Kriminelle Karrieren in Haut

25. Juli 2013, 13:50 Uhr

Jahrzehntelang hat ein Gefängniswärter die Tattoos russischer Krimineller entschlüsselt. SS-Sprüche und die heilige Maria liegen nur Zentimeter auseinander: eine Kartografie ruinierter Leben. Von Sophie Albers und Janna Frohnhaus

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Der russische Gefängnisaufseher Danzig Baldaev hatte eine seltsame Sammlerleidenschaft: die Tattoos Krimineller. Von seinen fast 50 Jahren als Wachmann (von 1948 bis 1986) arbeitete er 33 Jahre im berüchtigten Kresty-Gefängnis in St. Petersburg. Vor allem hier, wo die "Soldaten" der Mafia auf ihre Prozesse warteten, hat Baldaev die Bedeutung der Motive in der Haut studiert. Baldaev zeichnete, der Journalist Sergej Wasiliew fotografierte. So entstand eine Kartografie dieser martialischen "Körpersprache".

Mehr als 3600 Tattoos haben Baldaev und Wasiliew in ihre "Enzyklopädie" aufgenommen, die erstmals die Bedeutung der lebendigen Briefe ausführlich erklärt: Die Kriminellen tätowieren sich ihre Karrieren in die Haut, Symbole und Codes bilden den "Lebenslauf" ab: Religiöse Bilder finden sich neben Nazi-Symbolen, und sexistische Botschaften sind auch sehr beliebt. Mal geht es um die Verhöhnung des Staates, dann um das Brüsten mit Verbrechen. Eine "gefälschte" Tätowierung kann zur Amputation ganzer Körperglieder führen.

Dieses Gruppenbild mit Tattoos zeigt Häftlinge, die wegen Drogendelikten einsitzen. "Ich lebe in Sünde/ ich sterbe lachend" steht auf den Armen des Mannes auf der linken Seite. Dämonen und Monster sollen Mithäftlinge einschüchtern. Das Segelboot symbolisiere die Freiheit, und der Träger sei ein potentieller Ausbrecher, erklärt Baldaev. Der Häftling rechts trägt die Buchstaben "KRAB" (Klyanus Rezat Aktivistov i Blyadey) auf dem Arm, was für "Ich schwöre, Aktivisten und Schlampen zu töten" steht. Die Rose am Oberarm heißt, dass er im Gefängnis 18 geworden ist.
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