Der Betreiber des größten Online-Flohmarktes der Welt setzt nun auf Neuware: Ebay wird zum Kaufhaus - und lehrt etablierte Versandhändler wie Otto oder Neckermann das Fürchten.

Ebay-Deutschlandchef Stefan Groß-Selbeck will den Internethandel weiter revolutionieren
Das Preisparadies für Jeans-Fans liegt 2,50 Meter unter der rheinland-pfälzischen Grasnarbe. Im Keller eines Einfamilienhauses des Städtchens Bretzenheim firmiert die Jeans-Factory, einer der erfolgreichsten deutschen Ebay-Shops. Erik Sobotta, 35, hat ihn vor sechs Jahren gegründet. Er verkauft Restposten und Auslaufmodelle von Markenfabrikaten - teils 80 Prozent unter Marktpreis. An guten Tagen gehen die Beinkleider im Fünf-Minuten-Takt über die virtuelle Ladentheke.
Ein weißer Zettel mit der Aufschrift "Büro" weist die Außentreppe hinab zu Sobottas Arbeitsplatz. Morgens schleppt er frische Ware, die Lkws anliefern, hinab, nachmittags trägt er sie als fertige Päckchen wieder hinauf zum Postauto. Rund 13 Stunden pro Tag ackert er unter Tage. Er fotografiert neue Modelle auf dem Bürofußboden, stellt die Bilder ins Netz, telefoniert mit Kunden, rechnet ab oder tütet mit seiner Frau und einer Teilzeitkraft Bestellungen ein. Schmale 2500 Euro zieht er pro Monat für sich aus der Firmenkasse. "An Ebay", sagt er dennoch, "führt momentan kein Weg vorbei."
Ehrbare Kaufleute wie Sobotta sind bei Ebay-Deutschlandchef Stefan Groß-Selbeck, 39, herzlich willkommen. Er braucht mehr solch umsatzstarker Shop-Betreiber mit Eins-a-Kundenbewertung, Powerseller genannt, die Ware über Ebay verkaufen und bereit sind, dafür um die zehn Prozent ihres Umsatzes als Provision abzuführen. Der Onlinekonzern will mit Macht in ein Revier eindringen, das bislang die deutschen Platzhirsche des Versandhandels für sich beanspruchen: vom Anzug über den Gartenstuhl bis zur Zahnbürste - alles unter einem Dach. "Das Geschäft mit Neuware", sagt Groß-Selbeck, "soll bei uns schneller wachsen als der E-Commerce-Markt."
Was heißt, es soll? Es muss. Auf Groß-Selbecks Schultern lastet hoher Druck: Ebay steht vor der größten Herausforderung seiner Geschichte. Nach zehn Jahren unaufhaltsamen Wachstums mit privaten Versteigerungen schwächelt das Flohmarkt-Business. "Immer mehr Privatauktionen enden ohne Zuschlag, weil das Angebot zunehmend die Nachfrage übersteigt", beobachtet Ebay-Intimus Axel Gronen, Unternehmensberater und Chefredakteur des Fachblatts "Internet Auktionen professionell". Seine Computer werten die Geschäftsbewegungen auf dem Ebay-Marktplatz rund um die Uhr statistisch aus.
Drei, zwei, eins - keins: Offiziell würde Groß-Selbeck die Gebotsflaute nie bestätigen. Ebay-Führungskräfte sind zu Diskretion verpflichtet, Deutschlandzahlen werden nicht veröffentlicht. "Alles läuft prima", textet der ehemalige Manager des einsilbigen Medienunternehmers Leo Kirch und schaut ein wenig gequält hinaus in den Nebel, der die Deutschlandzentrale in Dreilinden vor den Toren Berlins umhüllt.
Wenn "Germany" schwächelt, wird Konzernchefin Meg Whitman im kalifornischen Palo Alto nervös. Nach stern-Informationen steuert die hiesige Filiale mit rund 6,5 Milliarden Euro Handelsvolumen den größten Auslandsanteil zum Konzernumsatz bei. Dreistellige Zuwachsraten waren in der Vergangenheit Ehrensache. Die kann Groß-Selbeck mit herkömmlichen Privatauktionen nicht mehr liefern. "Das Wachstum bei Ebay nimmt radikal ab", beobachtet Kai Hudetz, E-Commerce-Experte am Kölner Institut für Handelsforschung.
Die Börse hat den Trend bereits eingepreist: Der Ebay-Kurs stürzte im Sommer ab und liegt noch immer fast zehn Prozent unter dem Jahresstartkurs 2005. Die Suchmaschine Google, die allmählich zum Shopping-Portal mutiert, konnte ihren Jahreseinstand verdreifachen.
Schon deshalb verlässt das Urvieh des elektronischen Feilschens das Meer und begibt sich an Land, um es zu erobern. "Die werden dem Versandhandel richtig was wegnehmen", warnt Martin Groß-Albenhausen, Chef des Fachdienstes "Der Versandhausberater". Für Ebay-Nutzer wurde die Neuausrichtung bereits sichtbar: Auf der Startseite empfahl das Portal zu Weihnachten nicht mehr gebrauchte Laptops, Designerkleider oder Gartenmöbel, sondern klotzte mit "Neuem, das Freude macht": Espresso-Maschinen, Massagegeräte, Sofagarnituren und Akkuschrauber. Funkelnde Geräte, unterlegt mit festlichem Rot: Tchibo oder Quelle hätten ihren Weihnachtsshop kaum anders gestaltet.
"Die Powerseller betreiben unser klassisches Geschäft", warnt Thomas Steinmark, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Versandhandels (BVH), seine Klientel. Er hat kürzlich die größten Ebay-Händler angeschrieben, um sie als Verbandsmitglieder zu gewinnen. Gemäß der Managerweisheit: "If you can't beat them, join them" - wenn du sie nicht schlagen kannst, verbünde dich mit ihnen. Denn den klassischen Bauers, Schwabs und Klingels, die der Verband betreut, kommt die US-Attacke denkbar ungelegen. Die Wälzerkönige verbuchten 2005 wieder mal einen Umsatzrückgang von rund zwei Prozent - trotz teils üppiger eigener Onlineshops. Die Powerseller dagegen dürften nach BVH-Schätzung zehn Prozent zugelegt haben. Die meisten traditionellen Versandhändler stehen mit Staunen vor der anarchischen Kraft der Ebay-Gemeinde. Wenn sie dort vertreten sind, dann höchstens mit einer Resterampe. Sie wollen nicht wahrhaben, dass Homeshopping ohne Katalog und Werbepost funktioniert.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 4/2006