Wie die Seele das Herz krank macht

15. November 2008, 08:19 Uhr

Nicht nur Zigaretten und Schweinebraten verschleißen den Lebensmotor. Nach und nach entdecken Wissenschaftler, wie eng auch die Gefühlswelt mit der Pumpmechanik verwoben ist. Eine neue medizinische Disziplin, die Psychokardiologie, erforscht, wann Angst, Ärger und Trauer lebensbedrohlich werden. Von Anika Geisler

Herzinfarkt, Kardiologie, Seele, Herz, Depressionen

Wenn jemand dauerhaft psychischen Belastungen ausgesetzt ist, kann das Herz Schaden nehmen©

Sie hat nie geraucht. Geht regelmäßig schwimmen. Ihre Cholesterinwerte sind in Ordnung, der Blutdruck ist eher niedrig. Katharina Dörner (Namen von der Redaktion geändert) ist das Musterbeispiel einer gesunden Frau. Gefährdet, so dachte auch sie selbst, sind andere - Raucher, Übergewichtige, Leute mit erhöhtem Blutdruck oder Diabetes. Aber im Sommer 2007 bricht Katharina Dörner in ihrem Haus in Hürtgenwald bei Aachen zusammen, mit ziehenden Schmerzen in der Brust, im linken Arm und im Kiefer. Sie muss sich übergeben. Ihre Tochter alarmiert den Notarzt: Verdacht auf Herzinfarkt.

In der Klinik trauen die Ärzte ihren Augen kaum. Als sie mit dem Katheter die Herzkranzgefäße untersuchen und nach den Engpässen oder Verstopfungen forschen, die normalerweise der Grund für einen Infarkt sind, finden sie: nichts. Die Adern sind gemessen am Alter der Patientin erstklassig, weit wie fabrikneue Ofenrohre. Erst nach einer Ultraschalluntersuchung, die das Herz seltsam verformt zeigt, kommen die Mediziner auf die Lösung: Katharina Dörner leidet unter dem sogenannten Broken-Heart-Syndrom, dem Syndrom des gebrochenen Herzens. "Zum Glück ist es nicht lebensbedrohlich, aber die ersten Anzeichen sind die gleichen wie bei einem Infarkt. Die Ursache sind Stresshormone, die kurzzeitig Teile des Herzmuskels lähmen", erklärt Johann Caspar Rüegg, ehemaliger Professor für Physiologie an der Universität Heidelberg.

Gespräche mit der 74-jährigen Patientin ergeben: Sie war vor dem Zwischenfall am Ende ihrer Kräfte. Eineinhalb Jahre zuvor war ihr Mann nach 52 Ehejahren an Lungenkrebs gestorben. Katharina Dörner hatte ihn aufopferungsvoll gepflegt und nach seinem Tod monatelang unter Panikattacken gelitten. Der Verlust hatte sie krank gemacht - ihr das Herz gebrochen.

Mehr als ein Fünkchen Wahrheit

Es gibt diese bildhaften Redensarten: "Das habe ich mir zu Herzen genommen." Und: "Da ist mir vor Schreck das Herz stehen geblieben." Oder eben: "Es hat mir das Herz gebrochen." Wie richtig der Volksmund damit liegt, wissen Mediziner inzwischen. Das Organ unter dem Brustbein war lange Zeit lediglich ein Muster robuster Mechanik: eine faustgroße Pumpe, die sich rund 100.000-mal am Tag zusammenzieht und dabei 7000 Liter Blut passieren lässt - ganze 46 Badewannenfüllungen. Die in der Regel wartungsfrei über viele Jahrzehnte funktioniert, falls ihre Zuleitungen nicht durch erbliche Einflüsse und ungesunden Lebenswandel verstopft werden - durch Rauchen etwa, durch fettes Essen, Bewegungsmangel.

