. .
Gesundheit - News und Ratgeber
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
4. Mai 2010, 17:59 Uhr

Geburtshilfe hat in Deutschland keine Zukunft

Die Hebammen schlagen Alarm: Weil ihre Haftpflichtprämien explodieren, können sie in Zukunft kaum noch Geburtshilfe leisten. Für freiberufliche Frauenärzte gilt dasselbe. Wenn die Fachkräfte aussteigen, trifft es vor allem Schwangere jenseits der Ballungszentren hart. Von Nina Bublitz

Hebammen, Hebamme, Geburtshilfe, E-Petition, Geburt, Schwangerschaft, Belegsarzt, Beleghebamme, Frauenarzt, Haftpflicht

Hebammen betreuen Frauen während der Schwangerschaft - bis hin zum Ende der Stillzeit© Colourbox

Jeder Frau, die in Deutschland ein Kind bekommt, steht die Hilfe einer Hebamme zu. Während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit. Doch die Hebammen schlagen Alarm, dass sie die Geburtshilfe nicht mehr leisten können. Denn in den vergangenen Jahren sind ihre Haftpflichtprämien explodiert. Die ohnehin nicht üppigen Vergütungssätze dagegen stagnieren. Dreiviertel der rund 15.000 Freiberuflerinnen bieten schon keine Geburtshilfe mehr an, sondern konzentrieren sich auf Vor- und Nachsorge. In den kommenden Monaten wird diese Zahl wohl noch steigen.

Für Schwangere, die in Städten leben, mag das noch kein akutes Problem darstellen. Frauen in ländlichen Gebieten könnten die Konsequenzen aber zu spüren bekommen. Schließen kleinere Kliniken ihre Kreißsäle, in denen so genannte Beleghebammen mit ebenfalls nicht fest angestellten Frauenärzten arbeiten, ist die nächste Klinik mit Geburtshilfe-Abteilung wahrscheinlich dutzende Kilometer entfernt. Frauen, die zuhause oder in einem von Hebammen geführten Geburtshaus entbinden wollen, müssen eventuell doch in den Klinik-Kreißsaal, weil sie keine Fachkraft mehr finden, die ihnen zur Seite steht. Immerhin 10.500 Entbindungen im eigenen oder einem Geburtshaus finden pro Jahr in Deutschland statt. Und etwa 160.000 Geburten - also fast jede vierte - werden in Deutschland pro Jahr von freiberuflichen Hebammen begleitet.

Die Hebammen jammern nicht auf hohem Niveau

Der Umsatz einer Freiberuflerin liegt pro Jahr bei einem Vollzeitjob bei 23.300 Euro, rechnet der Deutsche Hebammenverband vor. Davon muss sie ihre Sozialversicherungsbeiträge und Betriebsausgaben bezahlen, die Steuern kommen auch noch dazu. Unterm Strich würden so knapp 1200 Euro im Monat übrig bleiben. Da fällt eine Haftpflichtprämie ins Gewicht, die im Jahr 2007 noch bei 1218 Euro pro Jahr lag, 2009 auf 2370 Euro stieg und ab Juli 3689 Euro kosten soll. Wobei die Sätze für die Geburtshilfe auch noch gering sind: 224 Euro darf die Hebamme für einen Einsatz in der Klinik abrechnen - wobei eine Geburt im Schnitt mit Vor- und Nachbetreuung elf Stunden dauert.

Viele Beleghebammen, schildert eine Sprecherin des Hebammenverbandes, haben ihre Selbstständigkeit zudem nicht freiwillig gewählt: Sie wurden aus festen Klinikverträgen entlassen, weil dort gekürzt wurde und hatten nur die Wahl, freiberuflich weiterzumachen.

Die Schadenssummen sind gigantisch

Warum die Prämien steigen, obwohl die Schadensfälle nicht häufiger werden, ist einfach erklärt: Es geht schnell um gigantische Summen, wenn etwas bei der Geburt passiert und die Haftpflicht greift. "Im Mittel liegt die Summe bei einem Schadensfall bei 2,2 Millionen", sagt Claudia Halstrick, Justiziarin des Berufsverbands der Frauenärzte. Die Haftpflichtprämien für Ärzte, die in der Geburtshilfe arbeiten, sind deutlich höher als die der Hebammen. Wobei immer weniger Versicherungen solche Policen überhaupt noch anbieten. Laut Halstrick muss ein selbstständiger Frauenarzt zwischen 25.000 und 48.000 Euro pro Jahr zahlen. Daher plant laut einer verbandsinternen Umfrage jeder zweite Belegarzt im kommenden Jahr aus der Geburtshilfe auszusteigen. "Dies wird insbesondere zu Versorgungsengpässen in der Geburtshilfe in ländlichen Regionen führen", sagt Halstrick. Der Frauenärzte-Verband pocht darauf, dass die Krankenkassen einen Teil der Haftpflichtprämien übernehmen.

