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11. Juni 2009, 08:41 Uhr

Getötet statt geheilt

58.000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr durch Arzneimittel, schätzen Experten. Pillen, Infusionen und Zäpfchen werden falsch verschrieben, zu hoch dosiert, vertauscht. Wenn Ärzte und Patienten ihr Verhalten ändern, könnte die Hälfte aller Medikamenten-Zwischenfälle vermieden werden. Von Horst Güntheroth

Nebenwirkungen, Medikamente, Pillen, Risiken

Durch Nebenwirkungen von Arzneimitteln verlieren hierzulande mehr Menschen ihr Leben als im Straßenverkehr© Colourbox

Der Nacken schmerzte fürchterlich, offenbar eine Folge ihres Besuches im Fitness-Studio einige Tage zuvor. Elke Trautmann suchte Hilfe bei einer niedergelassenen Ärztin. Die verschrieb der 39-Jährigen aus dem thüringischen Heiligenstadt Tropfen. Doch das "Ibuprofen" zeigte wenig Wirkung. Als die Schmerzen schlimmer wurden und die Kranke auch nachts nicht zur Ruhe kam, fuhr ihre Tochter sie zum Bereitschaftsdienst ins Krankenhaus. Dort untersuchte sie die Schwester, die den diensthabenden Arzt anrief. Telefonisch verordnete er "Ambene", als Spritze; das Mittel wirkt entzündungshemmend, schmerzlindernd und fiebersenkend. Die Krankenschwester verabreichte die Lösung intramuskulär. Wenige Minuten später sackte Elke Trautmann auf dem Flur zusammen. Kein Reanimierungsversuch half - sie kam nie wieder zu sich.

"Meine Frau starb laut Auskunft des Krankenhauses an einem anaphylaktischen Schock", sagt ihr Ehemann. Das ist eine vehemente allergische Reaktion auf das Medikament, die zum Zusammenbruch des Kreislaufs führt. "Ihr Tod ist für mich unbegreiflich. Warum hat der Arzt sie nicht selbst untersucht? Er hätte ihr das Mittel, das für schwere Nebenwirkungen bekannt ist, nie und nimmer verabreichen lassen dürfen oder hätte sie zumindest über das enorme Risiko aufklären müssen." Schon seit den 1980er Jahren sind Todesfälle mit dem Rheumamittel "Ambene" aktenkundig. Um den erschütternden Schicksalsschlag nicht stillschweigend hinzunehmen, hat sich Uwe Trautmann einen Anwalt genommen, Strafanzeige gegen den Mediziner gestellt und Zivilklage eingereicht: "Ich will, dass der Arzt zur Rechenschaft gezogen wird und so etwas nicht wieder passiert".

"Arzneimittel zu geben ist ein Hochrisikoprozess"

Genau das aber ist der Alltag: Medikamente, die eigentlich Kranken helfen sollten und es auch meistens tun, schädigen zahlreiche Patienten oder bringen sie sogar um. Durch Nebenwirkungen von Arzneimitteln verlieren hierzulande weitaus mehr Menschen ihr Leben als im Straßenverkehr, der pro Jahr knapp 5000 Opfer fordert. Eine verbindliche Statistik, welche Schäden Pillen, Spritzen, Tinkturen und Zäpfchen anrichten, gibt es nicht. Die Dunkelziffer ist enorm. Doch Schätzungen von Experten zufolge könnten allein bis 58.000 Tote jährlich auf das Konto von Medikamenten gehen, andere schwere Schädigungen nicht einkalkuliert.

"Arzneimittel zu geben ist ein Hochrisikoprozess", sagt Daniel Grandt, Medizin-Professor am Klinikum Saarbrücken und Vorstandsmitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Die abgedroschene Floskel "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker" ist bitterernste Mahnung.

