Alleine fernsehen war gestern

16. Januar 2012, 16:42 Uhr

Ein bisschen Facebook auf dem Fernseher: Dank Social TV können Sie mit Freunden über Stars und Sternchen lästern oder interessante Sendungen weiterempfehlen. Und das bequem von der Couch aus. Von Karsten Lemm, San Francisco

Social TV, Twitter, Fernsehen, Gemeinschaft,

Ob twittern am Fernseher oder mal schnell den Facebook-Status checken: Der neue Fernsehtrend heißt Social TV©

Schon wieder ein Golden Globe, der an die üblichen Verdächtigen geht. "Dass Meryl Streep ganz überrascht tut, ist genauso lächerlich wie bei Kate Winslet", findet Twitter-Nutzerin Sobaika. "Die anderen können gleich nach Hause gehen." Kingston Pete fragt angesichts der Zottelbärte in die Runde: "Hat sich heute Abend irgendwer rasiert?" Und Madonnas drangsaliertes Dekolleté lässt Danielleliss lästern: "Ihre Golden Globes flehen darum, in die Freiheit entlassen zu werden."

So ging es den ganzen Sonntagabend lang, als Hollywood seine Glitzerpreise verteilte: Über allem strahlte hell der Twitter-Himmel, erleuchtet von einem Sternenmeer aus Nutzer-Kommentaren. Filmfans und Celebrity-Gucker in aller Welt stimmten fröhlich ins Geschehen ein, tausendfach in jeder Minute neu: der beste Beweis dafür, dass aus Fernsehen mehr geworden ist als Füße hoch und abschalten. Wer mitreden will, muss nicht mehr auf den Morgenkaffee im Büro warten, sondern kann immerzu in Echtzeit dabei sein.

Die Fernbedienung ist schuld

"Social TV" nennt die Unterhaltungsbranche dieses Phänomen, das sich aus sozialen Netzwerken speist und Fernsehen selbst für einsame Stubenhocker in ein gemeinschaftliches Erlebnis verwandelt. Britische Zuschauer unter 35 Jahren sind bereits eifriger dabei, sich mit Facebook-Freunden über das TV-Programm zu unterhalten, während sie vor der Mattscheibe sitzen, als laut mit ihren Nächsten zu plaudern, meldet der Marktforscher GfK. In den USA tummeln sich etwa 40 Prozent aller Zuschauer, die ein Smartphone oder einen Tablet-Rechner besitzen, beim Fernsehen parallel im Internet - und Sendungen, die am eifrigsten diskutiert werden, dürfen laut Marktforscher Nielsen hoffen, messbar höhere Quoten zu erzielen.

"Wir sehen einen enormen Trend zum Social TV", sagt Jonathan Taplin, Professor für Neue Medien und Direktor des Annenberg Innovation Lab in Los Angeles. Die Wlan-Verbindung in der guten Stube, gemeinsam mit dem iPad und seinen Geschwistern, mache Surfen beim Glotzen zur natürlichsten Sache der Welt. "Interaktives Fernsehen ist uns seit mehr als 20 Jahren versprochen worden, aber es ist nie etwas daraus geworden", sagt Taplin. Den Hauptschuldigen sieht er in der Fernbedienung, die für nichts anderes tauge, als den Kanal zu wechseln - nun aber, dank des zweiten Bildschirms auf Smartphone oder Tablet-Rechnern, ändere sich alles: "Man hat diese Geräte ständig in Griffweite, also nutzt man sie auch."

Jungunternehmer wittern die Chance, aus dem digitalen Miteinander vorm TV-Gerät ein Geschäft zu machen: Eine ganze Reihe von Apps mit Namen wie Miso, Getglue und Yap.TV buhlt um die Aufmerksamkeit von Zuschauern, die alle Informationen rund ums Fernsehen - vom Programm bis zu den dazugehörigen Internet-Kommentaren - übersichtlich an einer Stelle finden möchten. "Das Publikum sitzt vornüber gelehnt vor dem Fernseher und will sich beteiligen", sagt Yap.TV-Mitgründer Shawn Cunningham. "Wir haben die Chance, ein Fünf-Sterne-Erlebnis daraus zu machen."

Welche Sendung läuft gerade?

So soll künftig etwa niemand mehr rätseln müssen, über welche Sendung er beim Herumklicken auf der Fernbedienung zufällig gestolpert ist - die Yap.TV-App erkennt selbst, welches Programm gerade läuft, indem sie kurz hinhört und die Dialoge mit einer Datenbank vergleicht; ähnlich, wie die populäre Shazam-App das für Musik tut, um Lieder zu identifizieren. Yahoos App "IntoNow" beherrscht diesen Trick schon jetzt - allerdings funktioniert er, genau wie bei Yap.TV, auf absehbare Zeit nur für Sendungen im US-Fernsehen, da die Datenbank sich auf die englischsprachigen Original-Dialoge stützt, um Sendungen zu erkennen.

