Früher kamen die Geschenke vom Weihnachtsmann, heute von Amazon. Rund um die Uhr packen fleißige Helfer Päckchen – und verlassen sich dabei vor allem auf eines: das totale Durcheinander. Von Karsten Lemm, Bad Hersfeld

"Voll chaotische Lagerhaltung": Amazons Logistikzentrum in Bad Hersfeld© Zucchi Uwe/DPA
Es piept und dröhnt, rumpelt und rattert in der Maschinerie der Wunscherfüllung. Sie ist gut geölt, und doch qieken immerfort Produktscanner, Fließbänder lärmen, Tore öffnen und schließen sich mit einem Zischen, Gabelstapler biegen jaulend um die Ecke, laden Paletten ab, kehren um, verschwinden wieder. Willkommen in FRA3, dem größten Logistikzentrum des Online-Händlers Amazon in Europa, strategisch platziert im Herzen Deutschlands, mit direkter Anbindung an die Autobahn A4. Der 100.000 Quadratmeter große Betonbau über den Hügeln der hessischen Stadt Bad Hersfeld wurde frisch aus dem Boden gestampft, die Adresse lautet: Amazonstraße Nummer 1. Dieses Jahr zu Weihnachten ist FRA3 zum ersten Mal voll im Einsatz.
Es ist eine Bewährungsprobe, denn zu keiner Zeit geht es bei Händlern – im Internet genau wie in der Fußgängerzone – so hektisch zu wie in den Wochen vor Heiligabend. Im vorigen Jahr verschickte Amazon.de 1,2 Millionen Artikel an einem einzigen Tag, dem 14. Dezember 2009. Mehr als je zuvor, seit der Online-Händler 1998 nach Deutschland kam, und doch erwartet der Internet-Pionier in diesem Weihnachtsgeschäft noch mehr Andrang, denn der Umsatz wächst weiter mit über 30 Prozent im Jahr. Aus dem einstmals schlichten Buchversand ist ein Internet-Kaufhaus für alle Lebenslagen geworden, und die Kunden können, so scheint es, vom bequemen Shoppen am Computer gar nicht genug bekommen.
Vor den Festtagen packen Amazon-Mitarbeiter in Bad Hersfeld rund um die Uhr Pakete, in drei Schichten, von früh bis spät, von spät bis früh. Ihr Weg zur Arbeit führt über eine Fußgängerbrücke, damit niemand den Lastern in die Quere kommt, die ständig Ware liefern und Pakete für die Kunden abholen. "Es muss ein kontinuierlicher Fluss sein", erklärt Jochen Dittrich, Amazons Logistik-Chef für Europa.
Dittrich ist ein Ingenieur von 43 Jahren, das Hemd am Kragen offen, die Ärmel hochgekrempelt, und er kennt nur ein einziges Ziel: das Lagern, Verwalten und Verschicken einer beinahe unüberschaubar großen Zahl von unterschiedlichsten Artikeln so reibungslos und kostengünstig abzuwickeln wie nur möglich. "Produkte kommen auf vielen Wegen und auf viele Arten zu uns", sagt Dittrich. Ob Container und Paletten, Kisten oder Kartons, der Online-Händler kann mit allem leben – nur eines ist Bedingung: Jeder Artikel, der auf Amazon.de verkauft und verschickt werden soll, braucht einen eigenen Strichcode. Andernfalls könnte der Einzige, der den Überblick behält, damit nichts anfangen: Nur der Computer weiß, wie alles seine Ordnung hat.
"Bei uns herrscht gewolltes Durcheinander", erklärt Dittrich. Die Carrera-Bahn liegt neben dem Luftbefeuchter, der Tintendrucker neben dem Heizungs-Thermostaten, Barbie neben den Billy-Boy-Kondomen. Wo alles hingehört, bestimmt die Rechenmaschine. Sie findet Millionen Artikel in Mikrosekunden wieder, dirigiert Mitarbeiter auf genau kalkulierten Wegen durch die Hallen des etwa 14 Fußballfelder großen Geländes.
Der Vorteil dieser "voll chaotischen Lagerhaltung", wie sie ganz offiziell heißt: Das Sortiment kann flexibel über die verfügbare Fläche verteilt werden, angepasst an täglich wechselnde Datenströme, die dem digitalen Hausverwalter signalisieren, was sich momentan am besten verkauft. So stapeln sich "Schnelldreher", die in Windeseile wieder verschwunden sind, prominent zwischen Wareneingang und -ausgang, während alles, das weniger reißend Absatz findet, in den Nebenarmen von FRA3 verschwindet. Große Gegenstände wie Waschmaschinen lagern separat; kleinteilige Artikel, ob Porzellantassen, Haartrockner oder Regenschirme, stapeln sich in 2,50 Meter hohen Metallregalen, die auf vier Stockwerken Spalier stehen. Metalltreppen verbinden die Etagen, wo immer es geht, damit die "Picker", die alle Artikel einer Bestellung zusammentragen, möglichst kurze Wege haben.
Chaos bedeutet aber nicht Unordnung. Im Gegenteil: Die größte Sünde, die Mitarbeiter begehen können, besteht darin, Produkte, die ihren Platz verloren haben, einfach dort ins Regal zu legen, wo sie andere von derselben Sorte sehen – selbst wenn alle den gleichen Strichcode tragen. Ganz bewusst legt der Computer Dinge an mehreren Stellen ab (und führt dabei genau Buch), damit sie schnellstmöglich für unterschiedliche Bestellungen wieder eingesammelt werden können. "Durch gleichmäßige Verteilung erreichen wir eine Streuung der Artikel, um die Pfade zu optimieren", erklärt Dittrich. "Es passiert mal, dass jemand über mehrere Etagen laufen muss. Aber da wir das vorher wissen, können wir es einplanen."
Dittrichs größte Sorge gilt dem Unvorhergesehenen, zusammen mit dem Ineffizienten. Alles Ineffiziente kostet Geld – und das Unvorhergesehene womöglich Vertrauen. "Der Kunde erhält ein Versprechen, wann seine Bestellung ankommt", erklärt der Logistikchef. "Davon arbeiten wir rückwärts." Wenn das Wetter die Paketzustellung ins Chaos stürzt, wie in diesen Tagen, bekommt auch Amazon ein Problem: "Aufgrund schlechter Wetterverhältnisse kann sich die Zustellung einzelner Bestellungen derzeit um ein bis zwei Tage verzögern", warnt eine Firmensprecherin und rät Kunden, die auf Nummer Sicher gehen wollen, vorher