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20. März 2008, 20:58 Uhr

Fragen Sie Ihren Arzt - wenn Sie einen finden

Überfüllte Wartezimmer, überarbeitete Ärzte - gerade im Osten herrscht in vielen Gegenden Ärztemangel. Tausende Mediziner gehen in den Ruhestand. Doch die jungen Kollegen haben wenig Interesse, auf dem Land zu praktizieren. Einige Bundesländer müssen sogar mit Geld locken. Ein Bericht aus dem Landkreis Torgau. Von Tim Braun

Besonders in den neuen Bundesländern schließen immer mehr Arztpraxen - ohne, dass sie ersetzt werden© Picture-Alliance/ZB

Ein Nachmittag am Platz der Freundschaft in Torgau, einer Plattenbausiedlung am Rande der 18000-Einwohnerstadt zwischen Leipzig und Dresden. Kinder spielen, malen mit Kreide auf den Beton-Boden, einige ältere Frauen sind auf dem Weg zum Supermarkt, andere mühen sich mit ihren Tüten ab. Man kennt sich. Erstaunlich oft wird nicht deutsch, sondern russisch gesprochen. Im Haus Nummer sechs ist das Wartezimmer noch gut gefüllt. Es ist warm, das Schniefen und Husten der zehn Patienten, die mit leicht erröteten Gesichtern warten, wird nur manchmal durch die gute Laune der Sprechstundenhilfen unterbrochen - sie träumen laut vom großen Lotto-Gewinn und 7000-Euro-Rente. In kurzen Abständen leert sich eines der drei Behandlungszimmer - und wird sofort wieder mit dem nächsten Patienten besetzt.

Bis zu 160 Patienten am Tag

Im gleichen Rhythmus wechselt Bernhard Zirm über die Verbindungstüren zwischen den Zimmern. Seit 20 Jahren arbeitet er als Hausarzt. Bis vor einiger Zeit waren für die 7500 Menschen, die im Einzuggebiet des "Plattenbaugebiet Nord-West" leben, noch drei Hausärzte zuständig. Heute versorgt Zirm sie allein, die anderen beiden haben ihre Praxis aufgegeben. 120 bis 160 Patienten behandelt er am Tag, rund 50 Prozent davon sind Rentner. Man sieht dem blassen, hageren Mann die starke Belastung an. "Eine 60- bis 70-Stunden-Woche ist mittlerweile normal", sagt er.

Über 40 Prozent gehen in Rente

53 Jahre ist Bernhard Zirm alt; das ist exakt das Durchschnittsalter der sächsischen Hausärzte. Rund ein Drittel ist älter als 60, bis 2012 gehen mehr als 40 Prozent der niedergelassenen Ärzte in Rente. Insgesamt 3500 Hausärzte werden in den neuen Bundesländern bis 2010 altersbedingt ihre Praxis aufgeben - und voraussichtlich eine Lücke hinterlassen. Noch gibt es im Freistaat, jedenfalls laut Statistik, keine unterversorgten Gebiete. Im Gegensatz etwa zu Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Zwar droht auch im Westen in ländlichen Gebieten - etwa in Niedersachsen und selbst in Bayern - eine Unterversorgung mit Hausärzten. Doch im Osten Deutschlands ist die Lage dramatischer.

Niemand will die Praxen haben

Die Politik weiß um die Probleme. "Wenn jetzt nichts passiert, dann haben wir hier in den kommenden Jahren richtige Probleme", sagte Ministerpräsident Georg Milbradt bei einem Ortstermin im Landkreis Torgau-Osschatz. Und: "Wir bilden deutlich mehr Ärzte aus, als wir brauchen. Im Land bleiben aber weit weniger als notwendig." Darin liegt das Problem: Die Praxis-Übernahme ist für junge Ärzte kaum attraktiv. Denn vielen Medizinern ist das wirtschaftliche Risiko zu groß, sich in einer strukturschwachen Region niederzulassen. Dazu kommt, dass Ärzte in Ostdeutschland pro Patient im Schnitt ein Drittel weniger verdienen als ihre Kollegen im Westen. Das ist nicht besonders motivierend für junge Ärzte, die gerade ihren Facharzt abgeschlossen haben und von ausländischen Arbeitgebern sowie der Pharmabranche umworben werden.