Meistens übersteigt der Nutzen das Risiko - aber nicht immer

Jedes Medikament nämlich, das Wirkungen hat, hat auch Nebenwirkungen - das ist eine Grundregel der Pharmakologie. Denn eine Substanz, die geschluckt oder gespritzt wird und an einer bestimmten Stelle im Körper eingreifen soll, geht ins Blut, wird im Organismus verteilt und hinterlässt so auch fern des gewünschten Wirkungsortes Spuren. In der Regel jedoch übersteigt der Nutzen das Risiko. Aber eben nicht immer.

Dafür, dass so viel schief geht, gibt es mehrere Gründe. So ist selbst nach der Zulassung eines Mittels das Wissen über seine Sicherheit keineswegs vollständig - obwohl zuvor Wirkung und Nebenwirkungen an Tausenden von Patienten getestet werden und die Hersteller die Verträglichkeit belegen müssen. Eines von vielen Beispielen: Vioxx. Das zunächst gepriesene und neuartige Schmerzmittel des Konzerns Merck & Co. wurde 2004 zurückgerufen, nachdem sich Todesfälle und chronische Schädigungen durch Herz-Kreislauf-Folgen häuften. Tausende Klagen gegen den Hersteller laufen, allein in Deutschland rechnen Experten mit 7000 Geschädigten.

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KOMMENTARE (10 von 16)
 
ganzbaf (11.06.2009, 20:15 Uhr)
Bebuqin...