Die Hebammen fordern einen steuerfinanzierten Fonds. Mitte Juni findet ein Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Rösler statt. Und: Der Verband startet zum 5. Mai, dem internationalen Hebammentag, eine E-Petition, damit sich der Bundestag mit der drohenden Versorgungslücke beschäftigen muss. Dort sollte in Zeiten, in denen Politiker auf höhere Geburtenraten hoffen, eigentlich eine Lösung gefunden werden.

Berufsbild Hebamme Hebammen begleiten Frauen während Schwangerschaft und Geburt bis hin zum Ende der Stillzeit. Kurse zur Geburtsvorbereitung bieten sie ebenso an wie die Rückbildungsgymnastik nach der Geburt. Sie leisten Vorsorgeuntersuchungen, beraten bei Beschwerden ebenso wie bei eventuell auftretenden psychischen Problemen. Gerade wenn sie Geburtshilfe leisten, müssen freiberuflich arbeitende Hebammen rund um die Uhr einsatzbereit sein. Die Ausbildung an einer Hebammenschule dauert drei Jahre.

Von Nina Bublitz
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
diehidalgo (06.05.2010, 19:24 Uhr)
die Petition hat gleich 30.000 Mitzeichner, weitermachen
@ Michael
Du hast mit wenigen Worten den Nagel auf den Kopf getroffen. Sehr berührend was du schreibst. Grandios und hocherfreulich wie viele Männer die Petition zeichnen.
pops (05.05.2010, 22:23 Uhr)
Das Perverse daran
ist meiner Meinung nach die Tatsache, daß diejenigen, die wirklich einiges an Verantwortung tragen, kaum das Schwarze unter dem Fingernagel verdienen und diejenigen, die immer ihre angeblich so große Verantwortung vor sich her tragen, aber ausser Firmen vor die Wand fahren nicht viel können und noch weniger Verantwortung dafür übernehmen müssen, sich zudem noch mit Wahnsinns - Beträgen vollsaugen...
Gute Nacht Deutschland... Pops
giangastone (05.05.2010, 15:32 Uhr)
Perversion des Systems
Abtreibung geht immer!
AnnikaN. (05.05.2010, 12:50 Uhr)
Wo bleibt die Hilfe?
Verstand noch nie warum Hebammen die eine sehr anstrengende und anspruchsvolle Ausbildung "genießen" später dann im Kreissaal Ärzten unterstellt sind und keine Geburt alleine durchführen dürfen. Warum muss immer ein Arzt dazu? Reicht doch wenn dieser im Arztzimmer neben an ist um auf Abruf bereit zu stehen sollte es schwierigkeiten geben....?!

Ich bei meinen zwei Geburten eine super Beleghebamme gehabt und es währe ein großer Verlust für die werdenden Eltern in meiner Stadt wenn sie Ihre Tätigkeit aufgeben müsste wegen unrentabilität!



Zu dem kommt das auch ich gerne Hebamme werden möchte und die Ausbildung anstrebe. Ich hoffe sehr das ich von meinem Traumberuf später auch leben kann.
Tyndal (05.05.2010, 12:02 Uhr)
Das Kreuz mit den Statistiken
Da werden Zahlen hingeklatsch, die (richtigerweise) Empörung auslösen. Wer prüft diese Zahlen nach? 160.000 Geburten werden also von freiberuflichen Hebammen jährlich begleitet. 15.000 freiberufliche Hebammen gibt es, aber nur 1/4 dieser Hebammen macht angeblich noch Geburtsbegleitung, das sind 3.750 freiberufliche Hebammen mit Geburtsbegleitung auf 160.000 Geburten. Jede freiberufliche Hebamme begleitet also 42,66 Geburten pro Jahr - das ist nichtmal eine Geburt pro Woche. Die erwähnten 224 Euro (270 Euro bei Nachtzeiten, Samstags ab 12 Uhr und an Sonn- und Feiertagen, 450 Euro bzw. 540 Euro bei Hausgeburten, 370 Euro bzw. 440 Euro bei hebammengeleiteten Einrichtungen... bei Selbstzahler nochmal alles teurer) beziehen sich ja nur auf den Geburtsvorgang, nicht auf Vorbereitungskurse und Nachsorge.
Pro Hebamme eine Geburt pro Woche - betrachte ich diese Zahl nüchtern, sehe ich noch keinen Engpass.
Die durchschnittliche Schadenssumme von 2,2 Millionen Euro klingt auch auf den ersten Blick sehr hoch - aber wenn ein Kind durch einen Fehler der Hebamme eine geistige Behinderung davonträgt, dann hatte dieses Kind früher keine sehr hohe Lebenserwartung, heute kostet dieser Fehler die Versicherung die medizinische Versorgung dieses Kindes über sehr viele Jahre. Das mag man dekadent nennen, aber der medizinische Fortschritt hat nunmal die Lebenserwartung erhöht - und damit die Kosten. Sollte man diese Kinder sterben lassen, damit die Schadenssummen sinken? Das möchte hoffentlich niemand.