Deswegen haben die meisten Bundesländer Förderprogramme aufgelegt. In Sachsen bestehen sie in bislang elf Regionen aus Investitionszuschüssen und sogenannten Bonuszahlungen. Wer mit seinem Budget nicht auskommt, erhält 8,75 Euro pro Fall als Bonus dazu. Eine dieser Regionen ist der Landkreis Torgau-Osschatz. Und einer der zehn Ärzte, die sich seit Bestehen der Förderung 2005 niedergelassen haben, ist Michael Putzmann, Facharzt für Innere Medizin.

1500 Euro im Monat

Er hat die Praxis eines 68-jährigen Kollegen übernommen, der in den Ruhestand ging und ihn aus dem Krankenhaus in Osschatz "abgeworben" hat. Putzmann hat die Praxis aus dem Stadtzentrum in ein Gewerbegebiet am Stadtrand verlegt, um mehr Platz zu haben. Nun arbeiten er und zwei Schwestern auf 140 Quadratmetern, zwischen mint-grün gestrichenen Praxiswänden. Es gibt drei Sprechzimmer, die Geräte sind auf dem neuesten Stand, an den Wänden hängen große Photo-Drucke mit Blumen-Motiven. Für die Praxisübernahme zahlt ihm die Kassenärztliche Vereinigung 60.000 Euro Investitionszulage, verteilt über fünf Jahre. "Ohne das Geld hätte ich die Praxis nicht ausbauen können", sagt Putzmann.

Die Praxis läuft. Aus einem Umkreis von rund 20 Kilometern kämen pro Tag 100 Patienten zu ihm. Das ist eigentlich ein Erfolg. Nur: "Seit dem 24. Januar ist mein Budget aufgebraucht", sagt Putzmann. Das heißt, dass er seine Leistungen bis zum Quartalsende am 31. März eigentlich nicht oder nur einen Bruchteil davon abrechnen kann. 1500 Euro würde er momentan am Ende des Monats herausbekommen. Weniger als ein Drittel dessen, was er als Oberarzt in seiner früheren Klinik hätte, wenn er den Job angenommen hätte. Durch die Bonuszahlung - 8,75 Euro pro Fall, der außerhalb des Budgets liegt - wird es mehr.

Wie es damit allerdings in Zukunft aussehen wird, ist ungewiss: Nach Informationen von stern.de gibt es Pläne, die Zahlungen bereits ab April wieder auszusetzen. Was es für Putzmann bedeuten würde, wenn das Bugdet dann nicht mehr reicht: "Dann muss ich Patienten, die eine Behandlung brauchen, ins Krankenhaus schicken. Dort fallen dann für die Kasse allerdings wesentlich höhere Kosten an."

