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Türken kennen keine "Mommy-Wars"

Wenn man als Familie die Koffer packt und seine Zelte in Deutschland abbricht, steht man am Beginn eines großen Abenteuers. Die Grafs haben ihr schwäbisches Heimatdorf gegen Istanbul getauscht - tägliche Überraschungen inklusive.

Von Viktoria Meinholz

Sarah Graf zusammen mit ihren zwei Töchtern und ihrem Mann bei einem Familienausflug in Istanbul

Sarah Graf zusammen mit ihren zwei Töchtern und ihrem Mann bei einem Familienausflug in Istanbul

Vor gut einem Jahr packten Sarah Graf, ihr Mann und ihre zwei Kinder die Koffer und verließen ihre Heimat, ein beschauliches Dorf in der Nähe von Stuttgart, in Richtung Istanbul. Wie so viele Auswanderer gingen sie aus beruflichen Gründen. Sarah Grafs Mann ist Pilot und als ein gutes Angebot von Turkish Airlines ins Haus flatterte, entschied sich die Familie für ein Leben am Bosporus. 

 

Welche Vorteile es hat, mit Kindern in Istanbul zu leben, was sie am meisten überrascht hat, aber auch wie sie das Leben von Familien in Deutschland heute beurteilt, verrät Sarah Graf im ersten Teil der stern-Reihe "Wenn Familien auswandern".

Was unterscheidet Elternsein in Istanbul vom Familienleben in Deutschland?

Alle lieben Kinder
Familie ist hier ein hohes Gut, das höchste Wertschätzung erfährt. Während wir uns in Deutschland mit Kindern teilweise unerwünscht fühlten (Urlaub, Wohnungssuche, Restaurantbesuche etc.), schlägt uns hier eine Welle der Begeisterung entgegen, sobald unsere Kinder einen Raum betreten. Als Eltern werden wir hier nicht ausgegrenzt, sondern fühlen uns überall willkommen.

Nur wer zahlt, steigt auf
Schockiert war ich von den Arbeitsbedingungen vieler Türken: Häufig arbeiten sie zwölf Stunden am Tag, ein Wochenende bedeutet nicht automatisch, frei zu haben (wohl auch deshalb, weil hier sämtliche Geschäfte sieben Tage in der Woche geöffnet sind), der gesetzliche Urlaubsanspruch und das Mindestgehalt sind weitaus geringer als in Deutschland und auch die Krankenversicherung ist nicht selbstverständlich ausreichend gewährleistet. Außerdem sind Bildungschancen stark vom Einkommen abhängig. Staatliche Schulen sind zwar kostenlos, allerdings nicht mit deutschen zu vergleichen. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind auf eine Privatschule und greift dafür tief in die Tasche. Für finanziell benachteiligte Familien ist es daher bedeutend schwieriger als in Deutschland, den Kindern eine bessere Perspektive zu ermöglichen.

Neue Nachbarn = neue Freunde
Trotz geringer Türkischkenntnisse haben wir hier intensiveren Kontakt mit sämtlichen Menschen aus unserem Umfeld, als dies in Deutschland der Fall war. Im Supermarkt und im Imbiss um die Ecke kennt man sich und tauscht sich aus, der Obstverkäufer auf dem Markt weiß, dass meine Kleine Erdbeeren, die Große Quitten liebt, die Nachbarn bringen regelmäßig Leckereien vorbei und selbst in der Autowaschanlage erkundigt man sich nach den Kindern. Das macht den Alltag fröhlicher und bunter.

Ich wurde vom ersten Tag an regelmäßig von Nachbarinnen angesprochen und zu Tee und Kaffee eingeladen. In Istanbul ist es normal, ein großes Netz aus Verwandten und Freunden zu haben, das unterstützt und trägt. Völlig perplex war ich, als mir eine Nachbarin bei unserer ersten Begegnung ihre Nummer notierte mit der Anweisung, sie anzurufen, wenn meine Kinder krank würden, damit sie vorbeikommen und uns mit Essen versorgen könne.

Die überraschenden Nachteile der Kinderfreundlichkeit
Bei unserem ersten Besuch in Istanbul erkundeten wir zu viert die Stadt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Als wir inklusive Kinderwagen in einem völlig überfüllten Bus steckten, hielten wir es für eine gute Idee, bereits einige Minuten vor unserer Haltestelle aufzustehen und uns langsam Richtung Ausstieg durchzukämpfen. Als wir uns erhoben, begannen die Mitfahrenden sofort, unseren Kinderwagen zum Ausgang durchzureichen und riefen dem Fahrer zu, anzuhalten. Der Bus bremste augenblicklich, eine Menschentraube stieg aus, um uns Platz zu verschaffen. Wir wurden freundlich hinausbugsiert und hatten keine Möglichkeit, das Missverständnis aufzuklären. Fassungslos fanden wir uns noch relativ weit vom eigentlichen Ziel entfernt am Straßenrand wieder und traten einen langen Fußmarsch an.

