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11. Dezember 2009, 17:37 Uhr

Kein Filter gegen Würgespiele

stern.de-Kolumnist Scheibe bekommt es in dieser Woche mit Würgespielen unter Jugendlichen zu tun: An der Schule seines Sohnes stirbt ein Gymnasiast bei einem "choking game". Die Lehrer klären auf, Schuld ist am Ende wieder einmal das Internet. Die Forderung nach Filtern wird laut. Nur bringt das leider nix.

 
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Carsten Scheibe© Screenshot

Die Medien sind voll mit entsprechenden Berichten: In den USA würgen sich Schüler selbst oder gegenseitig bis zur Ohnmacht. Hinter dem sinnbefreiten Tun steckt die Suche nach einer neuen Droge: Man soll sich wie berauscht fühlen, wenn das Hirn keinen Sauerstoff mehr bekommt. Die Tagesschau meldet Würgespiele mit tödlichen Folgen aus Frankreich, "Bild" zählte bereits vor einem Jahr die Toten.

Jetzt wurde auch in Deutschland ein Todesfall bekannt. Ein 14-jähriger Gymnasiast namens Jacob aus Brandenburg ist in dieser Woche gestorben. Er war allein zu Haus und hatte sich mit einem Strick für kurze Zeit die Atemluft nehmen wollen. Das unbeaufsichtigte Experiment misslang, die Eltern fanden den Sohn tot vor. Auf dem Computer des Schülers soll noch die Online-Anleitung zum Würgespiel zu sehen gewesen sein: Eine Anleitung zum versehentlichen Selbstmord.

Der Fall betrifft mich nicht direkt, aber er trifft mich. Der Gymnasiast ging auf die gleiche Falkenseer Schule wie mein Sohn, auf das örtliche Lise-Meitner-Gymnasium. In dieser Woche - es ist eben noch ganz frisch - wurden zu Recht alle Veranstaltungen in der Schule abgesagt, auch das "Public Viewing" der Pro-7-Sendung "Popstars", dessen Finalist Nic aus der gleichen Schule stammt. In die Leere zielt die Frage vieler Eltern: Wie konnte das passieren? Und: Wie kann man das verhindern?

Jugendliche loten Grenzen aus

Die Sozialarbeiterin aus unserem Ort erklärte in einem Interview sehr gut, dass Jugendliche schon immer versucht haben, Grenzen auszuloten und zu überschreiten. Da sei das Würgespiele mit Hundeleinen, Gürteln oder anderen Schnüren eben nur ein Experiment von vielen. Nur eben eins, das furchtbar schiefgehen kann.

In den Tagen nach dem Unfall gab es kaum ein anderes Thema im Ort. Es fanden Belehrungen in den Grund- und fortführenden Schulen statt und die Eltern mussten Zettel unterschreiben, dass sie diese Belehrungen zur Kenntnis genommen haben. Und es wurde von vielen Seiten der Ruf laut, dass Eltern doch bitte schön einen Filter auf den Rechnern der Kinder installieren sollen, der das Laden solcher Würgespiel-Homepages gleich verhindert.

Nun: Hier muss man gleich einmal intervenieren. Es gibt gute Schutzsysteme wie die Kindersicherung 2010 , die tatsächlich einen Filter anbieten. Dieser Filter verhindert auf dem Rechner der Jugendlichen den Aufruf von bekannten Sex-, Gewalt- und Betrugsseiten. Diese Filter funktionieren auf zweierlei Weise. So können sie generell den Zugriff auf Web-Seiten verhindern, wenn auf ihnen bestimmte Wörter wie "Gangbang" oder so verwendet werden. Und sie können den Zugriff blockieren, wenn die konkrete Web-Adresse auf einer internen schwarzen Liste steht.