Von Tim Braun
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
daahoud (23.03.2008, 19:43 Uhr)
Falsche Fragen
Ich kann Bipo nur zustimmen in der Analyse, warum die Ärzte aus Deutschland weggehen. Leider scheinen nicht viele Leute diese Fragen zu stellen, sondern meinen noch immer, dass sich Ärzte für ein nicht kostenfreies, aber relativ billiges (auch qualitativ) Studium ausbeuten und versklaven lassen sollen.Dazu kann ich nur folgendes sagen: Das Studium im Ausland ist zwar teurer, aber die Ausbildung ist wesentlich besser inklusive operatives Training. Ich habe das selbst in Australien, Kanada und England feststellen können. In diesen Ländern gibt es ein hohes Niveau, ständiges Teaching und Training und ausserdem noch eine Wertschätzung der Tatsache, dass sich Ärzte mindestens 10 Jahre in der Ausbildung befinden. Dies fehlt in Deutschland, auch von Seiten der Patienten.Der Grund, weshalb ich nicht nach Deutschland zurückkehre, sondern derzeit wie obengenannter Kollege in England und Skandinavien arbeite, ist ganz einfach: Ich möchte mir zu alledem nicht noch vorschreiben lassen, wie und wie billig ich die Patienten zu behandeln habe. Gottseidank sind andere europäische Länder nicht so träge und hinter dem Mond wie Deutschland: auch polnische Ärzte arbeiten lieber in GB und Skandinavien. Alles Gute!
hastdumalnemark (22.03.2008, 12:56 Uhr)
Diese Art der Diskussion
aus gesundem Halbwissen und zielgerichteter Desinformation ist unter anderem der Grund dafür, dass Ärzte auswandern. Es ist eine Abstimmung mit den Füßen.
Grund zum Nachdenken sollte auch geben, dass osteuropäische Ärzte schon einen Bogen um Deutschland machen. Irgendwann werden auch die übrigen Kassenpatienten (bin ich auch) merken, dass Ulla Schmidt keine Patienten behandeln kann. P.S. zu den Porsche Gehältern steht auch etwas in der SZ (http://www.sueddeutsche.de/,Ple3Lhp/jobkarriere/berufstudium/artikel/726/89637/)
Loewenherz_XL (22.03.2008, 08:43 Uhr)
@bibo Ist "Jammern auf hohem Niveau" im Lehrplan inbegriffen?
Thema Patientenversorgung während des Streiks 06: Es stimmt nicht, dass für alle Kassenpatienten die Patientenversorgung gesichert war. Hier greifst Du zu billiger Polemik. Hierzu nur ein Artikel „Operation verschoben - Patientin tot“ aus sueddeutsche.de/deutschland/artikel/968/77891. Die Staatsanwaltschaft ermittelte. I Klinikum Braunschweig wurden alleine an einem Streiktag statt geplanter 97 Operationen nur 19 OP durchgeführt. Waren die restlichen OP’s nur unnötige Beschäftigungsnassnahmen für gelangweilte Patienten? Mit Sicherheit nicht, niemand ist aus Jux und Dollerei krank. Bei 700 Kommunalen Krankenhäusern in Deutschland kommt da einiges an verschobenen Op’s und dringend benötigten Behandlungen zusammen. Dazu eine Aussage von Montgomery „ Es wird gravierende Engpässe geben… Operationen werden verschoben, Untersuchungen verlegtIn bestreikten Kliniken würden nur noch Notfälle behandelt. " Und das monatelang! Nicht umsonnst hat das OLG Karlsruhe bestätigt, das Ulla Schmidt den Streik als „Geiselhaft von Patienten“ definieren durfte. Es macht einen Unterschied ob Schwerstkranke bestreikt werden oder bei Opel das Band abgestellt wird.
Thema Zeitverlust durch Bürokratie: Ich stimme Dir in diesem Punkt voll zu. Nur solltest Du dich dann bei Eurer Lobbyorganisation BAK + KVB beschweren, das betrifft auch das Punktesystem. Wer hat denn die Verträge ausgehandelt? Ein vernünftiges Organisationsmanagement könnte auch Zeitersparnis bringen. Verwaltungsaufgaben können delegiert werden.
Thema Arbeitsüberlastung: Der Marburger Bund war nicht daran interessiert, die Arbeitszeit ohne Ausnahme tariflich auf 40-45 Stunden zu begrenzen. Er war daran interessiert, für die geleisteten Überstunden einen höheren Zuschlag zu bekommen. Wer zwingt die Ärzte 90 Stunden zu arbeiten? Mit den Überstunden lässt sich ja auch gutes Geld verdienen nicht war.
Thema Einkommen: Nun gehören die Krankenhausärzte mit Sicherheit nicht zu den working-poor-people. Einkommenstabellen lassen sich im Internet finden. Die goldenen 70iger bis 90iger Jahre sind für alle Arbeitnehmer LEIDER vorbei. Das haben nur die Ärzte noch nicht registriert, alle anderen Berufsgruppen schon.
