
Fernsehköchin Sarah Wiener über "Marinieren": "Dem Eintrag ist nichts hinzuzufügen. Meines Erachtens enthält er alle wichtigen Informationen. Ich benutze Wikipedia öfter für Lebensmittelkunde. Manchmal findet man was, an das man gar nicht dachte"© Sebastian Willnow/DDP
Manche Stichwörter sind heiß umkämpft: Bei "Osho" lieferten sich kürzlich zwei Autoren einen regelrechten Krieg. Der eine wollte den indischen Bhagwan verherrlichen, der andere sah ihn kritisch. So wurde hin und her geändert. Immer wieder. Lüdeke: "Ich hab den Artikel für mehrere Tage gesperrt, dann war erst einmal Ruhe." Genauso verfuhr er mit dem Stichwort "Passivrauchen". "Da schrieb plötzlich jemand rein, dass das gar nicht gefährlich ist", erzählt der Wikipedia- Wächter, "ich habe herausbekommen, dass der Typ auch in Raucherforen aktiv war, wo er andere aufforderte, ebenfalls die Seite zu verharmlosen. Keine Chance." Die Bilanz von "YourEyesOnly" in bisher siebenmonatiger Admin-Tätigkeit: 3300-mal Nutzer gesperrt, 7200 Einträge gelöscht. Und er ist nur einer von Dutzenden Aufpassern.
Konflikte nämlich gibt es ohne Ende. Probleme machen auch Lobbyisten und PR-Leute. Selbst Mitarbeiter von Parteizentralen und Abgeordnetenbüros schreiben eifrig mit - am intensivsten in Wahlkampfzeiten. Sie setzen Politiker aus dem eigenen Lager in ein günstigeres Licht, radieren Negatives aus oder diffamieren Ikonen der Konkurrenz. So fummelten CDU-Leute am Eintrag über Johannes Rau herum, SPD-Leute beim CSU-Mann Markus Söder. Da hieß es plötzlich: "In seiner politischen Arbeit tritt er für die Rettung der Mainzelmännchen, Kruzifixe in Klassenzimmern und Ausgehverbote für Jugendliche ein." Dass solche Tricks neuerdings auffliegen, liegt an einer Spezialsoftware namens "Wikiscanner". Die kann relativ präzise zuordnen, von welchen Rechnern aus Manipulationen vorgenommen werden - selbst dann, wenn sie anonym erfolgen. So fand der Wikiscanner heraus, dass auch Scientologen bei Wikipedia mitmischen, dass Angestellte von Pharmakonzernen die eigenen Medikamente verherrlichten und von einem RWE-Rechner aus geschrieben wurde, ein Störfall im AKW Biblis habe "wieder einmal bewiesen, dass das Kraftwerk sehr sicher ist und hervorragend arbeitet".
Ein erbitterter Kampf herrscht darüber hinaus auf ideologischen Schlachtfeldern. Ob Hitler oder Homöopathie, globale Erwärmung oder Astrologie, Kosovo oder Islam - längst ist diesen und vielen anderen Schlagwörtern ein Riegel vorgeschoben, der Menüpunkt "Seite bearbeiten" gesperrt. Wer hier etwas beitragen will, kann es lediglich versuchen - über das Menü "Diskussion". Dort kann jeder über den Beitrag diskutieren. Am Ende entscheidet ein Administrator, ob er die Änderung zulässt.
Die enorme Kraft des Kollektivs entfaltet sich auch anderswo: So gibt es Rezeptewikis und Reisewikis, "Athpedia" für Atheisten oder "Kathpedia" für Katholiken. Der Musikservice Last.fm lässt seine Hitparaden und Veranstaltungstipps von Nutzern erstellen. Der deutsche Internetdienst Qype bekommt seine Restaurantund Shoppingtipps gratis von freiwilligen Internetsurfern geliefert. Längst versuchen Soziologen, den Erfolg der "Schwarm-Intelligenz" zu ergründen. So schrieb der US-Autor James Surowiecki ein Buch namens "Die Weisheit der Vielen" über die kognitiven Leistungen von Gemeinschaften. Er hat herausgefunden, dass eine willkürlich zusammengestellte Gruppe ganz normaler, durchschnittlich begabter Leute oft exaktere Voraussagen trifft als ein einzelner Experte.
Doch keineswegs jeder teilt diese Euphorie. Ausgesprochen skeptisch etwa sieht Ulrich Fuchs das selbst gemachte Online-Lexikon. Bis 2004 war der Bochumer EDV-Berater und Software-Entwickler selbst einer der aktivsten Autoren und Administratoren, dann hat er sich enttäuscht von Wikipedia abgewendet. "Das System mit der großen Offenheit und den wenigen Richtlinien funktioniert nicht wirklich gut, die meisten schreiben einen Wust von unwichtigem Zeugs und Details." Es gelte das alte Sprichwort: Je mehr Köche, desto schlechter der Brei. "Es gibt eine Reihe von Artikeln, die durch kollektive Mitarbeit nachweislich verflachen", wettert Fuchs. Er hat zum Gegenschlag ausgeholt. Und der heißt "Wikiweise", eine ebenfalls freie Online-Enzyklopädie, bei der sich allerdings jeder Autor registrieren lassen muss und jeder Artikel eine Redaktion passiert. Nachteil: Die Zahl der Schlagwörter wächst schleppend, 5000 sind es nach drei Jahren.

