Markus Beckedahl ist von der Deutschen Bahn abgemahnt worden, weil er in seinem Blog netzpolitik.org ein Dokument über die Überwachungsmaßnahmen veröffentlicht hat. Im stern.de-Interview erklärt Beckedahl, warum er einen Präzedenzfall schaffen und sein Blog zur Not ins Ausland verlegen will.

Markus Beckedahl legt sich mit der Deutschen Bahn an© privat
Markus Beckedahl betreibt das Weblog netzpolitik.org. In seinem Blog schrieb der Berliner auch über den vom stern aufgedeckten Überwachungsskandal bei der Deutschen Bahn. Beckedahl veröffentlichte außerdem das interne Memo des Berliner Datenschutzbeauftragten zur Mitarbeiter-Überwachung bei der Deutschen Bahn. Das Originalschreiben hat der Blogger auch als PDF zum Download bereitgestellt. Daraufhin erhielt Beckedahl eine Abmahnung der Rechtsabteilung der Deutschen Bahn. Er wurde aufgefordert, das Dokument aus dem Netz zu entfernen und eine Unterlassungserklärung abzugeben. Beckedahl will nicht unterschreiben.
Es gibt ja Fälle in Deutschland, dass durch eine einstweilige Verfügung der Zugriff auf Webseiten kurzfristig gesperrt wurde. Nehmen Sie zum Beispiel den Fall des Die-Linke-Mitglieds Lutz Heilmann, der auf diesem Weg gegen die Wikipedia vorging. Weil am Freitag die Frist für die Unterlassungserklärung abläuft, besteht die theoretische Gefahr, dass die Deutsche Bahn auf den Gedanken kommt, etwas Ähnliches zu versuchen.
Für die Bahn ist es juristisch einfacher, gegen mich als Privatperson vorzugehen als gegen ein Weblog. Dennoch treffen wir gerade Vorbereitungen, den Betrieb notfalls auf einem Server im Ausland fortzuführen. Wir wollen verhindern, dass das Blog über das Wochenende nicht erreichbar ist, falls die Bahn sich zu einer einstweiligen Verfügung entschließt. In anderen Fällen wurde so was gerne am Wochenende durchgeführt.
Mir ist es schon ein paar Mal gelungen, Dokumente - meistens aus dem politischen Betrieb - als Erster online zu veröffentlichen. Ein Risiko, dass etwas passiert, gehe ich bewusst ein. In diesem Fall aber habe ich mir weniger Sorgen gemacht, weil der Inhalt des Bahnpapiers ja über das Internet und die klassischen Medien schon weit verbreitet war.
Die meisten der Juristen, mit denen ich in den vergangenen Tagen Kontakt hatte, vertreten die Meinung, dass das Informationsrecht der Öffentlichkeit höher wiegt als der Schutz von Betriebsgeheimnissen. Zumal, wie gesagt, die relevanten Inhalte des Papiers bereits bekannt sind. Die Bahn bezeichnet das Dokument außerdem als einseitig. Sie sagt, ihre Sicht der Dinge werde nicht berücksichtigt.
Das kann sein. Aber ich gehe den Weg in die Öffentlichkeit. Es sollte eine politische Debatte geführt werden. Ich meine, dass es im öffentlichen Interesse ist, wenn solche Papiere veröffentlicht werden. Das wird auch noch häufiger passieren. Ich halte das Dokument für relevant in der Debatte um die Mitarbeiterüberwachung der deutschen Bahn. Ich bin bereit, diese Debatte zu führen und dafür auch vor Gericht zu gehen.
Die Abmahnung ist nicht gebührenpflichtig, weil sie von der Rechtsabteilung der Bahn kommt und nicht von einer Anwaltskanzlei. Aber wenn ich vor Gericht gehe, kann es natürlich sein, dass ich irgendwann Rechnungen bezahlen muss.
Ich habe sehr viel Unterstützung per Mail, Blogs und per Telefon zugesagt bekommen. Sollte es soweit kommen, werde ich Spenden in der Öffentlichkeit einsammeln. Ich will das als Präzedenzfall durchfechten, wenn es nötig ist.
Mir wäre es natürlich lieber, wenn die Bahn Ihre Abmahnung zurückzieht. Ich würde meine Zeit lieber sinnvoller verwenden. Aber es handelt sich nun mal um eine relevante Frage der Pressefreiheit. Wie gehen wir mit neuen Publikationsformen im Netz um?
Ich war sehr überrascht, wie schnell sich meine Meldung von der Abmahnung im Netz verbreitet hat. Das ist ein deutliches Zeichen, das der Grad der Vernetzung der sozialen Medien in Deutschland im Jahr 2009 besser ist als ihr Ruf.
Ich bezweifle, dass ein Kommunikationsberater ein solches Vorgehen wie das der Bahn vorschlagen würde. Ich vermute, dass die Rechtsabteilung der Bahn ohne Rücksprache mit der Unternehmenskommunikation die Abmahnung abgeschickt hat. Es wird in Zukunft Veränderungen geben, wie große Unternehmen mit sozialen Medien umgehen werden. Sie werden lernen, dass sie uns ernst nehmen müssen, weil sonst PR-Unfälle wie jetzt bei der Bahn passieren können.