Keine "Mommy-Wars"
Meiner persönlichen Empfindung nach identifizieren sich Mütter in Istanbul nicht so stark über Leistung wie in Deutschland. Hier herrscht eine völlig andere Vorstellung vom Ideal.

Einerseits ist es aufgrund niedriger Löhne und hoher Lebenshaltungskosten vor allem in der Arbeiterschicht oft notwendig, dass beide Elternteile arbeiten und Kindergärten bieten in der Regel die notwendigen Rahmenbedingungen: Öffnungszeiten zwischen 7 und 18 oder sogar 19 Uhr, einen optional buchbaren Busservice, der die Kinder vor der Haustür abholt, keine Ferien sowie bezahlbare Preise. Auch die zeitweise Betreuung durch Familienmitglieder, Nachbarn oder sogar die Putzfrau ist hier normal.

Andererseits legen viele Mütter ihre Arbeit nieder, sobald das Familieneinkommen ausreichend durch den Vater gesichert ist. Der Traum von ausgewogener Work-Life-Balance, Selbstverwirklichung, beruflicher Weiterentwicklung und gleichzeitig Qualitätszeit für die Familie ist hier mehrheitlich noch nicht angekommen. Wer es sich leisten kann, frühstückt lieber ausgiebig mit Freundinnen und Nachbarinnen, anstatt im Büro zu sitzen und sorgt nicht durch Projekte, sondern durch die Pflege sozialer Kontakte für Abwechslung und Freude im Alltag. Wer etwas finanziellen Spielraum hat, entledigt sich hier sämtlicher "lästiger" Aufgaben, dazu gehört sowohl die Arbeit als auch die Hausarbeit. Eine hohe Lebensqualität hat, wer ausreichend Zeit findet, mit Freunden und Familie zusammenzukommen. Die Arbeit dient also primär dazu, diesen "Luxus" sicherzustellen und hat für sich allein genommen keinen so hohen Stellenwert wie in Deutschland. 

Reges Treiben auf Istanbuls Straßen

So bunt ist Istanbul

Hausaufgaben schon für Dreijährige
Ich musste akzeptieren, dass die deutschen Standards rund um Kinderbetreuung nicht das Maß aller Dinge sind. Ganz besonders in Bezug auf Fremdbetreuung und Bildung. Der ideale Kindergarten war für mich in Deutschland beispielsweise ein Ort, an dem kleine, übersichtliche Gruppen mit optimalem Betreuungsschlüssel von Erziehern zum Spielen und Toben angeleitet werden. Ein Ort, an dem gesungen und gebastelt, vor allem aber auch frei gespielt und viel Zeit in der Natur verbracht wird.

Erwartungen, die in Istanbul ganz einfach nicht erfüllt werden können, da türkische Familien und Träger völlig andere Ziele und Vorstellungen haben. Die Erzieher werden hier bereits als "Lehrer" tituliert, die Gruppen halten sich in Klassenzimmern auf und meine Dreijährige bringt übers Wochenende Hausaufgaben mit nach Hause. Inhalte, die in Deutschland bewusst bis in Schulalter aufgeschoben werden, werden hier so früh wie möglich vermittelt. Da meine Tochter allerdings den türkischen Kindergarten weitaus lieber besucht als zuvor den deutschen, arrangiere ich mich mit den Gegebenheiten und versuche, offen für diese Bildungsmentalität zu sein.

In Deutschland ganz normal, in Istanbul ein Skandal
Mit Gummistiefeln im Regen spazieren zu gehen oder beim Herbstspaziergang Kastanien zu sammeln. Dreck, Kälte und Nässe sind den Türken ein Gräuel. In diesem Zusammenhang ist es auch undenkbar, eine türkische Wohnung mit Schuhen zu betreten. Kinder werden zum Spielen nur nach draußen geschickt, wenn es trocken und windstill, nicht kälter als 20 und nicht wärmer als 30 Grad ist. Die Türken sind sich sicher, dass ihre Kinder sich ansonsten erkälten. Gelegentlich machen mich andere Eltern am Spielplatz darauf aufmerksam, dass meine Jüngste mit Sand spielt und sind dann überrascht, dass das für mich völlig in Ordnung ist.

