Wissen für alle

25. Dezember 2007, 08:12 Uhr

Das Ziel des kostenlosen Online-Lexikons Wikipedia: Wissen für alle. Fast 700.000 Schlagwörter werden allein in der deutschen Ausgabe erklärt - von einem Heer Freiwilliger. Funktioniert dieses Prinzip? Kann so Qualität entstehen? Der stern erzählt die Geschichte eines gigantischen Erfolges und hat 50 Artikel prüfen lassen. Von Horst Güntheroth und Ulf Schönert

Buchautor Frank Schätzing ("Der Schwarm") über "Tsunami": "Der Tsunami-Artikel ist sehr gut recherchiert und umfassend, lediglich an zwei Stellen etwas ungenau. Die wissenschaftlichen Wikipedia-Artikel sind meiner Erfahrung nach fast durchweg gut"©

Kurz nach dem Start in den USA ging am 12. Mai 2001 auch die deutschsprachige Ausgabe online - mit dem Begriff "Polymerase-Kettenreaktion", geschrieben vom Kölner Biologen Markus Manske. Schnell erfasste das Wikipedia-Fieber unser Land, und mehr denn je grassiert die Mitmach-Epidemie. Ein unüberschaubarer Trupp von ehrenamtlichen Artikelverfassern ist am Werk. So gibt es Nutzer, die nur einmal anonym die Option "Seite bearbeiten" anklicken und ein falsch gesetztes Komma korrigieren. Andere wiederum fangen Feuer, registrieren sich unter einem Pseudonym oder mit richtigem Namen: Laien und Experten, Einfaltspinsel und Juxbolde, Klugscheißer und Erbsenzähler. Ein skurriles Spektrum.

Zur Schar der ernsthaften Aktivisten gehört seit drei Jahren Jaan-Cornelius Kibelka. Drei bis vier Stunden täglich - "in den Ferien länger" - hockt der 18-jährige Schüler aus Berlin für Wikipedia vorm Computer, weil er "süchtig" sei. Seine Themenbereiche sind "Portugal" (er war dort zehn Monate Austauschschüler), "Berlin" (er jobbt als Stadtführer) und vor allem "U-Bahnen". Er hat ein Bücherregal voll mit Literatur über Untergrundbahnen, zudem ist er Dauergast in der Stadtbibliothek. "Hauptsächlich Geschichte und Architektur von den Metros auf der Welt interessieren mich", sagt Kibelka.

Manch ein Autor ist regelrecht "süchtig"

So fährt er schon mal ein Wochenende nach Budapest oder Wien, um sich dort die Unterirdischen anzugucken. Neulich, erzählt er stolz, saß er in München bei der Einweihung eines neuen Streckenabschnittes im Eröffnungszug mit dem Bürgermeister. 70 bis 80 komplette Artikel über U-Bahnen, schätzt der Schüler, hat er mittlerweile verfasst. "Und wenn ich Zeit habe, arbeite ich Berliner U-Bahnhöfe ab", sagt Kibelka. Es gibt 170. Ein anderer aktiver Autor ist Bernd Brägelmann. Der 32-Jährige praktiziert im Sankt-Augustinus-Krankenhaus in Düren als Assistenzarzt in der Röntgenabteilung. Nach Feierabend macht er bei Wikipedia mit - aus Idealismus. "Wissen sollte frei für alle verfügbar sein", sagt er. "Das gilt auch für medizinisches Fachwissen." Er schreibt über Radiologie, Karzinome, Embolien, Chemotherapie und das Noro-Virus. Medizin bei Wikipedia - das kann ein enormes Risiko sein: Was passiert, wenn irgendein Quacksalber eine falsche Therapie vorschlägt? Oder ein Spaßvogel eine überhöhte Medikamentendosierung? Die Online-Infos als Anleitung zum Handeln oder Beipackzettel zu verstehen, wäre wirklich "nicht ungefährlich", sagt Brägelmann. Einen haarsträubenden Fehler hat er jedoch selbst nach drei Jahren regelmäßiger Mitarbeit "noch nie gefunden". Zudem gebe es auf jeder Seite, die mit Gesundheit zu tun hat, eine Warnung. "Sie sollten Informationen aus der Wikipedia niemals als alleinige Quelle für gesundheitsbezogene Entscheidungen verwenden", heißt es da.

Bischöfin Margot Käßmann über "Martin Luther": "Der Eintrag ist umfangreich und solide geschrieben. Da hat sich jemand mit Luther beschäftigt und manche Kirchengeschichte gelesen. Extrapunkte gibt es für das Zitieren aus Quellen und das Bildmaterial"©

Doch die Online-Bibliothek hat auch Experten für leichtere Themen. Juliana da Costa José zum Beispiel. Die 31 Jahre alte Wahlberlinerin arbeitete als Prostituierte bei einem Escort-Service und in einem Bordell. In Wikipedia schreibt sie jetzt über Themen wie Sexualität, Fetischismus und Feminismus. Vor drei Jahren stieß sie beim Internetsurfen auf den Artikel über Prostitution. "Da standen lauter Klischees drin", sagt da Costa José. Weil sie gerade Zeit hatte, begann sie, den Beitrag zu verbessern. Und blieb bei Wikipedia. Inzwischen schreibt sie auch gern über Filmund Fernsehthemen, über U-Boote, über "Schlachtfest", Abortfetischismus und den Schiffsbohrwurm. Die gebürtige Münchnerin ist längst nicht die einzige Sexspezialistin bei Wikipedia, aber eine der wenigen, die unter ihrem echten Namen auftritt. "Ich habe nichts zu verbergen", sagt sie. "Der Experte für Bondage und Sadomaso bleibt aber lieber anonym, weil er ein bekannter Unternehmer ist."

