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1. Januar 2008, 17:19 Uhr

Neue Formen des Protests

Die Gegner der Vorratsdatenspeicherung haben mehr als 30.000 Unterstützer für ihre Verfassungsbeschwerde mobilisiert. Als die Volkszählung in den 1980er Jahren ganz Deutschland erregte, fanden sich nur rund 1300 Beschwerdeführer. Damals gab es noch nicht das Internet - das wichtigste Werkzeug heutiger Protestler.

Die Privatsphäre wurde am Silvestertag in Hamburg von Gegnern der Vorratsdatenspeicherung symbolisch zu Grabe getragen© Patrick Lux/AP

Kein Zweifel: Die Gegner der geplanten Massenspeicherung von Telefon- und Internetverbindungsdaten haben ganze Arbeit geleistet. Innerhalb von wenigen Wochen gelang es ihnen, rund 30.000 Bürger als Unterstützer für die bisher größte Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe zu gewinnen. Zu Silvester, einen Tag vor Inkrafttreten des umstrittenen Gesetzes, lieferten sie die Beschwerdeschrift ab. Selbst die Kritiker der Volkszählung in den 1980er Jahren, die damals die ganze Republik bewegte, brachten nur 1310 Beschwerdeführer zusammen.

Hintergrund des flinken Protests, über dessen Erfolg nun erst die Karlsruher Richter entscheiden müssen, ist eine Kombination von alten und neuen Kommunikationswegen, über die Gegner der Datenspeicherung ihre Anhänger mobilisieren. Ganz klassisch demonstrierten am letzten Tag des alten Jahres einige hundert Unterstützer in der Hamburger Innenstadt. Bei dem "Trauermarsch" wurde in Todesanzeigen das Ableben der Privatsphäre der Bürger beklagt ("plötzlich und unerwartet von uns gegangen"). Eine weitere Demonstration ist für diesen Sonntag in München geplant.

Austausch und Planung der Bürgerrechtler und Datenschützer läuft jedoch überwiegend über das Internet. Als Plattform dient die Homepage www.vorratsdatenspeicherung.de des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung, in dem sich mehrere Gruppen zusammengeschlossen haben. Bei der Vorbereitung von Aktionen werden auch sogenannte Wikis eingesetzt - Internet-Seiten, die nach dem Prinzip der Online-Enzyklopädie Wikipedia funktionieren: Dort können in gemeinschaftlicher Arbeit und ohne technische Vorkenntnisse Planungen auf dem neusten Stand gehalten werden: "Wer kümmert sich um Banner für drinnen? Welche Sprüche nehmen wir?" Absprachen werden in Sekunden getroffen, ohne lange Telefonate oder Sitzungen. "Jeder kann mitmachen, Aufgaben werden in kleine Teilaufgaben zerlegt", erläutert Markus Beckedahl vom Blog www.netzpolitik.org, der in Deutschland zu den Pionieren für politische Kommunikation im Internet zählt, den Prozess der Zusammenarbeit.

Blogs spielen ebenfalls eine wichtige Rolle: Dies sind Internetangebote von Gruppen oder Einzelpersonen zu bestimmten Themen, die untereinander vernetzt sind und über die sich Interessierte ohne große Streuverluste wie etwa beim Verteilen von Flugblättern in einer Fußgängerzone ansprechen lassen. Auf www.netzpolitik.org, das zu den einflussreichsten deutschen Blogs gehört, werden Fragen zum Datenschutz und anderen Herausforderungen einer zunehmend digitalen Welt lebhaft erörtert und verlinkt.

USA vorweg, SPD versucht zu folgen

Vorreiter für solche Formen der Mobilisierung sind die USA; dort lässt sich derzeit zum Auftakt des Präsidentschaftswahlkampf studieren, wie unverzichtbar das Internet für politische Kampagnen geworden ist. Im Netz werden Freiwillige geworben, Spenden eingesammelt und Themen diskutiert. Video-Plattformen wie YouTube halten als virtuelle Schlachtfelder der Kandidaten her. In Deutschland ziehen nun auch die Politiker langsam nach. So startete zum Beispiel SPD-Chef Kurt Beck vor einem Monat eine Bürgersprechstunde bei YouTube, und der Servicekanal www.meinespd.net soll Lust auf die kommenden Wahlkämpfe machen. Eins hat die SPD dabei allerdings vergessen: Die Seite www.beck2009.de ist immer noch zu haben.

