Immer mehr Kinder auf Ritalin

29. Januar 2013, 13:33 Uhr

Wann ist ein Kind krankhaft zappelig und wie behandelt man es richtig? Ärzte kritisieren schon lange, dass die Diagnose ADHS inflationär gestellt wird. Eine neue Studie zeigt: Geändert hat sich wenig. Von Katja Reith

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ADHS, ADH, Aufmerksamkeit-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, Ritalin, Methylphenidat

"Modediagnose" ADHS: Im Alter von elf Jahren bekamen 2011 rund 7 Prozent der Jungen und 2 Prozent der Mädchen das Medikament Ritalin verordnet.©

Sie können sich schlecht konzentrieren, springen von einer Tätigkeit zur nächsten, hören nicht richtig zu, verlieren Dinge und sind motorisch extrem unruhig: Bei knapp fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland wurde dem Robert-Koch-Institut zufolge die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, gestellt. Bei weiteren fünf Prozent liegen Hinweise auf die Störung vor. Seit Jahren warnen Ärzte, dass die Diagnose inflationär gebraucht wird - und Kinder und Jugendliche immer häufiger mit Medikamenten ruhiggestellt werden. Der "Arztreport 2013" der Barmer Krankenkasse bestätigt nun diesen besorgniserregenden Trend: Demnach ist die Zahl der diagnostizierten ADHS-Fälle bei den unter 19-Jährigen zwischen 2006 und 2011 um 42 Prozent gestiegen. Insgesamt erhielten 2011 mehr als 620.000 Kinder und Jugendliche die Diagnose - der größte Teil davon sind Jungen (472.000).

"In Deutschland wird immer häufiger ADHS diagnostiziert, obwohl das öffentliche und fachliche Bewusstsein für dieses Erkrankungsbild bei uns schon seit mehr als einem Jahrzehnt hoch ist", kritisiert Friedrich Schwartz vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) in Hannover, einer der Autoren der Studie. Vor allem bei Kindern, die vor dem Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule stehen, sei die Häufigkeit eines ADHS besonders hoch. Bei den Zehnjährigen wurde 2011 bei knapp 12 Prozent der Jungen und gut vier Prozent der Mädchen ADHS diagnostiziert.

Inflationärer Anstieg

Auch Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Barmer Krankenkasse, sieht die Entwicklung der Diagnoseraten mit Sorge: "Dieser Anstieg erscheint inflationär. Wir müssen aufpassen, dass die Diagnostik nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren. Pillen gegen Erziehungsprobleme sind der falsche Weg."

Die Verordnungsraten von Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin, sind dem Report zufolge zwischen 2006 und 2011 ebenfalls gestiegen. Bei den Elfjährigen erhielten 2011 knapp sieben Prozent der Jungen und zwei Prozent der Mädchen das Medikament, das bei ADHS die Behandlungsmethode Nummer eins ist. An Langzeitstudien über die Auswirkungen der Behandlung mit Ritalin mangelt es allerdings. Sicher ist nur: Methylphenidat kann das Wachstum bei Kindern hemmen, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit verursachen und zu Herz-Rhythmus-Störungen führen. Leichtfertig sollte es daher nicht verschrieben werden.

Für den Arztreport mit dem Schwerpunkt ADHS werteten die Wissenschaftler des ISEG die Daten von mehr als acht Millionen Versicherten über einen Zeitraum von sechs Jahren aus. Diagnosehäufigkeit von ADHS, Behandlungsmethoden, regionale Unterschiede und die Altersstruktur der Patienten wurden ebenso betrachtet wie familiäre und soziale Strukturen.

Demnach sinkt mit steigendem Ausbildungs- und Einkommensniveau der Eltern das Risiko einer ADHS-Diagnose und einer Ritalingabe bei den Kindern. Der Nachwuchs arbeitsloser Eltern ist dagegen häufiger davon betroffen. Auch gibt es Hinweise darauf, dass Kinder jüngerer Eltern ein höheres Diagnose-Risiko haben: So erhalten Kinder mit einem Elternteil im Alter zwischen 20 und 24 Jahren häufiger eine ADHS-Diagnose als Kinder mit Eltern zwischen 30 und 35 Jahren. "Ob das an einer größeren Gelassenheit von Eltern im fortgeschrittenen Alter liegt oder an Erziehungsproblemen jüngerer, bleibt offen", sagt Schlenker.

Die Diagnosehäufigkeit von ADHS unterscheidet sich auch regional: Während sie bei Jungen im Alter von zehn bis zwölf Jahren 2011 im Bundesschnitt bei knapp 12 Prozent lag, hätten Ärzte etwa in Unterfranken diese Diagnose bei 19 Prozent dieser Jungen gestellt. Besonders steche in diesem Gebiet die Region Würzburg hervor, heißt es in dem Report. Woran dies liegt, ist auch den Wissenschaftlern nicht ganz klar. Gesellschaftliche Ansprüche und eine höhere Ärztedichte könnten zwei Faktoren für den ADHS-Boom im Raum Würzburg sein.

Nicht immer gleich Pillen

Doch ist ADHS nur eine Modediagnose für "schwierige" Kinder? Seit Jahren steht die Krankheit in diesem Ruf, denn die Grenze zwischen gesund und krank ist nur schwer zu ziehen. Wann ist ein Kind nicht nur unruhig und ein bisschen vorlaut, sondern krankhaft unkonzentriert und überaktiv? Vor allem im Kindesalter, wo Bewegungsdrang normal ist und Unruhe auch ein Zeichen von Überforderung sein kann, ist die Herausforderung an Ärzte und Therapeuten groß, diese Frage sicher zu beantworten.

Arzneimittelforscher Gerd Glaeske von der Universität Bremen sieht schon hier das erste Problem: Oft bestehe kaum ausreichend Zeit für genaue Untersuchungen. Eltern und Lehrer üben Druck aus, sie wollen das Kind behandelt sehen. Dann ist die Diagnose ADHS rasch gestellt: Sie biete eine schnelle Antwort auf viele Fragen und entlaste die Eltern.

Doch: "Ritalin darf nicht per se das Mittel der ersten Wahl sein", kritisiert Schlenker von der Barmer Krankenkasse. Je nach Schwere der Krankheit gebe es auch andere Möglichkeiten, etwa ein effektives Elterntraining oder Verhaltenstherapie. Manfred Döpfner, Experte für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Köln, bestätigt das: "Die therapeutische Begleitung der Kinder, aber auch der Eltern ist elementar für eine erfolgreiche Behandlung von ADHS."

Döpfner bemängelt allerdings, dass genau diese Behandlungsalternativen oftmals fehlen: die Wartelisten bei Therapeuten und Psychologen seien zu lang - wenn es denn überhaupt ausreichend Praxen gäbe. "Ärzte befinden sich oft in einem ethischen Dilemma: Entweder sie behandeln die Kinder mit Ritalin, oder sie behandeln sie gar nicht." Hier seien auch die Krankenkassen gefragt: "Sie müssen die therapeutischen Kapazitäten für Eltern und Kinder ausbauen - und natürlich bezahlen."

 
 
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