Als vor einigen Jahren erste Ärzte und Psychologen fragten, ob die Nöte der Seele nicht doch ganz wörtlich "ans Herz gehen" könnten, wurden sie noch milde belächelt. "Ein altgedienter Kardiologie- Professor hat nach einem meiner ersten Vorträge auf einem Kongress gesagt, so einen Hokuspokus könne man doch nicht ernsthaft verbreiten", sagt Christoph Herrmann-Lingen, Chef der psychosomatischen Abteilung an der Uni-Klinik Göttingen und einer der Vorreiter des Forschungsgebietes. Aber inzwischen hat sich die sogenannte "Psychokardiologie" Respekt erkämpft. In der altehrwürdigen Deutschen Gesellschaft für Kardiologie gibt es eine eigene Arbeitsgruppe, die sich mit nichts anderem beschäftigt als mit den krankhaften Auswirkungen von psychosozialem Stress auf das Herz. Dicke Lehrbücher erscheinen. Und in immer mehr Krankenhäusern und Reha-Kliniken arbeiten Herzspezialisten, Ärzte für Psychosomatik und Psychologen Hand in Hand.

Verschiedenste Gefahrenherde

Die Kernerkenntnisse der jungen Disziplin: Tatsächlich sind die Qualen der Seele mächtig genug, um vorübergehend Teile des Herzmuskels zu lähmen - wie beim Broken-Heart-Syndrom. Oder um - weitaus häufiger sogar - zum lebensbedrohlichen Infarkt zu führen. Und die Liste der gefährlichen Gefühle ist lang: Aufregung, Angst, Trauer und Wut bergen verkannte Risiken, genauso wie Erschöpfung, Mutlosigkeit und Depression.

Manchen trifft es gleich nach einem einschneidenden Ereignis: Nach Katastrophen wie Erdbeben oder Terroranschlägen, nach einer Todesnachricht, einem Unfall. Andere, wie Katharina Dörner, leiden lange und brechen irgendwann zusammen, ohne dass ein direkter Anlass erkennbar wäre. Am häufigsten jedoch kommt beides zusammen: "Ganz typisch ist eine Kombination aus chronischer und akuter Belastung", sagt Christoph Herrmann-Lingen. "Die Patienten fühlen sich schon monatelang vor dem eigentlichen Infarkt extrem müde, erschöpft und ausgelaugt. Viele gehen deswegen sogar zum Arzt. Kommt dann noch plötzliche Aufregung dazu, passiert es: Der Infarkt ist da."

Was geschieht da unter Haut, Muskeln und Rippen? Wie können aus Gemütszuständen Gefäßverschlüsse werden? Wie lähmt die Seele das Herz? Bis heute haben Forscher nicht alle Details der gefährlichen Prozesse verstanden, aber die Grundzüge sind unumstritten: Wenn Trauer, Streit oder Schwermut über Wochen und Monate anhalten, sind sie für den Organismus ein und dasselbe - Stress, und zwar in der ungesunden, chronischen Variante.

Vieles ist noch unerforscht

Während "normaler Stress" die Alarmsysteme des Körpers nur für eine überschaubare Zeit hochfährt, gibt es bei Dauerbelastung kein Zurück. Eine Armada von Hormonen flottiert durch den Organismus und kann etwa mit Blitzattacken die Pumpzentrale lahmlegen - das Broken-Heart-Syndrom entsteht. Einige Experten vermuten, dass dabei Stresshormone einen Teil der Herzmuskelzellen vergiften. Andere glauben, dass die Hormone plötzliche Verkrampfungen der Kranzgefäße auslösen, sodass das Herz nicht mehr genügend Blut bekommt. Sicher ist nur, dass das geheimnisvolle Phänomen rasch wieder abklingt. Stress-Opfer wie die Witwe Dörner kommen deshalb mit dem Schrecken davon.