weder das Leben noch Materie verhält sich immer rational/logisch.
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Sogar das hat die Wissenschaft mittlerweile defenitiv festgestellt...
Wer heilt, hat recht.
So einfach ist das ;-)
Angel_of_Mercy (11.06.2009, 18:14 Uhr)
Kein unnötiges Geld für die Pharmaindustrie
Jedenfalls nicht von mir. Bei leichten Erkrankungen, die ich mir natürlich vom Arzt diagnostizieren lasse, kommt Omma's Hausapotheke zum Zuge. Ist zwar nicht alles wirksam, aber der kluge Mensch informiert sich.
In Verbindung damit vertraue ich, im Gegensatz zur Schulmedizin, den Selbstheilungskräften des Körpers.
Chemische Keulen, euphemistisch als Medikamente bezeichnet, kommen nur bei schweren Erkrankungen zum Einsatz und zwar so viel wie nötig.
Hier übrigens ein Tipp bezüglich Alternativmedizin: Statt Schmerztabletten mit starken Nebenwirkungen einfach Weidenrinde auskochen. Die in diesem Sud enthaltenen Wirkstoffe waren im 19. Jh Grundlage für die synthetische Herstellung von Acetylsalicylsäure.
Das nächste ist, Schmerzen sind Auswirkungen und nicht Ursachen. Anstatt also nur die Schmerzen zu bekämpfen, sollten die Ursachen beseitigt werden.
ramteid (11.06.2009, 14:39 Uhr)
Tauchen sicher zweimal auf in der Statistik
Diese Zahl(58000) wird doch sicher den Rauchern und Passivrauchern in der Statistik nochmals zugeordnet.
Bebuquin (11.06.2009, 14:32 Uhr)
@black-jack
"Warum so abfällig?"
--> Weil die Spinner der Alternativmedizinglaubensszene immer mehr mobil machen und im Rahmen der Grünen sogar schon in die Politik vorstoßen. Wie eine Pressemitteilung vor kurzer Zeit zeigte.
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"ganzbaf hat nur mehr Alternativmedizin gefordert und nicht die Abschaffung der allopathischen (Schul-)Medizin. Es gibt viele Patienten, die mit Hilfe von Alternativen eine Linderung oder Heilung ihrer Symptome erfahren haben. Die Akkupunktur war auch lange von der Schulmedizin nicht anerkannt, aber sie wirkte und wird nun auch von den Kassen bezahlt.
Es gibt sicher viele leichtere Krankheiten, bei denen man zuerst alternative Heilmethoden in Erwägung ziehen könnte, anstatt Pharmaka mit starken Nebenwirkungen zu verschreiben."
--> Besagte Verfahren basieren rein auf dem Placebo-Effekt, sonst würden die Vertreter dieser "Medizin" nicht dermaßen gegen Doppelblindstudien und allgemein die wissenschaftliche Methodik aggitieren und für sich neue Prüfverfahren reklamieren.
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Wenn diese Verfahren also "wirken", sollte man, statt diesen Heilpraktikern Geld in den Rachen zu werfen, die Mittelversorgung bei den Ärzten so gestalten, dass sie genug Zeit haben, um die Patienten human zu versorgen, so dass sich die Placeboeffekte durch einen Arztbesuch einstellen.
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"Und nur weil Sie nichts von Homöopathie verstehen, müssen Sie diese nicht ins lächerliche ziehen (verdünnte Hundeexkremente)."
--> Lächerlich! Da ich weiß, wie dieses Verfahren "wirken" soll, muss ich es ins lächerliche ziehen. Denn die Annahmen, dass Wasser ein Gedächtnis hat, dass sich die Eingabe von verschiedenen Extrakten irgendwie "merkt", dass diese Extrakte in extrem verdünnter Form gegen allerlei Erkrankungen wirken sollen, ja je verdünnter um so besser, und dass ein Extrakt, wenn es in starker Konzentration ein allgemeines Leiden bewirkt, dieses bei extremer Verdünnung kurieren soll, ist einfach dermaßen absurd und lächerlich, dass jeder, der auch nur halbwegs im naturwissenschaftlichen Schulunterricht aufgepasst hat, wissen sollte, wie absurd es ist.
Aber leider ist das nicht der Fall und da kommen dann die Scharlatane der Heilpraktikerszene, die aus der Unwissenheit und Hilfsbedürftigkeit von Menschen Profit ziehen.
Würde das nur im Rahmen kleiner Wehwehchen stattfinden und würden vielleicht nur duselige Personen mit zu viel Geld abgezockt werden, könnte man noch ein Auge zudrücken. Aber nein: diese Menschen machen nichtmal vor Kindern Halt. Nachzulesen hier:
http://hpd.de/node/7168
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(Von den gefährlichen Folgen der Impfgegner im Bereich dieser Alternativ"medizin"szene will ich gar nicht erst anfangen.)
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"Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen der Spaß erspart bleibt, durch Nebenwirkungen stärker zu erkranken als an der urprünglichen Krankheit!"
--> Natürlich wünscht sich sowas kein Mensch. Aber damit dies nicht geschieht, muss man wirksame Kontroll- und Testmechanismen entwickeln.
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Ich bin kein Apologet der Pharmaindustrie. Meines Erachtens wird da viel zu viel Blödsinn und Abzockerei veranstaltet. Wenn ich z.B. Meldungen über die Abzockerei mit einem vermeintlich "neuen" Mittel zur Bekämpfung einer altersbedingten Augenkrankheit höre, das nur auf einem bereits bestehenden Mittel basiert und einfach mit einem neuen Namen verkauft wird, krieg ich auch das blanke Kotzen.
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Aber all diese Mißstände sind noch kein Grund in den Bereich der Magie und des Obskurantismus zu wechseln.
ganzbaf (11.06.2009, 14:22 Uhr)
Von einem "Entweder-Oder" war auch...

