. .
News am 21.11.2009
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
6. Juni 2005, 12:30 Uhr
Schriftgröße: A A A

"Oh mein Gott"

Für seine Anhänger ist Apple-Chef Steve Jobs ein Guru, für seine Kritiker ein Egomane. Fest steht: Mit seinem Musikplayer iPod revolutioniert er die Unterhaltungsbranche

Immer wenn AppleChef Steve Jobs einen neuen MP3-Player wie den Ipod mini präsentiert, kann er sich des Jubels seiner Fans gewiss sein© Marcio Jose Sanchez/ AP

Der Mann hatte wieder mal eine seiner Ideen. Einen neuen Musikladen im Internet wollte er schaffen, etwas Unerhörtes; etwas, das die Käufer seines iPods immerfort mit frischen Hits versorgt und bei allen anderen das Verlangen weckt: "Das muss ich auch haben!" Aber die Plattenbosse zierten sich. Also bat Steve Jobs um ein Treffen und tat das, was er am besten kann: Er predigte. Stundenlang erklärte der Chef des Computerherstellers Apple den Musikmanagern, wie sie Raubkopierer wieder zu Käufern machen könnten. "Steve hatte eine ganz klare Vision, ich war beeindruckt", erinnert sich Ted Cohen von der Plattenfirma EMI. "Nach so einem Treffen geht man raus und denkt: Wow!"

Es war eine typische Vorstellung à la Steve Jobs, voller Charme, Wortgewalt und Überredungskunst - und am Ende bekam er genau das, was er wollte. Ein paar Monate nach dem Treffen konnte der Apple-Boss seinen iTunes Music Store vorstellen, den ersten Musikladen im Internet, bei dem alle großen Plattenfirmen mitmachten. Inzwischen hat Apple mehr als 250 Millionen Songs verkauft - und zehn Millionen iPods, fast die Hälfte davon allein im Weihnachtsgeschäft. Der Gewinn sprudelt, die Aktie steigt, innerhalb eines Jahres von 22 auf mehr als 70 Dollar. "Steve hat Apple wieder relevant gemacht", lobt Michael Gartenberg, PC-Experte beim Marktforscher Jupiter Research in New York. Nun muss es Jobs nur noch gelingen, auch wieder mehr Computer zu verkaufen. Denn über die Jahre ist seine Firma im Kampf mit Windows-Computern auf unter zwei Prozent Marktanteil gerutscht - auch, weil Macintosh-Rechner immer etwas teurer waren als herkömmliche PCs. Jetzt aber kommt der Mac mini auf den Markt: ein Rechenzwerg, kaum größer als eine Keksdose, zu haben ab 490 Euro.

Als der Apple-Anführer den kleinen Kasten kürzlich auf der Macworld-Messe in San Francisco enthüllte, feierten ihn seine Anhänger ekstatisch. Zu Tausenden waren sie ins Konferenzzentrum gepilgert, klatschten, johlten, riefen "Oh mein Gott!". Und es war nicht unbedingt klar, wen sie meinten - den neuen Computer oder den Mann auf der Bühne: ihren Messias in Turnschuhen, der wie immer jugendlich gekleidet vor ihnen stand, in Jeans und schwarzem Rollkragenpulli, auch wenn sein Haar sich lichtet, der Bart ergraut ist und man ahnen konnte, dass er Ende Februar 50 Jahre alt wird.

Apple hat nicht einfach Kunden, sondern fanatische Gefolgsleute. Menschen, die sich das Firmenlogo eintätowieren lassen oder gar ihr Baby "Apple" taufen, wie die iPod-Enthusiastin Gwyneth Paltrow. Wer Apple leitet, ist deshalb schon von Berufs wegen Kultfigur. Steven Paul Jobs kommt am 24. Februar 1955 in Green Bay, Wisconsin, zur Welt. Die leiblichen Eltern geben ihn zur Adoption frei, er wächst in der Nähe von San Francisco auf, sein Adoptivvater springt erfolglos von einem Arbeitsplatz zum nächsten. Als der Lehrer fragt, was für ihn das größte Rätsel im Leben sei, antwortet der neunjährige Steve: "Warum ist meine Familie bloß immer so pleite?"

Jobs' Weg zu Ruhm und Reichtum verläuft alles andere als zielstrebig. Nach der Schule lungert er eine Weile an der Uni herum, probiert allerlei bewusstseinserweiternde Pillen und Gräser, pilgert nach Indien und schaut zwischendurch immer mal wieder bei seinen Freunden im Silicon Valley vorbei. Einer vor allem entwickelt sich über die Jahre zu seinem besten Kumpel: Steve Wozniak, fast fünf Jahre älter, aber ein ewiges Kind mit sonnigem Gemüt und genialischem Talent für alles Elektronische.

Die beiden sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Rings um sie herum entstehen die Giganten eines neuen Wirtschaftszweigs - Hewlett-Packard, Intel, Xerox, Atari, die Liste wird jeden Tag länger. Wozniak heuert bei HP an; Jobs bei Atari. Er ist kein Techniker, aber er weiß sich zu verkaufen - und wenn er nicht weiterkommt, bittet er seinen Freund um Hilfe. Jobs der Vermarkter, Woz das technische Wunderkind - so läuft das auch bei der Firma, die die beiden gründen, als sich abzeichnet, dass die Welt reif ist für PCs - "persönliche Computer".

Während der eine Steve über Schaltkreisen brütet, läuft der andere durch die Nachbarschaft und versucht, Startkapital aufzutreiben. Nicht ganz einfach, denn Jobs ist zu jener Zeit ausschließlich barfuß unterwegs, trägt sein schwarzes Haar schulterlang, rasiert sich selten und badet so gut wie nie, weil er an die Theorie eines indischen Gurus glaubt, dass die richtige Ernährung (ausschließlich Früchte und Nüsse) von innen reinigt. Es spricht für Jobs' Überredungskünste, dass es ihm dennoch gelingt, einige der angesehensten Männer im Technik-Tal als Geburtshelfer für Apple zu gewinnen. "Steve kann unglaublich eindringlich und überzeugend sein", sagt Trip Hawkins, Apple-Mitarbeiter Nummer 68 und Gründer der Computerspiele-Firma Electronic Arts. Bald wird dem jungen Mann mit der hypnotischen Ausstrahlung nachgesagt, ihn umgebe ein "Realitäts-Verzerrungsfeld". "Jobs", erklärt Hawkins, "konnte sich die dämlichsten Sachen in den Kopf setzen, aber sobald man ihm näher kam als 1,80 Meter, geriet man in seinen Bann und war schnell überzeugt."

  zurück
1 2
MEHR ZUM ARTIKEL
Steve Wozniak Apples guter Kern

Alle Welt schaut auf Steve Jobs, doch was macht eigentlich der andere Apple-Gründer, Steve Wozniak? stern.de hat exklusiv mit ihm gesprochen. mehr...

Computergeschichte Apples Macintosh wird 20

Ob Apple-Liebhaber oder Apple-Hasser - niemand wird dem Macintosh seinen ihm gebührenden Platz in der Computergeschichte streitig machen wollen. Vor 20 Jahren kam der Würfel mit der Maus auf den Markt. mehr...

 
Partnerangebot DSL-Vergleich
DSL-Vergleich Sparen bei DSL-Flatrates

Sparen Sie bares Geld. Vergleichen Sie aktuelle Internetanbieter und erfahren Sie welche DSL-Flatrate wirklich zu Ihnen passt. mehr

 
 
 
 
Aktuelle Extras
 
Adobe Flash Player

 
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...