Noch den "Sandmann" schauen und dann ab ins Bett? Für die Türken ein Schock. Vor allem während der Sommerferien ist es gang und gäbe, seine Kinder bis zum Umfallen aufbleiben zu lassen. Besorgt wurde ich bereits von Nachbarinnen gefragt, warum meine Große mit ihren neun Jahren denn um Mitternacht nicht mehr nach draußen zum Spielen kommen dürfe. Und die Kinder der Nachbarschaft reagierten sehr irritiert, als ich sie bat, unter der Woche nach 21 Uhr nicht mehr zu klingen, da die Dreijährige dann bereits schliefe.

In Istanbul ganz normal, in Deutschland ein Skandal
Fremde Kinder anzusprechen, auf Wangen und Stirn zu küssen, sie hochzunehmen oder ihnen Dinge zu schenken. Die Türken lieben Kinder und zeigen das auch ganz offen. Ich mag mir nicht vorstellen, welche Absichten man in Deutschland einem jungen Mann unterstellen würde, der im Freibad fremde Kleinkinder anspricht, ihnen Schokolade schenkt und sie durch die Luft wirbelt. In Istanbul ist das völlig normal. Ob Mann oder Frau, ob jung oder alt, wer Kinder sieht, nimmt Kontakt zu ihnen auf und bringt sie zum Strahlen.

Für uns und auch unsere Kinder war das zu Beginn äußerst gewöhnungsbedürftig, mittlerweile haben wir alle, insbesondere die Kleinen, gelernt, diese positive Aufmerksamkeit zu genießen.

Deutschland - alles andere als familienfreundlich
Mit etwas Abstand und den vielen neuen Erfahrungen ist mir aufgefallen, mit wie viel Familienfeindlichkeit wir Deutschen eigentlich zu kämpfen haben. Da ich es zuvor nicht anders erlebt hatte, war mir diese Tatsache nicht in ihrem vollen Ausmaß bewusst. Inzwischen haben wir uns so an das neue Umfeld gewöhnt, dass mich bei Deutschlandbesuchen bereits Kleinigkeiten ärgern. Menschen, die mir die Tür vor der Nase zuknallen, anstatt sie aufzuhalten, wenn ich mit Kinderwagen hinter ihnen gehe. Gedrängel und genervte Seufzer, mürrische Gesichter und hochgezogene Augenbrauen, wenn meine Kinder mal ein Glas umwerfen. Beladen wie ein Packesel mit Kleinkind auf dem Arm am Flughafen die Treppe hinunterzuwanken und dabei ständig aufpassen zu müssen, nicht geschubst zu werden, anstatt Hilfe angeboten zu bekommen. Kurz: Das Gefühl, mit Kindern immer im Weg zu sein. Diese Tatsache hat man als deutsche Familie in der Regel akzeptiert und trägt das Gefühl völlig unbewusst permanent mit sich herum. Ein Gefühl, dass wir hier ganz und gar nicht vermissen.

Kommentare (1)

  • zagaroma
    zagaroma
    Hallo liebe Familie Graf,

    für 35 Jahre habe ich in der Türkei und dann in Rom gewohnt, und wenn ich diesen Artikel lese, bin ich ein wenig besorgt. Sie kennen die türkische Mentalität noch nicht näher und sind natürlich erstmal begeistert von der Warmherzigkeit der Menschen dort.
    Sie sollten aber wissen, dass lateinische und südländische Völker anders ticken als wir. Es wird nichts ohne Eigennutz getan. Sie sind in Istanbul eine Art Statussymbol, so weißhäutig, blond und blauäugig wie Sie alle sind. Sie entsprechen dem absoluten Schönheitsideal der Türken, und tun Sie das bitte nicht als Unsinn ab, es ist eine Tatsache. Man gewinnt an Glanz und Prestige, wenn man mit Ihnen verkehrt.
    Vor allem müssen Sie auf Ihre Töchter aufpassen, vertrauen Sie fremden Leuten nicht. Wenn Ihre Ältere in die Pubertät kommt, besteht eine gewisse Gefahr. Die Hemmschwelle der Türken ist VIEL niedriger als unsere und so ein schönes Mädchen ist der Traum eines jeden Mannes dort. Außerdem werden nordeuropäische Mädchen gerne als moralisch freizügig empfunden.
    Passen Sie auf sie auf, bitte. Lassen Sie auch Ihre Kleine nicht mit Menschen allein, die Sie nur oberflächlich kennen. Behalten Sie Ihre Töchter immer im Auge.
    Ich möchte Sie nicht erschrecken oder Ihren Enthusiasmus deckeln, es ist nur ein gut gemeinter Rat von einer, die diese Erfahrungen gemacht und zum Teil teuer bezahlt hat. Ich bin auch aus Schwaben :-)
    Alles Gute und weiterhin viel Spaß!
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