Eltern, die den Zugriff auf Würgespiele blockieren möchten, müssten den Filter manuell erweitern und dabei entweder das Wort "würge" manuell in den Filter eingeben oder aber jede einzelne Seite ausfindig machen und blockieren, die sich mit dem Thema beschäftigt. Da das Thema aber in allen großen Tageszeitungen auch online schon ausgewalzt wurde, gibt es kaum eine Möglichkeit, das noch so zu blocken, dass die Kids das nicht mehr aufrufen können. Wobei der ganze Filter auch schon wieder für die Katz ist, wenn die Jugendlichen an einem anderen Rechner - etwa in der Schule - surfen oder den Web-Browser im Handy verwenden.

So oder so: Mutproben wie das Würgespiel sind eigentlich reine Mundpropaganda-Geschichten, die verbreiten sich weniger über das Internet als vielmehr wie ein Lauffeuer auf dem Pausenhof. Wie sagte meine studentische Hilfskraft, die auch bei uns im Ort zur Schule gegangen ist: "Ach, diese Würgespiele, die kannte man schon zu meiner Zeit. Das ist ein ganz alter Hut."

Hier im Ort sind die Schüler sicherlich sensibilisiert und abgeschreckt. Hier sehen sie, dass dieses dämliche Spiel ein sehr böses Ende nehmen kann. Ich denke aber, dass das drei Orte weiter schon wieder nicht mehr der Fall ist. Da fühlen sich die Jugendlichen noch unsterblich - wie das in der Pubertät nun einmal so ist. Und das ganze Warnen und Aufklären der Eltern wird das Spiel eher noch interessanter machen. Wollen wir hoffen, dass die meisten Kids nachdenken und sich aus den "choking games" lieber heraushalten.

Ein Kommentar von Carsten Scheibe, Typemania

Mehr von Carsten Scheibe Carsten Scheibe geht unter die textBOOSTer und bringt die Texte anderer in Form, sodass sie sich frisch, verständlich und kundenorientiert lesen lassen. Ganz egal, ob es um Homepages, Newsletter oder um PowerPoint-Präsentationen geht: Nicht nur auf die äußere Form, sondern auch auf den Inhalt kommt es an. Wer Probleme hat, selbst die richtigen Worte zu finden, beauftragt eben einen professionellen Buchstabenjongleur.

 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
nerventanz (12.12.2009, 18:48 Uhr)
@laketahoe
> Jugendschutz war immer wichtig und er ist es heute in Zeiten des Internet

Jugendschutz ist primär die Aufgabe der Eltern. Das hat mit dem Internet nichts zu tun. Ein Kind unbeaufsichtigt im Web laufen zu lassen, ist das gleiche wie es einfach auf die Autobahn laufen zu lassen.

> Großziehen von Kindern immer weniger beherrschbar

Das ist das Versagen von Eltern. Mit Gesetzen und Zensur (Staatsgewalt) kommt man da aber nicht weiter. Es kann ja sein, dass wenn ein Kind mal seine Malzeit nicht aufisst, jemand die Lust hat direkt die Polizei anzurufen (Entlastung wegen Misshanldungsvorwürfen und Zulassung von Verhungern). Aber ich habe keine Lust, mich auf diese Weise dauernd rechtfertigen zu müssen. Ich sehe aber, dass die Zukunft dahin führt.

> die schlichtweg nur schädlich sind

Es ist schädlich, Dinge NICHT zu veröffentlichen. Ich kann mich erinnern, nach einigen Chemikalien im Web gesucht zu haben, deren medizinische Bedeutung ich erforschen wollte. Leider standen die Dinge eng mit Explosivstoffen in Relation. Ich konnte die Antwort auf deutschen Seiten nicht finden. Es ist zensiert, aber leider auch relevant für ein Examen im Studium. Ist schon blöd oder nicht?

> Die Meinung, die Sie hier ganz offen zu Symbolen der Nazizeit preisgeben, ist in meinen Augen nicht zu tolerieren.

Sie haben offenbar Angst vor den Symbolen. Ich nicht. Ich habe eher Angst vor den Taten dahinter. Die Symbole können nichts dafür und sie zu verwenden bedeutet auf keinen Fall einer bestimmten Gesinnung zu folgen. Das ist sehr einseitig gedacht.

