. .
News am 13.02.2012
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
20. April 2009, 10:00 Uhr

Ärzte treiben Patienten in die Tablettensucht

Die Zahl der Tablettensüchtigen, die Schlaf- und Beruhigungsmittel schlucken, ist nach einer neuen deutschen Untersuchung wesentlich höher als bisher bekannt. Dramatisch ist demnach, dass viele Ärzte verschleiern, wenn sie die süchtig machenden Medikamente verschreiben.

Medikamentenabhängigkeit, Tablettensucht, Medikamente, Sucht

Mehr als 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind abhängig von Schlaf- und Beruhigungsmitteln© Colourbox

Laut einer aktuellen Studie erhalten mehr als 1,5 Millionen Patienten süchtig machende Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine ) länger als in den Leitlinien vorgesehen, wie "Der Spiegel" berichtet. Das sind mehr, als Experten bislang angenommen haben. "Wir waren völlig überrascht über den Umfang des Benzodiazepin-Missbrauchs in Deutschland", erklärt der Studienleiter Peter Raschke vom Hamburger Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung.

In der bisher umfänglichsten Untersuchung zur Tablettensucht in Deutschland hätten die Forscher insgesamt 3,5 Millionen Kassenrezepte analysiert, schreibt der "Spiegel". Bei knapp 800.000 Patienten pro Jahr sorgten demnach Ärzte dafür, dass sie zu Dauerkonsumenten der Mittel werden. In 130.000 Fällen hätten die Verschreibungen die Opfer zu Schwerstabhängigen gemacht, denen der Ausstieg aus der Sucht nur noch in seltenen Fällen aus eigener Kraft gelinge.

Beruhigungsmittel auf Privatrezept

Verschärft werde die Situation durch das Verhalten der Ärzte, die, offenbar aus Angst vor Kontrollen, bei der Verordnung vermehrt auf Privatrezepte ausweichen, die in keiner Statistik auftauchen. Im Jahr 1993, so stellten Pharmaexperten nach "Spiegel"-Angaben fest, wurden nur rund 15 Prozent der als Schlafmittel verwendeten Benzodiazepine privat verordnet. Inzwischen schätzten sie den Anteil bereits auf zwei Drittel aller Verschreibungen. Das wahre Ausmaß der Tablettensucht werde so verschleiert.

"Kollegen, die die Flucht in Privatrezepte einschlagen, haben schlicht und ergreifend Angst, dass ihnen Kassenärztliche Vereinigungen oder Krankenkassen hinter die Langzeitverschreibungen kommen könnten - das ist Beihilfe zur Sucht", kritisiert Rüdiger Holzbach, Psychiater an den LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt.

Ende Februar hatte der Hamburger Institutsleiter Raschke der "Frankfurter Rundschau" gesagt, dass er einen Anstieg bei der Gesamtzahl der Schlaftablettensüchtigen von derzeit 2,3 auf rund vier Millionen erwartet. Die Mediziner wüssten in der Regel um die problematische Langzeiteinnahme ihrer Patienten, etwa bei Valium und dessen Abkömmlingen, sagte Raschke: "Entweder erkennen sie die typischen Veränderungen von Menschen mit Benzodiazepin-Langzeiteinnahme nicht richtig oder sie nehmen diese billigend in Kauf und setzen deshalb die Verschreibung fort." Noch düsterer sehe es bei den 1991 eingeführten sogenannten Schlafmitteln Zolpidem und Zopiclon aus - derzeit die erfolgreichsten Präparate auf dem Markt.

Rund 45 Prozent der Bevölkerung haben gelegentlich oder dauernd Schlafstörungen. Die Insomnie, wie Schlaflosigkeit auch heißt, nimmt mit dem Alter zu, bei den über 65-Jährigen leidet jeder zweite stark. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Als Schlafräuber Nummer eins gilt beruflicher Stress, gefolgt von familiären und gesundheitlichen Problemen. Die Notwendigkeit einer angemessenen medizinischen Behandlung wird oft erst nach Jahren erkannt.

Testen Sie Ihr Suchtrisiko Mit diesem Fragebogen zum Umgang mit Benzodiazepinen können Sie sich und Ihre Gewohnheiten besser einschätzen. Einfach herunterladen, ausdrucken, ausfüllen und auswerten.

DPA/AP
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Tablettensucht Wenn der Apotheker beim Entzug hilft

Mehr als eine Million Deutsche schlucken täglich Beruhigungsmittel. Ihre Sucht fällt kaum auf, den "Stoff" verschreibt der Arzt. Die Wenigsten merken, dass sie süchtig sind. Ein Apotheker hat ein Entzugskonzept entwickelt, bei dem Betroffene direkt angesprochen werden. mehr...

Medikamente Die stille Sucht

Sie verlieren ihre Lebenslust und ihre Freunde, ihr Leiden bleibt oft unerkannt: Fast zwei Millionen Deutsche - überwiegend Frauen - sind von Medikamenten abhängig. Eine alarmierende Zahl. Aber es gibt Heilungschancen. mehr...

Zielscheibe Gehirn Wie Sucht funktioniert

Warum ist es so schwer, mit dem Rauchen aufzuhören? Wann wird das Gläschen Wein zum Problem? Wie aus Gewohnheit Abhängigkeit wird und wie sie das Gehirn verändert. Erkennen Sie, ob Sie selbst gefährdet sind - und wie sich der Teufelskreis durchbrechen lässt. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind