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Kampf dem Tabu: Frauen, sprecht über eure Periode!

Viele Menschen verbinden die Menstruation mit etwas Schmuddeligem. Luisa Stömer und Eva Wünsch haben gleich ein ganzes Buch über die Periode geschrieben - und berichten darin unter anderem über die Ästhetik vollgebluteter Unterhosen. Warum das längst überfällig war, haben sie dem stern erklärt.

Sie haben ein Buch über die weibliche Periode geschrieben - neben Sex die scheinbar natürlichste Sache der Welt. Wie kommt man auf so eine Idee?

Luisa: Der weibliche Unterbauch ist einfach das Ultimum. Alle Abläufe darin sind fein getaktet und funktionieren wahnsinnig gut. Auch Blut hat eine so wichtige Funktion für den Körper: In den Adern transportiert es den Sauerstoff, in der Gebärmutter dient es der befruchteten Eizelle als Heimat, als Ort, in die sie sich einnisten kann. Spannend ist auch das Menstruationsblut selbst: Es ist zwar rot und flüssig, gerinnt aber nicht. Das liegt daran, dass es kein herkömmliches Blut ist wie zum Beispiel das, das aus einer Schürfwunde tropft. Es enthält Gewebe, Nährstoffe, Eiweiße – quasi ein echtes Lebenselixier.

Eva: Unsere Menstruation ist ein Zeichen dafür, dass wir gesund sind. Dass unser Körper und das Zusammenspiel der Hormone optimal funktionieren. Wir sind fähig, neues Leben in die Welt zu setzen. Und das ist etwas sehr Wertvolles, was es sich lohnt, zu schätzen.

Reden gern über die Menstruation - und haben darüber nun ein Buch verfasst: Luisa Stömer (24, links) und Eva Wünsch (25)

Reden gern über die Menstruation - und haben darüber nun ein Buch verfasst: Luisa Stömer (24, links) und Eva Wünsch (25)


Nun haben manche Frauen starke Schmerzen, wenn sie ihre Tage haben: Der Bauch krampft, einige können kaum das Bett verlassen. Da fällt es schwer, begeistert zu sein, finden Sie nicht?

Eva: Diese Schmerzen und Gefühlsschwankungen kennen auch wir. Wir denken, dass Wissen dabei hilft, diese Situation anzunehmen. Wer weiß, was in seinem Unterbauch abläuft, lernt sich und seinen Körper besser kennen und akzeptiert manche Dinge vielleicht besser. Wir versuchen, dieses Wissen mit unserem Buch zu vermitteln.

Luisa: Natürlich ist klar, dass die Periode und alles, was der Zyklus so mit sich bringt, nervig und schmerzhaft und scheiße sein kann. Aber das steht in nichts dem gegenüber, wie geistreich unser Unterbauch gestaltet ist. Vieles, was da passiert, ist einfach großartig.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Eva: Zum Beispiel der Eisprung. Der ist nämlich überhaupt kein "Sprung" - als olympische Disziplin ausgeschlossen. Er bleibt aber trotzdem ein beeindruckendes Ereignis. Die reife Eizelle verlässt den Eierstock und dümpelt blind und orientierungslos zwischen den Organen in der Bauchhöhle herum - bis sie der schlaue Eileiter wie durch ein Wunder durch hektisches Wedeln (er ist sehr biegsam) findet und die Eizelle sicher in sich aufnimmt.

Was schätzen Sie: Warum wissen viele Frauen so wenig darüber Bescheid, was da jeden Monat mit ihnen passiert?

Luisa: Junge Mädchen wachsen heute in einer hochsexualisierten Umwelt auf. Teenager können auf ihren Handys YouPorn abspielen und scheinbar über alles reden. Aber echte Wissensvermittlung findet in diesem Bereich kaum statt. Auch in der Öffentlichkeit wird das Thema totgeschwiegen.

Eva: In der Schule gibt es zwar Sexualkunde. Aber wenn man in der Pubertät steckt, ist man nicht so körperbewusst und ohnehin in einer schwierigen Phase. Da interessiert man sich noch nicht für das Thema.

Luisa: Die tiefgründigen, genauen Fragen stellen sich erst ein paar Schulklassen später. Und da fehlt dann die Aufklärung.

Viele Frauen leiden leise. Sie schlucken Schmerztabletten, um sich nicht anmerken zu lassen, dass sie ihre Tage haben. Ist das auch so ein Phänomen der heutigen Zeit?

Luisa: Ja, leider. Ich finde das echt schlimm, weil dieses Betäuben so tief verankert ist und man nicht offen damit umgehen kann. Man schluckt dann zwei Schmerztabletten und denkt sich: Wird schon gehen, muss ja gehen. Warum darf man als Frau nicht offen damit umgehen und sagen: Hey, ich bin jetzt für zwei Tage vielleicht ein bisschen langsamer und müder, weil mir der Bauch wehtut? Wer wegen Regelschmerzen zuhause bleibt, wird nicht ernst genommen, was schlimm ist. Aber beim Magen-Darm-Virus schreien alle: "Bleib daheim!" Und der ruft oft ähnliche Symptome wie die Periode hervor – Bauchkrämpfe, Durchfall.

