Der Erschöpfung auf der Spur

18. Mai 2011, 16:00 Uhr

Modediagnose oder schwere Krankheit - das Volksleiden spaltet die Fachwelt. Aktuelle Forschungserkenntnisse helfen, die große Erschöpfung besser zu verstehen, und machen Hoffnung auf Heilung. Von Corinna Schöps

Es müssen Hunderttausende sein, vielleicht sogar Millionen. Menschen, die sich müde und ausgelaugt fühlen und deren Erschöpfung nicht mehr weichen will. Die Aufgaben im Alltag fallen ihnen zusehends schwer. Sie fühlen sich in einem Hamsterrad gefangen, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, und wissen nicht mehr, wie sie dort herauskommen sollen. Viele von ihnen schlafen schlecht, die Beziehung leidet, die Kinder kommen zu kurz, für die Freunde fehlt die Energie. Daneben wächst die Angst, nicht mehr über das eigene Leben bestimmen zu können - allen Freiheiten zum Trotz. Was, wenn Körper und Seele den durchgetakteten Tagen in der Blackberry-Ära nicht mehr standhalten? Was tun, wenn plötzlich das Hirn nicht mehr richtig arbeitet, wenn das Herz jede Nacht bis zum Hals schlägt? Am Ende einer solchen Krise steht häufig die völlige Erschöpfung mitsamt einer Depression.

Das Thema Burnout beschäftigt eine wachsende Zahl von Medizinern und Arbeitspsychologen, Soziologen und Seelentherapeuten. Sie diagnostizieren ein Gefühl der Überforderung in weiten Teilen der Gesellschaft. Eine Art Mehltau, der uns überzieht. Jeder dritte Deutsche gibt inzwischen an, häufig oder ständig gestresst zu sein.

Modediagnose oder ernsthafte Krankheit?

Unaufhörlich wächst das Angebot an Coaching und Entspannungskursen, Wellnesskliniken und edlen Wohlfühl-Studios. Die Führungsetagen der Firmen, die Betriebsärzte und Personalmanager registrieren die diffuse Bedrohung. Philosophen sehen bereits das Zeitalter der Müdigkeit heraufziehen, mit dem Seeleninfarkt als Massenphänomen.

Aber was genau ist das denn: ein Burnout? Eine Krankheit? Oder eine Befindlichkeit? Eine inflationäre Modediagnose oder der Ausdruck echten Leids? Ein schickes Etikett für Workaholics und Wichtigtuer? Oder ist es der weniger stigmatisierende Name für eine ausgewachsene Depression? Wie diagnostiziert man das Leiden zuverlässig? Welcher Gestresste ist bloß reif für einen längeren Urlaub, braucht einen guten Coach oder neue Aufgaben - und welcher müsste dringend zum Arzt? Wie wird richtig behandelt? Über all das besteht in der Fachwelt keine Einigkeit.

Zwar können die Psychologen inzwischen Persönlichkeitsfacetten benennen, die ein Burnout begünstigen (siehe Fotostrecke), zwar verstehen die Arbeitsforscher immer besser, welche Bedingungen das Risiko erhöhen. Auch wissen Ärzte und Therapeuten etliches darüber, wie sich eine Burnout-Krise auffangen lässt. Doch keine der Disziplinen kann auf angemessene Standards zurückgreifen, einen wissenschaftlich verbindlichen Kanon gibt es nicht. "Die Lage ist deprimierend, man könnte sagen, die Forschung ist ausgebrannt", fasst es Matthias Burisch zusammen, Psychologieprofessor an der Universität Hamburg.

Das Fehlen zuverlässiger Diagnostik

Für die Diagnose Depression verfügt die internationale Ärzteschaft über klare Kriterien, doch für die graue Zone davor fehlen ihr die Worte: Der Begriff Burnout stammt aus der Arbeitspsychologie und taucht in keinem der einschlägigen medizinischen Kataloge als klar umrissene Diagnose auf. Was also fehlt den Männern und Frauen, die mit Energiemangel, Schlafstörungen, Schmerzen unklarer Ursache oder ständigen Infekten beim Arzt vorstellig werden? Die über Konzentrationsprobleme, Grübelei und Reizbarkeit klagen?

Zwar existiert seit vielen Jahren ein Test, der sogenannte Maslach-Fragebogen, auf dessen Grundannahmen der größte Teil der Forschung beruht. Doch er gilt inzwischen als unzulänglich. Mediziner verwendeten ihn bislang nach der groben Formel: Je höher ein Patient auf der Maslach-Skala liegt, desto wahrscheinlicher leidet er an einer Depression. Um ihre Patienten behandeln oder krankschreiben zu können, bedienen sie sich der Diagnose Depression. Oder sie greifen auf einen Notbehelf zurück und attestieren "Z 73.0" . Das Kürzel stammt aus einer Restkategorie des ICD-10, des weltweit geltenden Diagnoseschlüssels. Es bedeutet, der Betroffene leide an "Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensführung". Schwammiger geht's nimmer.

Übernommen aus ... stern Gesund leben Ausgabe 03/2011
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