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30. Juli 2010, 09:00 Uhr

Pubertät - Baustelle im Großhirn

Die Jugend von heute kann nichts dafür, dass wir sie nicht verstehen, meint Eckart von Hirschhausen. Das Schlimmste, was wir ihr vorwerfen können, ist, dass wir selbst nicht mehr dazugehören.

 
Eckart von Hirschhausen, Hirschhausen, Jugend, Pubertät

© Colourbox

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer." Diese Klage ist fast 2500 Jahre alt und stammt vom griechischen Philosophen Sokrates. Offensichtlich klagt seit vielen Generationen jede Generation ähnlich über die nächste. Woher kommt das?

Mit heutigen Forschungsmethoden versteht man besser, warum einen in der Pubertät die Eltern nicht verstehen - und man sich selbst auch nur so wenig. Wenn man sich an die Stirn tippt, ist man dem Ort des Geschehens schon ziemlich nah: Das Stirnhirn befindet sich in einer Umbauaktion, die es seit Kindertagen in der Heftigkeit im Denkorgan nicht mehr gegeben hat. Viele eingeschliffene Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden infrage gestellt, gelöst und neu verdrahtet. Das oft teilnahmslose Gesicht drückt eigentlich nur aus, wie sich das anfühlt: "Achtung: Großbaustelle im Großhirn. Wir bitten Verspätungen und Unannehmlichkeiten zu entschuldigen." Bemerkbar macht sich das in verlangsamter Verarbeitung von Emotionen, Impulsivität und Unempfindlichkeit für Glücksgefühle.

Nur der Augenblick zählt

Pubertät ist das Gegenteil von Priorität. Was zählt, ist der Augenblick: Schulfete ist wichtiger als Schulabschluss, Pickel ausdrücken wichtiger als Vokabeln rein-, Knutschen geiler als Klavier üben. Kein Jugendlicher hört auf zu rauchen, wenn man ihm sagt, dass er in 40 Jahren davon Lungenkrebs bekommen kann. Im Gegenteil: Die Gefahr in der Zukunft wird zu einer Mutprobe für die Unsterblichen von heute. Wer mal mit Jugendlichen wandern war, kennt das aussichtslose Unterfangen, die Freude an "der schönen Landschaft" zu vermitteln. "Langweilig!" Während des Umbaus müssen die Reize größer sein, um Glücksgefühle auszulösen. Die leicht depressive Grundstimmung und der Übermut zum Risiko hängen direkt zusammen.

Es gibt auch die mega-verantwortlichen Jugendlichen

Das Wort Pubertät kommt von dem lateinischen Wort für "Schamhaar". Zurzeit wird jede Behaarung wegrasiert, noch ehe sie da ist. Die Härchen, auf die man vor einer Generation noch so stolz war, sie heimlich gezählt und verglichen hat, lässt man heute für ein Schönheitsideal über die Klinge springen, das die Glätte eines Kinderpopos zum idealen Ganzkörpergefühl erklärt. Just in der Phase, in der man sich vom Zuhause abnabelt, hält man sich für den Nabel der Welt.

Aber wer hat das Problem? Das Schlimmste, was man der Jugend vorwerfen kann, ist doch, dass man selbst nicht mehr dazugehört. So inkompetent kann diese Phase doch gar nicht sein, wenn mit der Geschlechtsreife über Tausende von Jahren auch die Kinder kamen. Hätten sich unsere Vorfahren dabei nur unverantwortlich und doof angestellt, wären wir schließlich ausgestorben. Und es gibt ja auch sie: die mega-verantwortlichen Jugendlichen, die sich mit einer Vehemenz für die Weltverbesserung einsetzen, die unser Planet verdammt gut brauchen kann! Zu belächeln sind nur die, die nichts tun.

Wann ist man erwachsen? Mit eigenen Kindern, eigenem Geld, anderen Wänden und anderem Nabel. Wenn das aber erst Mitte 40 passiert, braucht es ein neues Kriterium. Mein Vorschlag: Erwachsen ist, wer freiwillig auch mal früh ins Bett geht. Und wer das Richtige tut - selbst wenn es die Eltern empfohlen haben.

Gefunden in ... GesundLeben GesundLeben
Ausgabe 04/2010
zum Heft

Eckart von Hirschhausen
 
 
Sprechstunde

Die etwas andere Medizinkolumne: Egal ob Inline-Skaten, Weintrinken oder den inneren Schweinehund überwinden - unser Hausarzt Dr. med. Eckart von Hirschhausen nimmt kein Blatt vor den Mund

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