Das hat nichts mit Verherrlichung von Gräueltaten zu tun, wenn man ein Spiel veröffentlicht, in dem man gegen Nazis kämpft und dort drin die Symbole auftauchen. Ich weiß nicht, wie schwer von Begriff man sein muss, um das nicht zu verstehen.

> Woanders hätten Sie mit dieser Gesinnung ziemlich schnell einen Staatsanwalt an der Backe.

Erstens, wegen meiner Meinung kann ich eben keinen Staatsanwalt an der "Backe" haben. Und zweitens haben Sie mich mit Ihren Vorurteilen schon längst überholt und als einen Nazi abgestempelt. Wenn Sie mich persönlich kennen würden, würden Sie sich wohl sehr dafür schämen.

> wofür zum Teufel braucht irgendjemand auf Erden [...] ein Hakenkreuz

Es ist ein religiöses Symbol. Es ist auch ein sehr einfaches Symbol, das Punktsymetrien aufweist, die häufig zu finden sind. Die Menschen lachen oft, wenn sie die Ähnlichkeit feststellen. Solche Scherze findet man oft im Web.

Noch einmal... ich bin auf keinen Fall ein Nazi oder sowas. Ich brauche auch nicht unbedingt ein Hakenkreuz und prinzipiell ist mir das Verbot auch egal. Mir ist aber auch zum Beispiel Fußball egal, kann man auch verbieten. Halte ich auch teilweise für sinnvoll angesicht der ganzen Hooligans. Aber ehrlich gesagt... ist es falsch, solche Verbote auszusprechen. Ich schaue nur mit Mitleid auf die Deutschen wie sie sich selbst geißeln.

Es wäre grundsätzlich ein schöneres Land hier, wenn man tatsächlich auf die Menschen schaut und vor allem unvoreingenommen ist. Solche Pauschalurteile, die aus Veröffentlichungen (Text und Bilder) einer Person folgen, halte ich für grob falsch. Zensur ist immer falsch, damit bringt man jemanden zum Schweigen, wo Diskussionsbedarf ist.

Ich hätte übrigens einen Freund weniger, wenn ich ihn damals, bevor er mich kannte, in die "Nazi-Mülltonne" befördert hätte, anstatt mit ihm normal umzugehen und ihn zurück zu gewinnen in die Welt der Vernunft. Ohne Vorurteile geht das am besten. Am Ende hat er sich bei mir bedankt und erklärt, dass er alle Verbindungen zu solchen komischen rechten Vereinen abgebrochen hat. Dies ist eine der schönsten Erinnerungen, die ich habe.

Naja... vielleicht gehe ich grundsätzlich anders mit meinen Mitmenschen um.
laketahoe (12.12.2009, 12:51 Uhr)
@nerventanz Ihre Stärken dürften woanders liegen....
Was Sie hier gepostet haben, kann man in Ihrem Interesse gar nicht ernst nehmen.

Jugendschutz war immer wichtig und er ist es heute in Zeiten des Internet - wie auch an dieser Geschichte unschwer zu erkennen - umso mehr.

Kein Elternteil konnte das früher leisten und kann es heute umsoweniger, als die Multiplikatoren die Probleme beim Großziehen von Kindern immer weniger beherrschbar machen.

Das hat noch lange nichts mit Zensur zu tun, auf der Grundlage von Gesetzen, von denen zwei bis drei tatsächlich Sinn machen, Dinge zu verbieten, die schlichtweg nur schädlich sind.

Die Meinung, die Sie hier ganz offen zu Symbolen der Nazizeit preisgeben, ist in meinen Augen nicht zu tolerieren.

Auch wenn Deutschlands Gerichte auf dem rechten Auge etwas blind sind, kann es nicht angehen, dass ganz anders als in anderen Ländern solche Taten in Deutschland auf ewig ungestraft beliben ...

Es ist eben nicht Ausdruck der Beachtung des Rechtes auf freie Meinungsäußerung, mit Hakenkreuzen und dergleichen zu spielen. Es ist eine Verherrlichung des Dritten Reiches, die dadurch ausgedrückt wird, und die ist strafbar.

