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28. April 2006, 16:26 Uhr

Das Geschäft mit der Angst

Mistelextrakt, Vitamin C, Handauflegen: Alternative Heilmethoden bei Krebs gibt es viele, sie eignen sich aber allenfalls als Ergänzung zur Schulmedizin. Und die meisten machen nur den Wunderheiler reich, den Patienten aber nicht gesund.

Mistelzweig: Der Extrakt der Pflanze soll viele Krebsarten heilen - wissenschaftlich bewiesen ist das aber nicht© Magnus Settele/DDP

Sieben von zehn Krebspatienten haben sich bereits mit alternativen Heilverfahren beschäftigt. "Das Bedürfnis, selbst etwas zu tun, ist sehr verständlich", sagt die Sprecherin der Deutschen Krebshilfe, Eva Kalbheim. "In der häufig existenzbedrohenden Situation einer Krebserkrankung will man nichts auslassen."

Die Palette der Angebote reicht von apparativen Verfahren über naturheilkundliche und anthroposophische Methoden bis hin zur Geistheilung. Viele Versprechungen sind jedoch unhaltbar, kritisiert Kalbheim: "Wir warnen vor alternativen Verfahren, die eine Heilung von Krebs versprechen. Das ist unseriös."

Einige Angebote wie Entspannungsverfahren verbessern durchaus die Lebensqualität und helfen, die Erkrankung zu verarbeiten. Sie sollten allerdings immer nur ergänzend zu einer schulmedizinischen Standardbehandlung angewendet werden.

Hoch im Kurs stehen Misteln und Vitamine

Besonders häufig fragen Patienten nach dem Nutzen von Vitaminen und Spurenelementen, nach Mistelpräparaten, psychologischen Methoden wie Entspannung und nach einer gesunden Lebensführung. "In persönlichen Beratungsgesprächen ist uns wichtig, dass sich Betroffene über den Grund für ihre Suche nach einer weiteren Therapie klar werden", sagt die Krebshilfe-Sprecherin. "Eine generelle Empfehlung für ein bestimmtes Verfahren geben wir nicht."

Misstrauen angebracht: Der selbst ernannte Wunderheiler Dr. Rath geriet in die Schlagzeilen, als er den krebskranken Dominik heilen wollte - der Junge starb© Daniel Samanns/DDP

Elke Reinert vom Psychologischen Dienst des Tumorzentrums Freiburg wird am häufigsten nach Misteltherapien, Johanniskraut, Vitaminpräparaten und Akupunktur gefragt. "Wichtig ist in jedem Fall, dass eine zusätzliche Therapie im Einzelfall mit dem behandelnden Arzt besprochen wird. Auch das pflanzliche Johanniskraut kann eine Chemotherapie durch Wechselwirkungen stören oder bei einer schweren Depression nicht wirksam genug sein", sagt sie.

Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg rät Patienten auch deshalb, ihre Ärzte über eine alternative Therapie zu informieren - so können sie es sinnvoll interpretieren, falls sich plötzlich Laborwerte verändern oder Nebenwirkungen auftreten.

Vorsicht bei zu großen Versprechungen

Die Heidelberger warnen, dass ein Therapeut, der angeblich mit einer Methode jede Art von Krebserkrankung heilen kann, zu viel verspricht. Auch manche Medikamente wie Mistelpräparate sollen angeblich bei fast jeder Krebsart zumindest die Lebensqualität verbessern, obwohl dafür trotz jahrzehntelanger Forschung kein Beweis erbracht worden sei, erklären die Experten. Krebs sei ein kompliziertes Geschehen mit so vielen möglichen Ursachen und Ausprägungen, dass es das eine Heilmittel für alle Formen nicht geben könne.

Vitamine wirken nur vorbeugend

Eine Broschüre des Tumorzentrums Freiburg bewertet über 50 alternative Angebote, nach denen Patienten häufig fragen. Zu Vitaminpräparaten heißt es dort: "Vitamine und Antioxidantien spielen wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei der Verhinderung von Krebserkrankungen." Es gebe aber keinen Hinweis, dass eine Einnahme über den normalen Bedarf hinaus eine positive Wirkung auf bestehende Krebserkrankungen habe. Auch seien Vitaminpräparate nicht in jedem Fall unschädlich. Die Freiburger Experten raten deshalb zur Zurückhaltung.

Therapien ohne Nebenwirkungen gibt es nicht

Die Broschüre nennt auch typische Situationen, in denen Misstrauen in jedem Fall angebracht sei: Wenn eine Methode auch nach Jahrzehnten nicht offiziell anerkannt sei, sei sie wahrscheinlich unwirksam. Könne eine skurrile Methode nur an einem Ort oder nur von einer einzigen Person durchgeführt werden, sei ebenfalls Misstrauen angesagt. Auch wenn eine Behandlung sehr teuer sei, werde oft nur ein Geschäft mit der Angst gemacht. Reinert nennt dazu zwei Beispiele: "Zum Beispiel treten so genannte Geistheiler auf, die sehr viel Geld verlangen, oder es wird ein Mittel aus der russischen Weltraumforschung für Tausende von Euro angepriesen."

Besonders wenn niemand über die Behandlung informiert werden solle oder Schulmediziner generell verteufelt würden, wolle der Anbieter meist kritische Fragen vermeiden, so ihre Erfahrung. Auch wenn bei einer Methode angeblich keine Misserfolge bekannt sind oder die Ursachen für Therapieversagen ausschließlich beim Patienten liegen sollen, ist nach Angaben des Tumorzentrums Vorsicht geboten. Das gelte auch bei Behandlungen ohne jede Nebenwirkung: Eine wirksame Therapie greift in den Körper ein, deshalb sind Nebenwirkungen zu erwarten.

Alexandra Hennemann/AP
 
 
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