Ich wiederhole es nochmal:
-Eine Hebamme betreut durchschnittlich eine Geburt pro Woche-

Was daran ist katastrophal?
schmutz (05.05.2010, 10:18 Uhr)
@asdfghjkl
Ich bin zwar auch ein Sesselpupser, bekomme aber nicht das 3fache an Gehalt.

Aber Recht haben Sie. Es ist doch Paradox. Überall wird geschrien, das es in Sozialen Berufen Engpässe gibt, aber anständig bezahlen will das niemand. Man muss immer bedenken, was für eine Verantwortung Erzieher, Lehrer, Pfleger, Krankenschwestern, Hebammen usw.. übernehmen ! Für diese Verantwortung auf ein fremdes Kind, Leben aufzupassen, Bildung zu vermitteln sind diese Leute wirklich nicht wertgeschätzt.

Sollten die Deutschen irgendwann dahin sterben ist das wahrlich kein Verlust für den Lauf der Welt.
asdfghjkl (05.05.2010, 09:38 Uhr)
Daran sieht man mal wieder...
...wie kaputt die Wertschätzung unserer Gesellschaft für verschiedene Berufe ist. Hebammen, vor allem freiberufliche, die Hausgeburten und Geburtshäuser betreuen sind Leute mit 24 Stunden, 7 Tage pro Woche Bereitschatsdienst. Und sie haben mit eine der wichtigsten Aufgaben in unserer Gesellschaft: Neuen Menschen auf die Welt helfen.

Und da bekommen die 1200? im Monat für. Während irgendwelche Sesselpupser, die pünktlich feierabend machen und deren Hauptaufgabe es ist Zettel mit Zahlen drauf von A nach B zu schieben das doppelte und dreifache bekommen. :-(
Arioffz (05.05.2010, 09:00 Uhr)
Alle nur noch dämlich?
@CommentManNRW: Volle Zustimmung, Abänderung möglich? NEIN! Der Moloch D macht sich selbst die Tür zu!
CommentManNRW (05.05.2010, 00:04 Uhr)
...ein geistig/moralisch so krankes Volk sollte aussterben
...ich bin total überrascht, dass es diese Entwicklung der Versicherungsprämien gibt!
Diese Entwicklung ist dekadent.
Ein Volk, eine Volkswirtschaft, die es dahin hat kommen lassen, sollte dadurch, dass es wieder einen Grund mehr gibt, dass Ehepaare keine Kinder mehr bekommen (wollen), einfach aussterben.
Ich stelle immer wieder fest: das Vermögen ist falsch verteilt, sowohl das finanzielle, als auch das geistige Vermögen.
Wozu gibt es Volkswirtschaftler?? Die sollen den Betriebswirtschaftlern die Grenzen aufzeigen: wer Versicherungsprämien kalkuliert, darf nicht in so engen Bahnen denken. Allerdings erschreckt mich auch die genannte durchschnittliche Schadenhöhe.
Ich hoffe auf rege Diskussion von Lesern, die sich auch mit dem Thema besorgt auseinandersetzen.
AnnaEmilia (04.05.2010, 20:05 Uhr)
Tragisch!
Furchtbar, was da mit dem Gesundheitssystem in Deutschland passiert.
Dass man als Frau möglicherweise keine Wahlmöglichkeit mehr haben wird ist ein tragischer Verlust.
Schade, dass Frauen nur so mangelhaft über dieses Thema informiert sind - ein TV-Beitrag würde viele Frauen aufrütteln! Diese Petition kann wirklich etwas ändern, darum muss sie dringend von allen Frauen unterzeichnet werden!
MEHR ZUM ARTIKEL
Schwangerschaftsdiabetes Das Baby im Bauch isst mit

Hormone steuern die Schwangerschaft. Leider können sie auch den Stoffwechsel stören. Dann sinkt die Empfindlichkeit der Körperzellen für Insulin und Diabetes entsteht. Das kann für Mutter und Kind gefährlich werden. mehr...

Schwangerschafts-Quiz Fit für den Kreißsaal

Sie bekommen Nachwuchs oder möchten Kinder? Dann wissen Sie sicher, ob die werdende Mutter tatsächlich für zwei essen soll und welche Rolle der Rhesusfaktor spielt. Testen Sie Ihr Wissen über die Schwangerschaft! mehr...

Ernährungs-Quiz Was ist in der Schwangerschaft erlaubt?

Gewürzgurken mit Schokolade - die Ernährungsgewohnheiten in der Schwangerschaft sind speziell. Doch nicht alles ist gut für das Kind, einiges sogar verboten. Kennen Sie sich aus? mehr...

Verwandte Fragen

Sie kennen die Antwort? Beantworten Sie die Frage hier oder senden Sie selber eine Frage