Woanders hätten Sie mit dieser Gesinnung ziemlich schnell einen Staatsanwalt an der Backe.

Ich hoffe sehr, es geht Ihnen dabei nicht um Ihre eigene Straffreiheit, so unverhohlen, wie Sie hier dafür geworben haben.

Denn, wofür zum Teufel braucht irgendjemand auf Erden (außer ein Historiker fürs Bücherschreiben) ein Hakenkreuz?
nerventanz (12.12.2009, 09:48 Uhr)
Ich bin gegen jegliche Zensur
Ob das Bombenbauanleitungen sind, ein Hakenkreuz, Hitlerabbildungen, Gewaltverherrlichung, Beleidigungen, Verleumdungen oder nicht kindergerechtes Internet.

Ich bin dafür, dass die Menschen selbst ihr Hirn einschalten und sich ein Bild machen DÜRFEN. Das gehört zur Meinungsfreiheit dazu. Auch evtl. dass Leute, die falsche Meinung haben. Das muss man einfach akzeptieren und durch Bildung ausgleichen.

Was Kinder anbetrifft. Jedes Elternteil ist in der Pflicht auf die Kinder aufzupassen! Ich lasse ja mein Kind auch nicht die Straße nutzen, bis ich sicher bin, dass es WEISS wie sie zu nutzen ist. Die Straßen wegen Kindern zu sperren bringt gar nichts. Eltern und Kinder gewöhnen sich nämlich dran und werden bei der nächsten Straße, die normal ist überfahren.

Es kann nicht ein Verbrechen sein, irgendetwas zu veröffentlichen. Das Gesetz kann allerdings mit einer Veröffentlichung, aus anderen Gründen verletzt werden. Es ist ja wohl sehr kontraintuitiv, jemanden zu verklagen, der einfach ein Hakenkreuz veröffentlicht. Damit ist kein Verbrechen nachgewiesen und das auch, wenn die Motivation dahinter allgemein schlecht ist. Verbrechen sind Taten und nicht Worte.

Schutz vor Gefahren muss durch Bildung und Wissen existieren. Gesunden Menschenverstand sollte man nicht nur bevorzugen sondern konsequent bilden lassen.

Aber nein... Deutsche machen lieber das Alleralbenste der Welt, sie machen Gesetze. Klar! Jeder Verbrecher wird sich plötzlich an Gesetze halten. Denkt mal drüber nach, was für ein Blödsinn hier gemacht wird.
Corazito3333 (11.12.2009, 20:00 Uhr)
da hat er recht.............
schon James Dean hatte in den 50igern eine Waffe und hat geschossen........... also das Internet ist nicht schuld, die Erziehung der Mangel an Vorbilder, oder sollen die raffgierigen Banker, Manager...als Vorbild herhalten. Die alten Sprüche, Ehrlichkeit währt am längsten.....hahaha.....
spamonmass (11.12.2009, 18:24 Uhr)
auch wenn
viele enttäuscht sein werden, man kann nunmal nicht alles aus dem internet verbannen. weder würgespiel, noch gewalt, noch sex.

es gibt trends unter kinder und jugendlichen, und die werden dann ausgelebt.
vor paar jahren bekam man noch problemlos brauschenden mohn im supermarkt, jugendliche haben schon immer gesoffen, kleber- und feuerzeuggas geschnüffelt. und das ging schon so, bevor irgendwer ans internet gedacht hat.
sicher ist es ggf einfacher detaillierte informationen aus dem internet zu bekommen, aber würde eine zensur dieses problem vermeiden? ich glaube nicht. der interessierte jugendlich bekommt die gewünschte information. diese auch offline.
Scheibes Kolumne

Seit 1990 lebe ich als freiberuflicher Journalist vom Schreiben. Das war schon immer ein Traum. Kurios: Als Diplom-Biologe mit Kernfach Bakteriengenetik hat es mich in den PC-Journalismus getrieben.

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