Communitys als Lebensretter

18. Dezember 2008, 05:36 Uhr

Soziale Netzwerke wie studiVZ oder Facebook können in Notlagen helfen. Das zeigt der Fall eines leukämiekranken Mädchens aus Großbritannien. Von Sebastian Wieschowski

Facebook, studivz, Community, soziale Netzwerke

Mit diesem Aufruf suchten ihre Eltern Knochenmark für die kleine Iona©

Neben dem Facebook-Logo grinst ein Baby übers ganze Gesicht. Es trägt ein rosafarbenes Mützchen, zwei Zähne blitzen hervor. Im unteren Teil der Seite sind 21 weitere Fotos des niedlichen Kindes zu sehen. Doch die Freude über den lustigen Anblick währt nicht lange: "Bone Marrow Appeal for baby Iona Stratton" steht als Gruppenname neben dem Foto, ein Knochenmarkspender wird gesucht. "Wir brauchen DRINGEND einen passenden Spender für unsere 22 Monate alte Tochter", schreibt Gruppengründerin Claire Stratton. Bis Ende Oktober müsse ein passender Spender gefunden sein, alle Nutzer zwischen 18 und 40 Jahren sollen sich bei der britischen Blutbank "National Blood Service" registrieren und eine Blutprobe abgeben.

Kurz nach dem Aufruf bekam Iona Stratton aus Australien das wohl schönste Weihnachtsgeschenk ihres Lebens - obwohl sie dort bisher keine Freunde hatte. Nachdem ihre Eltern den Anruf im Oktober über das soziale Netzwerk Facebook gestartet hatten, waren in kürzester Zeit mehr als 7.000 Menschen der Hilfsgruppe beigetreten. Viele davon ließen sich auch typisieren und in Organspenderegister eintragen - darunter ein Australier, der sich kurz darauf zur Knochenmarkspende bereit erklärte.

"Enorme Möglichkeiten"

Auch wenn Facebook dem Mädchen aus Großbritannien schließlich doch kein Glück brachte - am 2. Dezember starb das Kleinkind aufgrund von Komplikationen nach der Knochenmarktransplantation - zeigt die Aktion ihrer Eltern, dass soziale Netzwerke Gutes tun können. "Die Kampagne auf Facebook verdeutlicht die enormen Möglichkeiten, die Social Networks bei der schwierigen Suche nach passenden Spendern bieten", sagt ein Sprecher der englischen Wohltätigkeitsorganisation Anthony Nolan Trust. Aufrufe wie der von der Familie Stratton machten nicht nur auf tragische Einzelfälle aufmerksam, sondern würden auch helfen, das öffentliche Bewusstsein für die Spenderproblematik zu fördern.

Das ist auch in Deutschland weiterhin nötig. Zwar ist das Zentrale Knochenmarkspender-Register (ZKRD) mit über 3,3 Millionen verzeichneten Spendern das weltweit zweitgrößte Register. Gemessen an der Zahl der alljährlich tatsächlich für Transplantationen identifizierten Spender ist Deutschland sogar weltweit führend. "Trotz dieser positiven Zahlen ist es immer noch wichtig, neue Spender zu gewinnen. Ein Grund dafür ist, dass Spender, die das 61. Lebensjahr erreicht haben, automatisch aus dem Register gelöscht werden", erklärt Sonja Schlegel vom Zentralen Knochenmarkspender-Register. Außerdem gebe es immer wieder Patienten mit sehr seltenen Gewebemerkmalen, für die bisher kein passender Spender gefunden werden konnte.

Auf Facebook und studiVZ suchen auch viele Deutsche nach helfenden Händen: Eine Gruppe setzt sich für den "Kampf gegen Kinderarmut" ein, eine andere bekundet ihre Solidarität zum Welt-Aids-Tag. "Wir sind immer offen für eine konkrete Zusammenarbeit mit karitativen Organisationen und haben dazu in den vergangenen Monaten zahlreiche Gespräche geführt", sagt studiVZ-Sprecher Dirk Hensen. Ein Beispiel: Die Aktion "Radeln gegen Krebs", die auch als Gruppe auf studiVZ existiert, wurde von den Machern des sozialen Netzwerks durch Sponsoring, Medienarbeit und organisatorische Hilfe unterstützt.

Facebook, studivz, Community, soziale Netzwerke

Ihre Freunde suchen die vermisste Studentin Tanja Gräff©

Neben der Beseitigung der großen Probleme dieser Welt haben sich zahlreiche Gruppen der Lösung ganz privater Sorgen verschrieben: Als die Studentin Tanja Gräff am 7. Juni 2007 spurlos verschwand, richteten Kommilitonen der Fachhochschule Trier umgehend eine studiVZ-Gruppe mit dem Titel "Tanja wird vermisst" ein. Der Grund: Die junge Frau hatte kurz vor Ihrem Verschwinden das Sommerfest der Fachhochschule besucht. Gegen 03.50 Uhr am Donnerstagmorgen war sie dort von Kommilitonen zum letzten Mal gesehen worden. Danach verlor sich ihre Spur. Auf zahlreichen studiVZ-Profilen findet sich seitdem die Vermisstenanzeige für Tanja anstelle des Gesichts des Profilinhabers. Auf diese Weise sollen möglichst viele junge Leute das Bild der Vermissten sehen und nachdenken, ob sie die junge Frau gesehen haben.

"Dein Blut kann Ihr Leben retten"

Auch bei Krankheiten suchen junge Menschen Hilfe im studiVZ: Im Juli 2007 gründeten die Brüder Marko und Fabian Schröder aus Leipzig die Gruppe "Unsere Mutter hat Krebs - Dein Blut kann ihr Leben retten!" und riefen Kommilitonen aus ganz Deutschland auf, sich typisieren zu lassen. "Auf diesem Weg suchten wir nach einem passenden Spender für unsere Mutter. Bei ihr wurden im Mai 2007 Non-Hodgkins-Lymphome der Stufe 4 festgestellt", berichtet Marko Schröder. "Dabei mussten wir gegen Vorurteile kämpfen, weil die meisten eine Knochmarkspende noch immer mit einer komplizierten Operation in Verbindung bringen", sagt der Student.

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Die Brüder Marko und Fabian Schröder suchen Hilfe für ihre krebskranke Mutter©

Doch die Hilfsaktion im sozialen Netzwerk war ein Erfolg: Fast 400 Mitglieder zählte die studiVZ-Gruppe zu Spitzenzeiten, bei der Typisierung selbst konnten 200 Blutproben entnommen werden. "Diese Plattform war wirklich sehr gut geeignet, um meine Mitstudenten zu erreichen", resümiert Marco Schröder. "In der Kürze der Zeit hätten wir ohne studiVZ nicht so viele Typisierungen erreicht. Von den über 1000 Einladungen hatten wir nur eine einzige negative Reaktion, ein User schrieb uns er fühle sich belästigt von unserer Aktion und zeigte keine Verständnis."

Deshalb soll auch die Facebook-Gruppe für Iona Stratton nicht geschlossen werden, auch wenn das kleine Mädchen verstorben ist. "Es wäre sehr engstirnig von uns, jetzt plötzlich diesen Aufruf einzustellen, denn es gibt noch so viele kranke Kinder und Erwachsene, die in einer ähnlichen Situation waren", sagt Claire Stratton, die für ihre Tochter einen Knochenmarkspender suchte.

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