nie die Rede.
Aber mir hilft z.B. Umckaloabo bei Erkältungskrankheiten seit 6 Jahren weit besser, als jeder diesbez. Arztbesuch zuvor.
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Aber auch Homöpathie/Bachblüten sind meiner Meinung nach sehr wirksam. (Nicht bei akuten Infektionen... ;-)
Final (11.06.2009, 13:23 Uhr)
@manta und black-jack
IHR seit meine Helden !
Manta schrieb:
>Es kostet etwa ~1 Stunde auf Wikipedia sich der nicht-opioiden Analgetika anzunehmen. Nach dem Lesen weiss man eigentlich alles relevante über Ibuprofen, Paracetamol, ASS und co.
Habe gerade diese Aussage unseren "studierten" um die Ohren gehauen. Die schauen trotz zum teil 30 Jahren berufserfahrung ganz bedröppelt, weil ja eine stunde Wikipedia reicht.
Mein Reden, wozu Uni, online reicht.
und Black-jack
>Es gibt sicher viele leichtere Krankheiten, bei denen man zuerst alternative Heilmethoden in Erwägung ziehen könnte, anstatt Pharmaka mit starken Nebenwirkungen zu verschreiben.
FULL ACK, kleines hüsterchen lieber Tee oder was auch immer die liebe Küche der Alternativmedizin hergibt. Wegen meiner auch Nadeln gottweiswohin.
Achja, die Lebenserwartung der Menschen ist neben der Hygiene gerade wegen der Alternativmedizin so gestiegen.
Nur noch eine Frage: Bakterielle Infektionskrankheiten werden in der Alternativmedizin wie behandelt? Und was wird bei akuten schmerzen alternativ benutzt? Welches Kraut wird vor OP`s zur Nakose benutzt?
Klar, Wechselwirkungen sind bekannt und bergen Risiken, besser Alternativmedizin.
Zumal denn entlich die Apotheker und Pharmakonzerne sich nicht dumm und dusselig verdienen..... blöd nur, wenn dann eine ECHTE Krankheit einzug hält, oder schmerzen...
Mein Reden.
Gruß Final
PS Etwas Ironie mit im Text :-)
Luciano (11.06.2009, 12:52 Uhr)
Die Politiker sollen helfen?
Witzig, wo die doch mit den Pharmakonzernen unter einer Decke stecken.
black-jack (11.06.2009, 12:49 Uhr)
@Bebuquin
Warum so abfällig?
ganzbaf hat nur mehr Alternativmedizin gefordert und nicht die Abschaffung der allopathischen (Schul-)Medizin. Es gibt viele Patienten, die mit Hilfe von Alternativen eine Linderung oder Heilung ihrer Symptome erfahren haben. Die Akkupunktur war auch lange von der Schulmedizin nicht anerkannt, aber sie wirkte und wird nun auch von den Kassen bezahlt.
Es gibt sicher viele leichtere Krankheiten, bei denen man zuerst alternative Heilmethoden in Erwägung ziehen könnte, anstatt Pharmaka mit starken Nebenwirkungen zu verschreiben.
Kneippen und fasten z.B. erfordern mehr Eigeninitiative vom Patienten und spülen kein Geld in die Kassen der Pharmaindustrie, deswegen werden sie nicht angewandt.
Und nur weil Sie nichts von Homöopathie verstehen, müssen Sie diese nicht ins lächerliche ziehen (verdünnte Hundeexkremente).
Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen der Spaß erspart bleibt, durch Nebenwirkungen stärker zu erkranken als an der urprünglichen Krankheit!
manta (11.06.2009, 12:31 Uhr)
Mal generell
Wenn man mal vom anaphylaktischen Schock absieht so sind die meisten fehler auch auf absolute Faulheit der Betroffenen zurückzuführen. Es kostet etwa ~1 Stunde auf Wikipedia sich der nicht-opioiden Analgetika anzunehmen. Nach dem Lesen weiss man eigentlich alles relevante über Ibuprofen, Paracetamol, ASS und co.
Unfälle die auf solch blindes Vertrauen basieren sind gleichzusetzten als wenn jemand im tiefsten Winter im T-Shirt vor die Türe geht, dann krank wird und sich beschwert, dass der Verkäufer des T-Shirts schuld sei. Der hätte ihm ja eine Jacke verkaufen müssen.
Mit ein wenig Hirn sollte auch hier eine Erkenntnis heranreifen dass ein wenig Wissen bei der Medizin nicht schaden kann.
ganzbaf (11.06.2009, 12:30 Uhr)
Die Pharma-Drückerkolonnen...

in Arztpraxen gehören verboten.
Umfangreichen Tests könne sich fast nur die Konzerne leisten.
Stattdessen sollte man etwas mehr auf Erfahrungswerte und den mündigen Bürger zählen - der auch selbst Zugang zu verschreibungspflichtigen Medikamenten bekommens solle, solange er diese selbst bezahlt.
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Dann werden sich Qualität, Patientenwissen und reelle Preise bald durchsetzten ;-)
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