Immer ist irgendjemand auf der Hut

Ob Countrymusik oder Investiturstreit, Edelsteine oder mittelalterliche Schnitzereien, Transurane oder Raumschiff Enterprise, Indianer oder Faultiere - irgendwo gibt es für alles einen intimen Kenner, der mitmacht beim digitalen Gemeinschaftsprojekt. Und immer ist irgendjemand auf der Hut. Ereignet sich ein Erdbeben, fällt ein Tor, heiraten zwei Prominente: Meist steht es innerhalb weniger Minuten im entsprechenden Stichwort. So werden auch die Fehler, die im stern-Test aufgelistet sind, sicher schon kurz nach Erscheinen dieses Hefts korrigiert sein. Mit jeder solchen Ergänzung, "Edit" genannt, bekommt das Lexikon ein neues Gesicht. Wikipedia lebt.

Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert (ARD) über "Lady Di": "Der Diana-Artikel ist im Prinzip korrekt. Aus meiner Sicht stimmt nur die Gewichtung nicht. Ich wünschte mir mehr Daten und Fakten anstatt der Spekulationen über den Autounfall in Paris"©

Warum all die unterschiedlichen Leute immer wieder freiwillig zusammenfinden zur großen Kollaboration im Internet, ist das eigentliche Faszinosum des Online-Projektes. Sicher gibt es eine Fülle ganz persönlicher Mitmach-Motive, doch ist es vor allem das Gemeinschaftsgefühl, das verlockt und bindet: der Wikipedia-Kult. Eine eigene Welt haben sich die "Wikipedianer" - geschätzte 80 Prozent Männer - aufgebaut, und jeder kann zu ihr stoßen, der möchte. Alle duzen sich. Neulinge werden von erfahrenen Nutzern manchmal persönlich begrüßt und betreut. Man mailt sich Bilder von Blumen, wenn man "Danke" sagt. In einer fremden Stadt geht man nicht ins Hotel, sondern übernachtet bei einem Wiki-Kumpel.

Die Online-Jünger haben eine Büchertauschbörse und einen Recherchedienst eingerichtet. Sie treffen sich zu Stammtischen, verabreden sich zu Themen-Spaziergängen, veranstalten Partys, auf denen sich auch schon mal ein Wikipedia-Pärchen findet. Manche lesen gemeinsam Bücher und tauschen sich per PC darüber aus. Wenn ein Autor stirbt, so wie der in der Gemeinschaft hoch geachtete "Seebeer", wird ihm eine eigene Seite als Kondolenzbuch eingerichtet. Ob sich hinter einem Autorennamen ein Mann oder eine Frau verbirgt, ein Jugendlicher oder ein Rentner, ein Hartz-IV-Empfänger oder ein C4-Professor, spielt keine Rolle. Alle sind erst einmal gleich. Das musste selbst Gründer Jimmy Wales kürzlich erfahren, als er einen neuen Artikel über ein Restaurant anlegte. Der wurde von einem 19-Jährigen gelöscht, wegen "Irrelevanz". Anarchie also? Nicht ganz.

Denn manche Schreiber sind gleicher als andere: die Administratoren, kurz "Admins" genannt. Sie haben besondere Rechte, dürfen Einträge löschen und Seiten überwachen. Sie bestimmen die Richtung des Projekts. Admin wird nur, wer sich lange aktiv beteiligt hat. Über neue Kandidaten stimmen die Autoren mit der meisten Erfahrung ab. "Meritokratie" sagen die Wikipedianer dazu: Wer genügend Verdienste, "Meriten", erworben hat, entscheidet. Jürgen Lüdeke aus Berlin ist ein Admin, Benutzername: "YourEyesOnly". Der 43-jährige Diplomchemiker und EDV-Dienstleister wacht über Änderungen auf den Wikipedia-Seiten. "Das kann ich ganz gut nebenbei machen", sagt der Selbstständige, der schon von Berufs wegen die meiste Zeit am PC verbringt. Er ist beim Online-Lexikon aktiv, seit er im Juli 2006 bei der Suche nach einem Stichwort einen Fehler entdeckt hatte - und ihn korrigierte. Schon in aller Herrgottsfrühe checkt Lüdeke die Beobachtungslisten auf seinem Bildschirm, sie zeigen alle letzten Änderungen an sämtlichen Stichwörtern. "Um 7.30 Uhr werden die Schüler aktiv", berichtet er, "dann wird in alle möglichen Artikel 'ficken' reingeschrieben oder ähnlicher Quatsch." Vandalismus nennen die Wikipedianer so etwas. "Das setze ich sofort zurück."

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 50/2007

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