Andere haben mehr Pech: Bei ihnen peitscht der Daueralarm die Herzfrequenz hoch und ruiniert zugleich die Gefäße. Sie werden härter und enger, bekommen Ablagerungen, die womöglich den Durchgang verstopfen. Oder die aufreißen und Gerinnsel bilden - eine Gefahr, die durch eine gleichzeitig gesteigerte Gerinnungsneigung des Bluts noch erhöht ist. Werden die malträtierten Gefäße und das permanent hochtourig laufende Herz-Kreislauf-System dann noch zusätzlich mit akutem Stress belastet, ist das Infarktrisiko besonders hoch.

Bei Christian Graf* war ein Streit mit dem Chef Auslöser für seinen Infarkt. "Im Job war ich immer auf Achse und kam nie zur Ruhe", sagt der Behindertenbetreuer. "Die Treppen im Haus nahm ich im Laufschritt, ich hatte immer das Gefühl, meine Arbeit nicht schnell genug zu schaffen." Als eine neue Kollegin eingestellt wurde, fing diese an, Christian Graf zu mobben. Und dann kam der Tag, an dem ihm sein Chef ins Gesicht sagte, dass er ihn loswerden wolle - nach mehr als zehn Jahren. Graf bekam einen Herzinfarkt, sechs Stunden nach dem Gespräch, abends im Bett. Da war er gerade mal 40 Jahre alt. Er hatte immer gesund gelebt, war Ausdauerläufer und Vegetarier, hatte nie geraucht, kaum Alkohol getrunken. Aber dafür hatte er dauernd unter Strom gestanden. Und schließlich den letzten Kick bekommen.

Hauptursache Berufsstress

Wie sehr schwierige Arbeitsverhältnisse aufs Herz gehen können, ist inzwischen gut untersucht. Dauernder Ärger im Job verdoppelt bei Menschen, die ursprünglich gesund waren, das Risiko für einen Infarkt. Dabei gibt es zwei besonders bedenkliche Konstellationen: zum einen Jobs, die mit vielen Anforderungen und hohem Zeitdruck verbunden sind, die aber gleichzeitig wenig Entscheidungsspielraum lassen. "Dazu gehören zum Beispiel Reinigungskräfte, Fernfahrer, Krankenschwestern oder Pfleger", sagt Professor Johannes Siegrist, Medizinsoziologe an der Universität Düsseldorf.

Der zweite Knackpunkt im Arbeitsalltag ist der Mangel an Wertschätzung: "Die Leute verausgaben sich im Beruf und werden nicht dafür belohnt", sagt Siegrist. "Dabei kann mangelnde Belohnung ganz unterschiedlich aussehen: schlechte Bezahlung, niedriger Status, keine Aufstiegschancen, ein unsicherer Arbeitsplatz, ein cholerischer Chef oder mobbende Kollegen." Zu den typischen Fällen zählen etwa Assistenzärzte, die Verantwortung tragen, schlecht bezahlt werden und in den strengen Hierarchien im Krankenhaus wenig zu sagen haben. Oder berufstätige Mütter, die sich an zwei Fronten aufreiben und überall bekrittelt werden. Oder notorisch Gebende wie Seelsorger oder andere sozial Engagierte. Menschen wie Christian Graf.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 46/2008

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
Cybergalactica (15.11.2008, 11:35 Uhr)
Prima Artikel...
...nur leider hat der Autor all die Leutchen aus der professionellen Werbe- und Designerbranche vergessen. Die stehen nämlich auch ganz oben an der der Liste von denen, die sich regelmäßig unter extremsten Stress stehen.
Bebuquin (15.11.2008, 11:23 Uhr)
Seele?
Was soll das sein?
waldi22 (15.11.2008, 10:13 Uhr)
Nix Neues
Dass die Gefühle mindestens so wichtig sind wie andere Parameter, wenn nicht am entscheidensten, das sagt der amerikanische Kardiologe Dean Ornish schon seit 20 Jahren, wurde aber von hiesigen Kardiologen kaum beachtet. In seinem sehr lesenswerten Buch "Heilen durch Liebe" führt er viele, zum Teil 50 Jahre alte Studien auf, die dies beweisen. Nach mittlerweile 20 Jahren Praxis kann ich diese Thesen nur bestätigen.