In der Gesellschaft wird die Periode aber nicht als Krankheit wahrgenommen.

Eva: Viele Menschen verbinden mit Regelschmerzen lediglich Befindlichkeiten: Die Frau gilt als zickig oder hysterisch. Was dabei vergessen wird, ist, dass manche - nicht alle - Frauen unter richtigen Schmerzen leiden. Auch da wollen wir Aufklärungsarbeit leisten.

Luisa: Genau. Wir verstehen das Buch als freundschaftliche, unekelhafte und nicht-peinliche Einladung, sich über das Thema zu informieren und darüber zu reden. Wir glauben, mit Wissen lässt sich Offenheit generieren.

In Italien wird derzeit darüber diskutiert, ob Frauen einmal im Monat einen Menstruationsurlaub nehmen können, wenn die Regelschmerzen zu stark werden. Wie denken Sie darüber?

Luisa: An sich ist das ein toller Punkt. Ich finde es großartig, dass so Öffentlichkeit auf das Thema gelenkt wird. Schwierig finde ich aber die Wortwahl. Der Begriff Menstruationsurlaub klingt danach, als würde man sich mit seiner Periode auf den Balkon legen, die Füße hochlegen und zwei Tage auf Kosten des Arbeitgebers chillen. So ist es aber nicht. Es geht hier um Frauen, die ein ärztliches Attest haben und unter starken Schmerzen leiden – keine Happy-Time zuhause.

Einigen Frauen fällt es schwer, das Thema anzusprechen. Sie nutzen dann Umschreibungen und sagen, sie seien in der Erdbeerwoche. Warum ist das so?

Lieber Binden verwenden - oder sind doch Tampons die bessere Wahl? "Ebbe & Blut" vermittelt dieses Wissen auf spielerische Weise.

Lieber Binden verwenden - oder sind doch Tampons die bessere Wahl? "Ebbe & Blut" vermittelt dieses Wissen auf spielerische Weise.

Eva: Ich denke, das hat ganz viel mit Unsicherheit zu tun. Man versucht die Periode zu verniedlichen und sagt Dinge wie: Tante Rosa ist zu Besuch. Oder: Ich habe meine Erdbeertage. Man ist peinlich berührt, weil da eine Körperflüssigkeit aus einem herausläuft. Über die man nicht spricht, obwohl es völlig normal ist.

Luisa: Viele wollen die Sache nicht beim Namen nennen. Da schwingt auch immer ein wenig Ekel mit. Ich würde gerne die Frau sehen, die durchs Großraumbüro brüllt, dass sie blutet. Aber die gibt’s noch nicht.

In dem Buch schreiben Sie auch über das freie Menstruieren: Dabei wird das Menstruationsblut mithilfe der Beckenbodenmuskulatur zurückgehalten und bewusst abgelassen. Hand aufs Herz: Das funktioniert doch nicht wirklich?

Eva: Wir sind bei der Recherche auf das Thema gestoßen. Es gibt wohl einige Frauen, die das können. Es ist aber auch mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden, weil der Beckenboden super trainiert sein muss, um das Blut zurückhalten zu können. Selbst ausprobiert haben wir es aber noch nicht.

Wo hat das seinen Platz in unserer total durchgetakteten Welt? Man kann ja nicht im Meeting aufstehen und sagen: "Sorry, ich muss mal Blut ablassen."

Eva: Vermutlich erst mal keinen. Es sei denn, man schafft sich den bewusst.

Luisa: Als Frau muss man das selbstbewusst durchziehen. Das müssen die Frauen anfangen und darüber sprechen, sodass es sich verbreitet. Dann findet das sicher irgendwann auch seinen Platz in der Menstruationswelt. Gerade ist es aber eher noch ein Randphänomen.

Sie sprechen von einer Menstruationswelt. Wer das Buch liest, gewinnt den Eindruck, dass es sich mindestens um ein ganzes Universum handeln muss – so detailliert wird darin unter anderem über das Pro und Contra von Binden und Tampons gesprochen. Welche Rolle spielen darin Männer?

Luisa: Der weibliche Zyklus gehört zum weiblichen Leben. Er ist ein Teil von mir, er gehört zu mir. Insofern ist er auch das Thema des Mannes – weil das Thema des Mannes bin ja auch ich. Ich glaube, es ist wichtig, darüber zu reden. Und warum nicht mal mit dem Partner zusammen Tampons kaufen gehen? Das baut Ängste und Vorurteile ab.

Wie kam es eigentlich zu dem Titel "Ebbe & Blut"?

Luisa: Das war zunächst unser Arbeitstitel. Irgendwie ein witziges Wortspiel, das passend erschien. Mit der Arbeit an dem Buch wurde uns bewusst, wie gut das Bild mit den Gezeiten tatsächlich zum weiblichen Zyklus passt. Ebbe und Flut. Jeden Monat aufs Neue. So ist es geblieben.

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