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8. Februar 2008, 16:23 Uhr

Wo bleibt nur die Zeit?

Wir alle kaufen uns regelmäßig einen neuen Computer, weil der schneller ist als der alte und wir auf diese Weise viel Zeit sparen. Fragt sich nur - wobei? stern.de-Kolumnist Scheibe begleitet einen typischen PC-Anwender durch einen Tag und ist entsetzt, wie viel Lebenszeit doch täglich für völlig sinnlose Dinge "ausgegeben" wird.

 

© Carsten Scheibe

7:50 Uhr: Endlich. Die Kinder sind in der Schule, der Stau auf dem Weg zum Büro ist überstanden und der Kaffee in der Küche ist noch warm. Jetzt wird der PC angemacht, die Arbeit kann beginnen. Moment, noch nicht ganz. Erst müssen die neuen E-Mails gelesen werden. 359 sind es, die in der Nacht neu hinzugekommen sind. 350 davon sind reiner Spam.

Nach einer sorgfältigen Sichtung dieser Werbe-Mails und einer damit einhergehenden und sehr offenherzigen Aufklärung in Sachen Sexualkunde bleiben doch immerhin noch 9 Mails übrig. Fünf davon stammen von Freunden, die lustige PowerPoint-Anhänge und Spaß-Videos mitschicken. Klar, dass die nach einer ersten Begutachtung gleich an alle Bekannten und Verwandten aus dem eigenen Adressbuch weitergeleitet werden müssen. 3 der 4 verbleibenden Mails bestehen aus Newslettern. Eine Mail bleibt übrig. Die ist von Kumpel Peter, der zu Arbeitsanfang dran gemahnt: Bleib sauber, Alter!

8:42 Uhr: Die E-Mails sind abgehakt, jetzt kommen die Web-Seiten dran. Wie gut, dass man im Firefox gleich mehrere auf einmal aufrufen kann. Klar, zum Frühstück muss erst mal ein guter News-Cocktail her. Bild, Stern, Spiegel, Bunte: Hier gibt es das neueste Allgemeinwissen. Hmmm, vielleicht ist es am Ende doch ein bisschen mehr Bild und Bunte, was gelesen wird. Und noch mehr Viply.de und DWDL.de - aber mit Klatsch kommt man im Büroalltag und in der Kantine eben doch immer noch ein bisschen weiter als mit langweiligen Fakten, Fakten, Fakten. Ach ja, der Online-Focus muss auch noch rasch gelesen werden.

10:00 Uhr: Ein wichtiger Geschäftspartner ruft an. Wie gut, dass der Anrufmonitor bereits beim ersten Klingeln den Namen und die Telefonnummer auf dem Bildschirm anzeigt. So ist es kein Problem, den Anrufer abzuwimmeln und ihm per Tastendruck vorzumachen, der Anschluss wäre gerade besetzt. Der Moment ist auch wirklich zu ungünstig. Gerade ist doch iTunes offen, um zu schauen, ob es neue CDs gibt, die man sich gleich saugen könnte. Natürlich nicht bei iTunes selbst, sondern bei einem der Radio-Suchdienste, die die vorgegebenen Songs legal und gratis im Web-Radio mitschneiden. Das Leben ist schließlich teuer genug.

10:36 Uhr: Zeit für eine Pause. Erst wird gechattet, dass sich die Balken biegen, dann müssen wichtige Foren besucht werden. Schließlich gibt es nichts Spannenderes, als sinnlose Blabla-Texte mit eigenen BlaBla-Kommentaren zu versehen. Das Kommentieren von Web-Texten aller Art ist zweifelsohne eine absolute Modeerscheinung. Richtig Spaß macht sie aber allen Teilnehmern erst dann, wenn die Fetzen fliegen. Aus diesem Grund ist es ganz besonders wichtig, als neuer Kommentator auf einer Web-Seite erst einmal ein paar zünftige Beleidigungen in alle Richtungen auszusprechen. Erst wenn der Ton entgleist und die Ankündigung künftiger körperlicher Verweise ausgesprochen ist, kommt so eine Online-Diskussion erst richtig in Gang.

12:00 Uhr: Die Kollegen sind schon in der Mittagspause? Dann ist es Zeit, ein wenig sexeln zu gehen. Die einschlägigen Rotlicht-Seiten im Web zeigen per Mausklick jede Fantasie und vereinen Pixel zu geschlechtlichen Aktivitäten, die besser niemals ein Jugendlicher erblicken sollte, der noch pubertiert und sich in der sexuellen Prägephase befindet. Ansonsten hat dieses Land keine Zukunft mehr. Dass zusammen mit den Nackedeis auch jede Menge Viren und Trojaner auf die Festplatte des Rechners gelangen - egal. Ist doch nur ein Firmenrechner. Mit den Worten "Da kenn ich mich ehrlich nicht mit aus. Dafür bin ich auch nicht angestellt worden", lassen sich alle Probleme gut an den Sys-Admin übergeben.