Ähnlich sieht das Klaus Holoch vom Mannheimer Brockhaus-Verlag. Er findet das Wikipedia-Prinzip zwar interessant, aber ein "Lexikon" sei das nicht: "Es ist beliebig und nicht geprüft. Wir arbeiten mit 70 Redakteuren und 1000 Fachleuten, das garantiert eine hohe Sicherheit. Die wird Wikipedia niemals schaffen. Es wird immer Leute geben, die da was Merkwürdiges reinschreiben." Dass bei den Verkäufen des 30-bändigen "Brockhaus" trotz der freien Online-Konkurrenz keine Rückgänge zu verzeichnen sind, erklärt Holoch mit der grundverschiedenen Klientel; "Brockhaus"-Käufer schätzten das gedruckte Buch und würden gern bei einem Glas Rotwein in einem Band blättern.
Die Gemeinde der Wikipedianer sieht selbst Verbesserungsbedarf - wobei am offenen Grundprinzip aber so wenig wie möglich gerüttelt werden soll. Weil über fast alles schon geschrieben worden ist, müsse sich die Arbeit nun auf das Verbessern und Aktualisieren des Bestehenden konzentrieren. "Darüber hinaus werben wir intensiv kompetente Autoren", sagt Arne Klempert, Geschäftsführer des Vereins "Wikimedia Deutschland", dem hiesigen Ableger der US-Stiftung. "Wir gehen gezielt an Unis und sprechen Experten an."
Größere Geschütze auffahren will das Online-Lexikon auch gegen den lästigen Vandalismus: Im englischen Bereich dürfen nur registrierte Autoren neue Einträge verfassen, anonyme Schreiber können allenfalls Korrekturen vornehmen. Auch gibt es Überlegungen, Textänderungen künftig nur noch zeitversetzt sichtbar werden zu lassen. Dadurch bekommen Administratoren die Möglichkeit, Falsches zu löschen, bevor es online sichtbar wird. Bereits beschlossen ist, dass in der deutschen Wikipedia demnächst "gesicherte Versionen" eingeführt werden. Das sind Artikel, die nach allgemeiner Ansicht "fertig" sind und nur noch dann geändert werden sollen, wenn es zum Thema wirklich etwas Neues gibt. Von wichtigen Stichwörtern werden dann zwei Versionen parallel existieren: eine "offene", an der weiter geschrieben wird, und eine überprüfte, aber für Änderungen gesperrte "Version 1.0". So oder so will das Schippern durchs klippenreiche Wikipedia-Meer gelernt sein. Besonders an Unis und Schulen, wo die Nachfrage nach dem Wissen dieser Welt am größten ist, besteht Gefahr, auf Grund zu laufen. "Unter Kollegen wird höchst kontrovers diskutiert, ob und inwiefern Wikipedia für schulische Aufgaben als Quelle überhaupt zugelassen werden soll", sagt Uwe Klemm, Lehrer am Jenaer Angergymnasium und medienpädagogischer Fachberater. "Die Meinungen reichen von vorbehaltloser Begeisterung bis zu resoluten Verboten. Es gibt Schulen, die die Nutzung des Online-Lexikons für Schülervorträge und Seminarfacharbeiten strikt untersagen." Nicht nur wegen möglicher Inhaltsfehler, sondern weil Schüler massenhaft aus den Einträgen direkt in ihre Arbeiten kopieren. Selbst Studenten schrecken bei Examensarbeiten davor nicht zurück.
"Verbote machen aber keinen Sinn", sagt der Jenaer Lehrer, "wir müssen den Schülern Informationskompetenz beibringen." Das heißt: Sie müssen lernen, mit Wikipedia umzugehen. Und zwar kritisch. Klemm: "Sie müssen wissen, wie Wikipedia gemacht wird, sie müssen auch die Diskussionsseiten zu einem Artikel lesen, um mögliche Konflikte hinter dem Geschriebenen zu sehen. Und vor allem müssen sie lernen, Wikipedia und andere Internetseiten auf keinen Fall als einzige Informationsquellen zu nutzen." Selbst dann sind nackte Informationen eben nicht alles. Den ganzen Zauber einer "Schachnovelle" erfährt doch nur, wer das Buch von der ersten bis zur letzten Zeile liest. Und dafür gibt es dann sogar noch eine gute Note.
Mitarbeit: Jessica Schweke
Übernommen aus ...
Ausgabe 50/2007