Ich bin als Kassenpatient auch daran interessiert einen motivierten Arzt zu haben. Aber wenn ein System nicht mehr funktioniert – egal aus welchen Gründen- muss man neue Wege gehen. Fakt ist das Grundgesetz nach Art. 1 Abs. 1 eine medizinische Versorgung der Bevölkerung verlangt. Und die ist bei einem monatelangen Streik wie 2006 nicht gesichert, zumindest nicht bei Kassenpatienten. Die ist auch nicht gesichert, wenn fertig ausgebildete Ärzte direkt ins Ausland gehen. Dann sollen sie bitte schön gleich auf eigene Kosten im Ausland studieren
Und wenn Du meinen Beitrag vorurteilsfrei liest, lässt sich erkennen, das in diesem Modell das Grundeinkommen gesichert ist und zusätzlich jeder Arzt weitere Einkommen erwirtschaften darf. Kein Arzt müsste seine Praxis aus Geldmangel schließen. Und was die Höhe des Grundeinkommens anbelangt, dafür habt Ihr ja noch Eure gutverdienenden Verbandsfunktionäre. Und nach der 10-jährigen Verpflichtung, steht es jedem Arzt frei eine lukrative Praxis z.B für Schönheitsoperationen auf der Kö aufzumachen – diese kurze Polemik konnte ich mir jetzt nicht verkneifen ;-)
Noch was zum Thema Lobbyarbeit der Ärzte: Eine erste (amtliche) Zusammenstellung der Patientenrechte in Deutschland erfolgte durch den Beschluss der 72. Gesundheitsministerkonferenz am 9./10. Juni 1999 in Trier. Diese Zusammenstellung der Patientenrechte hatte in der Öffentlichkeit nahezu uneingeschränkte Anerkennung gefunden. Es war daher folgerichtig, diese Zusammenstellung, ihrer Bedeutung entsprechend, auch als Patienten-Charta zu bezeichnen. Obwohl die Patienten-Charta kein neues Recht setzt, sondern nur zweifelsfrei bestehende Rechte in einem Zusammenhang vorstellt, haben die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung der Patienten-Charta mit kaum nachvollziehbaren Argumenten ihre Zustimmung versagt. Na so was aber auch.
Noch eine Polemik zum Abschluss: wird der Marburger Bund wieder bei groß angekündigten Demos auf gekaufte „Miet-Demonstranten zurückgreifen. Bei einer Ärztedemo in Berlin waren 170 der 200 Protestierenden fachfremde Studenten und Arbeitslose. Tagespauschale der Miet-Demonstranten: Rund 30 Euro
bipo (21.03.2008, 13:45 Uhr)
billige Polemik von Ahnungslosen
wenn ich Kommentare wie den von Löwenherz lese weis ich, dass es die richtige Entscheidung war auszuwandern.
1. Das Medizinstudium ist teuer - richtig. Es ist teuer, weil es schlecht strukturiert und veraltet ist, unnötig zu lange dauert und schlechte Ausbildung bedeutet. Das ist jedoch nicht die Schuld der Studenten.
2. Die freiwilligen Bereitschaft der Ärzte funktioniert nicht mehr, weil in Deutschland die Arbeitsbedingungen unerträglich, die Bezahlung unangemessen und die Perspektiven unterirdisch sind. Und wegen Beiträgen aus dem Elfenbeinturm, wie dem von Löwenherz.
3. Wenn die Medizinische Versorgung der Bevölkerung so wichtig ist, dann sorgt dafür, dass Ärzte keine 90 Stunden-Woche haben, nicht von überbordender Bürokratie erstickt werden und akzeptabel bezahlt werden.
4. Die Erfahrung mit den Arbeitgebern im deutschen Gesundheitssystem zeigen: Selbst wer Streikrecht hat wird gnadenlos erpresst, ausgequetsch und verschlissen. Und wenn er nicht mehr arbeiten kann, weil seine Familie an der Belastung zerbrochen und die Gesundheit ruiniert ist wird eiskalt fallen gelassen. Wer sein Streikrecht im Gesundheitssystem aufgibt wird gepresst, bis er an der Arbeit stirbt (wie übrigen ein Kollege von mir)
5. Ärzte (auch die im Marburger Bund) haben diese moderne Sklavenhaltung seit über 20 Jahren klaglos hingenommen und das Gesundheitssystem durch Lohnverzicht, unbezahlte Überstunden und Arbeit bis zur Selbsverstümmelung am Leben gehalten - ganz besonders für die Kassenpatienten.
6. Sollte man nicht auch gleich Studenten der Elektronik und Informationstechnik zum kasernierten Arbeitsdienst bei ZDF und ARD zwangsverpflichtet?