13:00 Uhr: Die Kollegen sind wieder da. Jetzt ein Spielchen? Na gut, aber nur eins, weil ja das Essen ausgefallen ist. Komisch, dass die Zeit am Rechner immer viel schneller verfliegt als im restlichen Universum. Gerade läuft alles so richtig rund und gut, da kommt doch glatt der Chef und fragt, ob der neue Auftrag schon erledigt ist. Auftrag? Welcher Auftrag? Tatsächlich, da liegt einer im Fax. Wer schickt denn Aufträge noch auf diese antiquierte Weise? Dann muss er sich auch nicht wundern, wenn die Bearbeitung entsprechend lange dauert.

15:00 Uhr: Nachdem das Spiel beendet wurde, geht auf einmal das E-Mail-Programm nicht mehr. Das Reparieren bringt nix, alles wird neu installiert. Blöder Computer. Kein Wunder, dass die Arbeit einfach nicht fertig wird. Wie soll man das denn auch schaffen?

16:05 Uhr: Gleich Feierabend. Lohnt es sich da noch, mit der Arbeit anzufangen? Wohl kaum. Stattdessen wird noch ein bisschen im Web gesurft. Dieses Life-Shopping auf guut.de und Konsorten macht echt Laune. Jeden Tag gibt es da etwas anderes zu kaufen - und zwar zum Schnäppchenpreis. Mist. Jetzt ist der Feierabend auch schon da. Sicherlich läuft der Tag morgen besser…

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

Mehr von Carsten Scheibe In seiner Freizeit geht Carsten Scheibe golfen - und arbeitet daran, dass der Golfball auf der selben Bahn ankommt, von der er abschlägt. Wenn's mit dem Spielen nicht so gut klappt, schreibt er lieber - für das eigene, kostenfrei in den Golf-Clubs ausliegende Magazin "Mein Golf-Heft". Das gibt's mit allen Artikeln auch im Internet. Natürlich ist der PC auch hier ein Thema.

 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
senf-dazu-geben (09.02.2008, 10:52 Uhr)
Geld ist Zeit
Es entsteht natürlich auch die Überlegung, wie viel Zeit darauf verwendet werden muss, um das Geld für den Kauf eines neuen PCs zu verdienen. Voraussichtlich erheblich mehr, als darüber später eingespart wird, mal völlig abgesehen davon, dass es aus gesundheitlichen Gründen eh nötig ist, einmal pro Stunde vom Rechner aufzustehen und ein Rechner für den Office-Anwender ohnehin keine 3 GHz benötigt. Ich arbeite daher am liebsten mit Computern, die ich mir gebraucht kaufe und die schon ihre 4 Jahre auf dem Buckel haben. Die sind schön billig zu haben.
gmathol (09.02.2008, 07:40 Uhr)
@chucko
Im Spiegel gibt es einen Herrn Hendrik Boeder der Hasstiraden und Ausrottungspropaganda voellig legal gegen Muslime und Palestinenser verbreiten darf.
Da sind mir solche mittelmaessige Kolumnen wie von Scheibe doch geradezu symphatisch.
Mickey_Mouse (09.02.2008, 00:38 Uhr)
Mit dem PC spart man die Zeit...
... die man ohne PC eh übrig hätte!
Andererseits erinnere ich mich gerne an die besinnlichen Zeiten zurück, in der nachts ein Defragmentierungstool regelmässig die 10 MB große Festplatte aufräumte und kurz vor Feierabend noch schnell (in einer Stunde) ein Backup auf 30 Disketten gezogen wurde.
Warum ist DOS 6.0 heute nicht mehr zeitgemäß? Klar, weil das Booten des gesamten Betriebssystems mit Windows 3.11 auf heutigen Standard-PCs grad mal eine Sekunde dauert! Solche Hektik ist doch Gift für den Alltag und irgendwie kann doch ein Programm, welches nicht mindestens auf eine DVD daher kommt nicht wirklich sinnvoll sein.
Heute ist eben alles viel besser. Da möchte ich einen Beitrag in ein Forum posten und das Entziffern des Captchas dauert länger als das Schreiben des Postings. Warum nur habe ich damals für das anschliessen des Modems und die Einwahl ins Fidonet weniger Zeit gebraucht als zum Tippen des gleichen Postings?
Immerhin ist doch eine Sache wirklich besser geworden: Statt einem 640*480 Pixel EGA-Monitors mit 16 Farben steht nun ein 21-Zoll LCD mit einigen Millionen Farben verteilt auf viermal so vielen Bildpunkten vor mir, aber komischerweise erscheint selbst stern.de für Handy-Displays entworfen zu sein...
chucko (08.02.2008, 20:43 Uhr)
Aha!
Welche Verdienste führen eigentlich dazu, dass Herr Scheibe auf stern.de immer wieder Banales mittelmäßig beschreiben darf und dabei die Gelegenheit erhält, seine vielfältigen Geschäftsideen zu promoten und bezahlte Botschaften an den Mann zu bringen?
Scheibes Kolumne

Seit 1990 lebe ich als freiberuflicher Journalist vom Schreiben. Das war schon immer ein Traum. Kurios: Als Diplom-Biologe mit Kernfach Bakteriengenetik hat es mich in den PC-Journalismus getrieben.

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