Alexander Missal/DPA
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
faustjucken_de (03.01.2008, 15:31 Uhr)
Schäuble MUSS zurückrollen
:-)
bR4iNST0RM (03.01.2008, 14:41 Uhr)
Au Fein!
@ atride: Dann muss ich hier ja auch mal ran! :)
Hallo Herr Schäuble! Und Hallo an alle, die diese Daten lesen können/möchten/müssen! Ihr Armen!
Zum Glück gibt es immer noch die Option, dass alle Provider bis Ende 2008 die Möglichkeit nutzen können, die Verkehrsdaten eben NICHT ein halbes Jahr zu speichern.
Der Arbeitskreis „Vorratsdatenspeicherung“ hält hierzu entsprechende Listen der Provider bereit.
Es ist immer noch Sinnvoll, alle Kraft gegen dieses „Überwachungsgesetzt“ zu mobilisieren! Denn Fakt ist, dass ohne jeglichen Verdachtsgrund eine Datenspeicherung, ob nun genutzt oder nicht, Verfassungswidrig ist! Und wie so oft schon besprochen kann keiner, selbst Herr Schäuble, nicht ausschließen, dass diese Daten missbraucht werden. Die Amis haben hier, obwohl kein EU-Land, schon sehr großes Interesse angekündigt. Und da „unsere“ Vertreter gern dem „Uncle Sam“ gefügig sind, ist das ein Selbstgänger.
Meiner Meinung nach, welche ja bekanntlich als mündiger und wahlberechtigter Bürger von der Politik gerne ignoriert wird, sollten die Wirtschaftslobbyisten ihren Drang nach „optimaler Kundenbetreuung“ nicht mit Hilfe der allg. Verkehrsdaten von Bürgern, die unter Terrorverdacht stehen, verfeinern.
Falls jemand sich in der ähnlichen Ohnmacht befindet, die den „mich betrifft es ja nicht“ Bürger umnebelt: AUFWACHEN! Denn es betrifft jeden!
Reicht Petitionen ein… klagt in Sammelklagen… autorisiert, wenn vorhanden, euren Rechtsanwalt… es gibt genügend Möglichkeiten dieser Ignoranz der Politiker entgegen zu gehen! Verschafft euch gehör! Spätestens bei den nächsten Wahlen sollte ein Zeichen gegen diesen Irrsinn gesetzt werden.
atride (03.01.2008, 13:39 Uhr)
die tiefe politische resignation
vieler bürger ist zweifellos brandgefährlich. aber by the way - eure postings werden gerade über die vorratsdatenspeicherung überwacht - also vorsicht!
kralli19 (03.01.2008, 12:09 Uhr)
@ Schneemann1
Alle nicht, aber anscheinend doch die Mehrheit...gestern wieder nette Diskussion gehabt, Tenor: MICH betrifft es nicht, also warum soll ich was dagegen machen. Andere: Haben die vorher auch schon so gemacht, nix neues.
Typisch deutsches Verhalten: Wenn jeder an sich denkt, ist wenigstens an jeden gedacht. Bei diesem "Mich betrifft es nicht..." muss ich immer an diese Lyrik denken:
Als sie die Zigeuner abgeholt haben, hab ich nix gesagt - bin ja kein Zigeuner
Als sie die Juden abgeholt haben, hab ich auch nix gesagt - bin ja kein Jude
Als man mich abgeholt hat, war keiner mehr da, der was sagen konnte.
atride (02.01.2008, 10:08 Uhr)
dazu empfehle ich dringend
die lektüre der diskussion zwischen schäuble und z. b. ehemaligen verfassungsrichten in "DIE ZEIT" (auch online). letztere empfinden es als geradzu abenteuerlich, wie leichtfertig schäuble in deutschland freiheitsrechte abschafft; gerade so, als seien diese nichts wert. was schäuble einfach nicht versteht: klar ist ein überwachungsstaat "sicherer" als eine freiheitliche demokratie, aber deshalb ist er noch lange nicht erstrebenswert.
Schneemann1 (02.01.2008, 08:36 Uhr)
Früher und flächendeckender
Es hätte früher und flächendeckender zu den Aufrufen kommen müssen, dann hätten nicht nur 30000 sondern vielleicht 500000 bis 1 Million zusammen kommen können.Alle können doch nicht so bescheuert sein und alles mit sich machen lassen.
Turmfalke (01.01.2008, 20:42 Uhr)
Ritter Schäuble
In seiner glänzenden Rüstung verspricht er edle Gesinnung zum Wohle des Volkes, aber der böse Sheriff von Nottingham mit all seinen Lobbyisten, Gutgläubigen, Gutmenschen und all die kleinen Hasser und Spießer warten schon auf Daten, Daten, Daten um alle bösen Bürger irgendwie, irgendwo einzuschränken und hart zu bestrafen. Das Volk schreit nach Richard Löwenherz.........
Sandygirl (01.01.2008, 17:59 Uhr)
Endlich berichten "die Medien"...
Herzlichen Glückwunsch. Nachdem die Proteste und zum Teil riesigen Demonstrationen gegen die Abschaffungs des Rechtsstaats in Deutschland von den Medien ignoriert wurden, beginnt nun der Stern über dieses schlimme Thema zu berichten. Hoffentlich nicht zu spät!
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