7. Die angeblichen 30% Gehaltsteigerung für Ärzte war ein grandioser Propagandacoup der Arbeitgeberseite. Sie hat mit einer Gewerkschaft, die die Ärzte gar nicht vertrat (VerDi) einen Tarifvertrag ausgehandelt, der weit unter dem Niveau des bestehenden lag. Dann hat sie mit dem MarburgerBund, der die übnerwiegende Mehrheit der Ärzte vertritt nach langer Verzögerungstaktik einen Tarifvertrag ausgehandelt, der Besser war, als der VerDi-Vertrag. Dieser neue Tarif war aber immer noch schlechter als der ursprünglich geltende. Fazit: Die Verbesserung des illegal abgeschlossenen VerDi-Vertrages um ca. 8% würde in der Öffentlichkeit als 30%ige Gehaltssteigerung für Ärzte verkauft - mein reales Gehalt im Vergleich zum ursprünglich geltenden Vertrag ist damit jedoch nicht etwar um 30% gestiegen, auch nicht um 8% sonder real um ca. 3% gesunken und das bei verlängerter Arbeitszeit.
9. Wärend des Streiks musste sich kein schwerkranker Patient als Geisel fühlen. In meinem Krankenhaus wurde kein einziger schwerkranker Patient nicht behandelt oder weniger gut behandelt - eher im Gegenteil. Übrigen die zum Teil wärend des Streiks aufgetretenen Wartezeiten waren immer nocht weniger als 1/3 so lange, wie sie im europäischen Ausland sind - und dort bekömmen die Ärzte zum Teil mehr als das doppelte Gehalt.
10. ich habe, wie übricgens die meisten meiner Komillitonen, wärend meines Studiums gearbeitet um mich zu finanzieren. Übrigens, jeder Medizinstudent arbeitet wärend seines Studium ca. eineinhalb Jahre ohne Bezahlung vollzeit im Krankenhaus. Und nach der Arbeit im Krankenhaus geht er zusätzlich nachts und am Wochenende arbeiten, um seine Miete und das Essen bezahlen zu können.
soviel zum Thema Oberschichtstudent und Schulden bei der Gesellschaft abbezahlen
schönen Gruß aus Skandinavien
humane Abreitsbedingungen, doppeltes Gehalt, Wertschätzung, Kinder- und Familienfreundlicher Arbeitsplatz
brenn (21.03.2008, 09:08 Uhr)
Frei oder nicht frei?
Leicht lässt sich der schwarze Peter auf die Ärzteschaft schieben, wenn man nicht weiss, dass der heute grassierende Ärztemangel ein staatlich organisiertes Problem ist. Ein zufriedener und satter Patient wäre man heute, hätte die staatliche Zulassungsbehörde in den 90ern entsprechend dem bevorstehenden Ärztemangel die wartenden Studenten an die Universitäten gelassen.
Da dies allerdings über 10 Jahre nicht passierte, baden die Patienten heute diese Misere aus und schimpfen.
Zurecht. Nur sollte die Wut über mangelnde Versorgung und überfüllte Wartezimmer sich gegen die Gesundheitspolitik richten und nicht gegen die Ärzteschaft. Diese versorgen schliesslich nicht nur das Gemeinwohl, sondern auch das Ihrer Familien. Wie jeder Berufstätige. Mit dem Recht auf freie Ortswahl. Wie jeder Berufstätige.
Loewenherz_XL (21.03.2008, 07:36 Uhr)
Ethos statt Porsche
Nun sind die vom Steuerzahler zu tragenden Kosten für ein Arztstudium enorm. Die Kosten eines kompletten Medizinstudiums für den Steuerzahler werden in der Bundesrepublik auf umgerechnet ca. 199.397 Euro veranschlagt, Quelle Institut für Begabtenforschung Bonn. Hauptnutzniesser dieses, auch von Ostarbeitnehmern finanzierten Studiums, ist in der Regel nicht der Unterschichtenstudent.
Die Gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung sollte eines der wichtigsten Anliegen des Staates sein. Und kann nicht alleine von der freiwilligen Bereitschaft der Ärzte abhängig gemacht werden. Das funktioniert nicht mehr.
Deshalb mein Vorschlag: Der Staat finanziert leistungsbereiten und engagierten Studenten (aus dem In- und Ausland) per Stipendium dieses Studium und verpflichtet sie im Gegenzug dazu 10 Jahre als Arzt u. a. auch in den deutschen Notstandsgebieten zu arbeiten. Ein festes Gehalt oder bei selbständigen Kassenärzte eine akzeptable Mindesteinkommensgrenze inklusive Finanzierungsbeihilfen für die Praxis, gibt die nötige finanzielle Sicherheit.
Vorrausetzung hierfür, ist allerdings ein eingeschränktes Streikrecht. Der Marburger Bund hat ja in den letzten Jahren deutlich gezeigt, dass ihm die Interessen der Kassenpatienten reichlich egal sind. Das hätte nebenher noch den Vorteil, das die Patienten durch unmäßige Tarifforderung wie bei den Krankenhausärzten (2006 30%) und der 2006 darauffolgenden monatelangen Bestreikung von schwerstkranken Kassenpatienten nicht mehr wie Geisel fühlen müssten.
Und die Oberschichtenstudenten können ja stattdessen ein BWL Studium belegen. Damit lässt sich der Porsche später auch gut finanzieren.
Petra.B.Dietze
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