutet, man müsse den Rechtsstaat zu seiner eigenen Rettung abschaffen, hat vielleicht nach dem 11. September 2001 für eine Weile funktioniert. Inzwischen wird sie von immer weniger Menschen ernst genommen. Denn gerade in den Diskussionen um Lauschangriff, Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchung ist immer wieder deutlich geworden, dass eine Demokratie überwachungsfreie Räume braucht wie die Luft zum Atmen.

Sind überwachungsfreie Räume und die Hoheit über die eigenen Daten im Computer- und Internetzeitalter nicht sowieso dahin?
Es ist schwerer geworden als früher, seine Daten unter Kontrolle zu behalten, das stimmt. Und das liegt nicht nur am Internet, sondern auch an den explosionsartig wachsenden Speicher- und Verarbeitungskapazitäten - von denen neben den staatlichen Datensammlern auch eine unüberschaubare Zahl privater Datenkraken profitiert.

Würden Sie sagen, dass Soziale Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ zu einer Art Datenexhibitionismus verleitet haben?
Man sollte das nicht überdramatisieren. Es gab auch früher schon "private" Sachen in der Öffentlichkeit, die man lieber nicht mitbekommen hätte: betrunkene Jugendliche an der Bushaltestelle, der Jogginganzug aus Ballonseide oder Tatoos an unpassenden Stellen. Dass sich das Internet vom reinen Dokumentenserver hin zu einer Plattform für soziale Vernetzung und Vergesellschaftung entwickelt hat, ist im Prinzip eine tolle Entwicklung. Das eigentliche Problem ist eher der "Datenvoyeurismus", das "Online-Stalking".

Man kann aber doch nicht darauf hoffen, dass der andere freiwillig wegsieht.
Natürlich muss man stärker darauf achten, welche Informationen über sich man in welchen Kontexten mit welchen Leuten austauscht. Ein Problem sehe ich darin, dass der jungen Generation hier in vielen Fällen Vorbilder für vernünftiges und angemessenes Verhalten fehlen. Die Elterngeneration kennt Internet-Kontaktplattformen ja oft gar nicht. Aber da läuft gerade ein gesellschaftlicher Lernprozess ab. Die Leichtfertigkeit, mit der die Leute noch vor einer Weile ihre Daten auf jeder Webseite hinterlassen haben, ist gewichen.

Die EU verlangt eine Vorratsdatenspeicherung ungekannten Ausmaßes. Viele sagen: "Na und? Ich hab doch nichts zu verbergen."
Natürlich haben wir alle etwas zu verbergen. Und das wird übrigens gesellschaftlich auch so erwartet. Wir tragen Kleidung. Wir reden in der Öffentlichkeit nicht über bestimmte Themen. Wir veröffentlichen vielleicht unsere Email-Adresse auf einer Webseite, aber nicht den aktuellen Kontostand.

Welche Gefahr sehen Sie in den aufgehäuften Datenbergen?
Was mit den Datenbergen passieren kann, ist oft schwer vorherzusagen, weil das von dem abhängt, der sie nutzt, und davon, welche weiteren Daten er zur Verfügung hat. Daher ist die Verarbeitung persönlicher Daten im Grunde eine Risikotechnologie. Das bedrohlichste Potenzial hat dabei immer noch der Staat, da er über repressive Instrumente verfügt, die im Extremfall Menschen das Leben kosten können. Und ganz gefährlich werden Daten, wenn sie dazu benutzt werden, Menschen mit automatischen Computerentscheidungen zu diskriminieren.

Zur Person

Zur Person Der 40-jährige Politikwissenschaftler Ralf Bendrath forscht am Fachbereich "Technologie und Politik" der Technischen Universität Delft in Südholland. Von 2003 bis 2005 war er Koordinator der Datenschutz-Arbeitsgruppe der Zivilgesellschaft beim "Weltgipfel Informationsgesellschaft" der Vereinten Nationen. Er ist Autor bei netzpolitik.org und Mitglied im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung. Für den 11. Oktober 2008 plant der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung in Berlin eine Großdemonstration unter dem Motto "Freiheit statt Angst!".

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KOMMENTARE (5 von 5)
 