In Deutschland verfolgen TunedIn und Zapitano ähnliche Konzepte wie ihre amerikanischen Vorbilder: Sie präsentieren Kurzbeschreibungen zu Sendungen gemeinsam mit allem, was sich im Netz dazu tut, und machen es ihren Nutzern leicht, direkt aus der App heraus mitzudiskutieren. Zusätzlich starten manche der neuen TV-Begleiter Umfragen und locken mit Belohnungen jenseits der Mattscheibe für alle, die fleißig über ihre Lieblingssendungen Auskunft geben. Getglue etwa verspricht besonders aktiven Mitgliedern die Chance, sich mit Bonuspunkten kostenlose DVDs, Einkaufsgutscheine und andere Preise zu verdienen.

Das Programm selbst gestalten

Nichts davon, versteht sich, geschieht aus Gemeinnutz. Vielmehr steht dahinter die Hoffnung: Je mehr die Zuschauer freiwillig über ihre Sehgewohnheiten und Vorlieben preisgeben, um so leichter fällt es künftig, ihnen Werbung zu präsentieren - weit zielgenauer, als es bisher möglich ist. "Die Masse der Twitter- und Facebook-Meldungen lässt sich auswerten und als eine Art gigantische Focus-Gruppe für Marktforschung nutzen", erklärt Jonathan Taplin. Selbst wenn die einzelnen Nutzer anonym behandelt werden, um Datenschutz zu sichern: "Am Ende wissen die Sender zumindest über grundsätzliche Dinge wie Alter, Geschlecht und Postleitzahl Bescheid", sagt der Medien-Experte und spekuliert: "Es könnte sein, dass diese Art der Echtzeit-Analyse eines Tages die traditionelle Messung von Einschaltquoten ablöst."

Während die Sender einerseits mehr über ihre Zuschauer erfahren, verlieren sie andererseits immer stärker Kontrolle darüber, wer wann was schaut: Dank Festplattenrekordern und Internet-Streaming auf Abruf kann sich jeder sein eigenes Programm zusammenstellen, ganz nach Belieben. Was das Anschauen lohnt, sagt nicht mehr die Fernsehzeitschrift, sondern das soziale Netzwerk: "Die Tipps zum Entdecken von neuen Sendungen werden mehr und mehr von Freunden im Internet kommen", glaubt der Autor und Journalistikprofessor Jeff Jarvis.

Facebook auf dem Fernseher

Um nicht Abseits zu stehen, bauen TV-Geräte-Hersteller das soziale Element in ihre neueste Generation von vernetzten Fernsehern gleich mit ein. Auf der Elektronikschau CES in Las Vegas wimmelte es von Modellen, die sich als "Smart TV" - schlaue Fernseher - präsentierten. Manche Hersteller, wie etwa LG und Sony, schließen sich dazu mit Google zusammen und bauen die interaktive "Google TV-Software" in ihre Fernseher ein. Andere gehen eigene Wege: "Wir waren die ersten, die Apps für Fernseher entwickelt haben, und heute ist unser Angebot mit mehr als tausend Anwendungen größer als bei allen anderen", sagt Samsung-Produktmanager Scott Cohen. Besonders die Social-TV-Funktionen kämen bei Käufern sehr gut an: "Die Leute schauen etliche Male am Tag bei Facebook vorbei - warum nicht direkt am Fernseher?"

Als nächsten Schritt plant der koreanische Hersteller TV-Apps, die unter Mitmachen etwas mehr verstehen, als nur Kommentare abzugeben: Mit Fernsehern, die einen Draht zum Internet und eine eingebaute Kamera besitzen, werde es etwa möglich, Fitness-Sendungen zu produzieren, an denen die Zuschauer aktiv teilnehmen, erklärt Cohen. "Wir könnten Sie filmen und auf dem Bildschirm neben dem Trainer einblenden, damit Sie sehen, ob Sie alles richtig machen", sagt der Samsung-Manager. "Die Möglichkeiten sind buchstäblich grenzenlos." Wer anschließend seine Erfolge aus dem Trainingsprogramm der Welt mitteilen möchte, braucht nur umzuschalten zum eingebauten Social TV, wo die Facebook- und Twitter-Freunde bereits auf Neuigkeiten warten.

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