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Ratgeber Ernährung

Die Ernährungs-Fanatiker

Expertenrat

Professor Reinhard Pietrowsky vom Institut für experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf antwortet
Wieso ist Orthorexie nicht als Krankheit definiert? Orthorexie ist keine Essstörung wie Bulimie oder Anorexie. Es handelt sich viel mehr um eine verhaltenspsychologische Ernährungsstörung. Bei Betroffenen kann es zu einer sozialen Abschottung kommen: Sie essen nichts, über dessen Herkunft oder Nährwert sie nicht genau Bescheid wissen. Einige von ihnen ernähren sich irgendwann so einseitig, dass sie sogar unter Mangelerscheinungen leiden. Unter diesen Aspekten könnte Orthorexie vielleicht bald als Krankheitsbild klassifiziert werden.

Kann man Orthorexie mit einer Zwangshandlung wie etwa einem Waschzwang vergleichen? Orthorexie hat durchaus zwanghafte Anteile, geht allerdings nicht so weit wie bei einer Zwangsstörung im eigentlichen Sinne. Menschen mit einem Waschzwang wissen, dass ihr Verhalten mitunter unsinnig ist. Sie glauben allerdings, nichts dagegen tun zu können und ihr Verhalten zwanghaft ausführen zu müssen. Orthorektiker sind von ihrem Verhalten überzeugt und wollen es unter keinen Umständen ändern.

Wie viele Menschen sind betroffen? Bisher gibt es nur sehr wenig Zahlen zum Ausmaß dieser Störung. Eine italienische Studie geht davon aus, dass etwa sechs Prozent der Italiener solch ein Krankheitsbild entwickelt haben. Unsere Forschungsgruppe hat in einer Online-Erhebung 2.000 Menschen befragt. 22 von ihnen lassen sich aufgrund unserer recht strengen Kriterien als Orthorektiker definieren. Das heißt, dass diese Menschen keine Ausnahmen von ihrem Ernährungsplan zulassen, keine Einladungen von Freunden zum Essen annehmen und sich zwanghaft in ihrer Lebensmittelauswahl einschränken. Wenn man das Ergebnis der Studie auf die deutsche Bevölkerung hochrechnet, kann man annehmen, dass circa ein Prozent der Bundesbürger betroffen sind.

An wen können sich Betroffene wenden? Bisher gibt es keine Fachgesellschaft für Orthorexie und keine Leitlinien zur Therapie. Betroffene sollten sich daher an Psychologen wenden, die sich mit Essstörungen und Zwangshandlungen auskennen. Das Problem dabei ist, dass die wenigsten Betroffenen dazu bereit sind. Sie glauben, das Richtige zu tun und wollen ihr Verhalten gar nicht ändern. Im Gegenteil, meist versuchen sie sogar Freunde und Familie von dem vermeintlich richtigen Weg zu überzeugen. Wenn man selbst einen solchen Fall im Bekanntenkreis hat, sollte man sich nicht abwenden, sondern immer wieder mit viel Geduld darauf hinwirken, dass die Betroffenen auch mal von ihrem strengen Ernährungsplan abweichen.

Nina Buschek
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