bR4iNST0RM (27.08.2008, 17:54 Uhr)
Jupp!
Wo sind denn nun die „ich-hab-nichts-zu-verbergen-Schlafmützen“?! Geht deren Gesäß mittlerweile auch auf Grundeis? Schön! (oder besser: Endlich!)
Diese „Sammelwut“ unter dem Deckmäntelchen „Kampf gegen den Terror“ ist reine Volksverarsche! Es gibt immer Mittel und Wege für Schwachmaten Namens „Gotteskrieger“, ihre verpeilten Pläne um zu setzen! Da wird auch die StaSi 2.0 kein Gegenspieler werden.
Und vor allem: Es wird noch nicht einmal hinterfragt, warum solche Vollpfosten sich im Namen ihres Gottes mit größtmöglichen „Kollateralschaden“ von der Erdscheibe zu katapultieren! Satt dessen wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen und schon sind wir alle Verdächtig! (Ausgenommen natürlich die, die das Gesetz gemacht haben oder im gleichen Boot sitzen!) Selbst der Schäuble ist da nur Statist… auch wenn er das gerne anders sieht.
Einzige Hilfe im Kampf gegen den Datenterror: Keine Daten herausgeben! Sicher: bei vielen Dingen ist es leider ein nötiges Übel, aber da weiß man in der Regel, wem man seine Daten gibt, das vereinfacht die Suche nach dem Schuldigen! Abgesehen davon gibt es immer noch den Widerspruch zur „innerbetrieblichen“ Nutzung der Daten.
faustjucken_de (25.08.2008, 13:45 Uhr)
Lösung: weißes Rauschen
In ein paar Jahren (Monaten?) werden alle Unternehmen und alle Staaten dieser Erde soviele private Daten gespeichert und gesichtet haben, dass niemand mehr unter vertretbaren Bedingungen und zu finanzierbaren Kosten tatsächlich etwas mit diesem Datenwust anfangen kann.
Schaut euch google an, vor ca. 5 Jahren noch waren die Suchergebnisse zu 90% passend, heute allenfalls zu 10%. Das wird noch schlimmer werden.
Schieres Datensammeln ersetzt eben nicht das eigenständige Denken.
Was man auch an den Anschlägen vom 11.09. sehen kann. Wären die Behörden in der Lage gewesen 1+1 zu addieren, wären die Anschläge zu verhindern gewesen, die Informationen lagen schon vor.
Vielleicht kommt auch bei mir wieder der große Backslash und ich schalte alles Digitale aus, kein Handy, kein TV, kein Internet, statt dessen gedruckte Bücher, Kochen, Vinyl, und Urlaub analog, nicht bei World-of-warcraft
--
www.faustjucken.de
norberto (25.08.2008, 11:28 Uhr)
der Hintergrund
Der 11.September und der damit begründete "Krieg gegen den Terror" sind nur als Vorwand etabliert worden
um Repressalien, Überwachung und schleichende Enteignung gesellschaftsfähig durchzusetzen.
Selbst der, durchaus demokratiefeindliche, Verfolgungswahn des Bundesinnenministers ist da nur Mittel zum Zweck.
...
zum sogenanten Datenskandal: vorne in der Verwertungskette stehen die Callcenter (und die Arbeitsagentur)
dann kommen Adresshändler die von großen Verlagen alimentiert werden,
am Ende steht ein staatlicher Lotterieeinehmer !! mit Sitz in Hamburg und damit der Fiskus.
Angerufen werden bevorzugt Leute mit niedrigem Bildungsniveau und Einkommen.
Von der Polizei geschnappt wurden nur einige lästige Trittbrettfahrer.
Haerpfer (25.08.2008, 08:05 Uhr)
Erinnerung an den März:

Als ich im März dieses Jahres das Bundesverfassungsgerichtsurteil analysierte, habe ich auf die Missbrauchsmöglichkeiten von Telefondaten hingewiesen und das Gefahrenpotential privater Dienstleister.
Die Reaktion lasse ich (besonders) an dieser Stelle aus.
Noch trauriger aber ist, dass meine Analyse vom März sich dann Woche für Woche mehr bestätigte. Daher zur Erinnerung, hier der Artikelausschnitt:
„Wenn die Telefon- und Internetprovider verpflichtet sind, bestimmte Verkehrs- und Standortdaten, die bei der Nutzung von Telefon, Handy, E-Mail und Internet anfallen, für einen Zeitraum von sechs Monaten zu speichern, so werden alle diese Daten Objekt der Begehrlichkeit bleiben. Sind solche Daten erst einmal erfasst, dann werden sie auch früher oder später genutzt werden.
Bislang haben wir immer nur über staatliche Ermittler uns Sorgen gemacht. Aber: All diese sensiblen Daten befinden sich zunächst in den Händen von Privatfirmen. Jeder von uns hat bestimmt schon so seine Erfahrungen mit deren call center gemacht. Wer dort arbeitet, verdient oft nicht mehr als fünf Euro. Und soviel Lebenserfahrung sollte jeder haben, um sich vorzustellen, was es heißt, ausgerechnet die sensibelsten Daten in die Hände von Menschen zu geben, die nur das Existenzminimum verdienen.“
Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27574/1.html
Sternchen2020 (24.08.2008, 17:32 Uhr)
Fehlgeleitete Nutzung
Im Prinzip liegt das Problem in einer fehlgeleiteten Nutzung des Internets, der wohl größten Erfindung aller Zeiten. Von den Machern war dies ganz anders gedacht. Genutzt wurde es dann leider aber auch von jenen, die sich Vorteile versprechen, durchaus auch krimineller Natur. Denn Missbrauch von Daten, ganz gleich wer das macht, ist kriminell. Selbst dann, wenn beispielsweise Behörden es über jedes Maß nutzen, auch wenn der Mantel irgendwelcher angeblicher Zwänge darüber gehängt wird.
Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als beispielsweise Behören glaubten, ich käme von einem anderen Stern, nur weil ich nach einer Mail- oder Webadresse gefragt habe. Die gleichen Leute stürzten sich später ins neue Medium, ohne jeglichen Sachverstand und nur darauf aus, persönliche Vorteile zu generieren. Abgesehen davon, dass diese "Experten" ohne jegliche Kenntnisse anfingen, das Internet fehlgesteuert zu nutzen. Sie haben haben bis heute nicht daran gedacht, einmal zu hinterfragen, ob sie überhaupt das Recht dazu haben. Sie nutzen, missbrauchen und reizen eine Erfindung aus, für deren Entwicklung sie nie etwas bezahlt haben. Da beginnt schon die Fehlleitung und sie endet vorerst an der Stelle, dass Leute mit Halbwissen mit Datenschutz im Internet betraut werden oder Trojaner auf die Reise schicken, um versteckte Auspähungsaufgaben wahrzunehmen. So wird die - in meiner Sicht - tatsächlich weitreichendste Entwicklung zu etwas ummodifiziert, was die Erfinder so nie wollten. Es sollte ein zukunftsweisender Fortschritt werden, angesichts des Missbrauchs entwickelt sich das Ganze langsam jedoch zum Gegenteil.
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