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12. Januar 2012, 21:22 Uhr

Zehntausend deutsche Frauen tragen Billigimplantate

Tausende Frauen haben in Deutschland die gefährlichen Billig-Brustimplantate der französischen Firma PIP im Körper. Die Leidtragenden können zwar ihren Arzt um Rat fragen, die Kosten für eine weitere Operation übernimmt er aber nicht. In Brasilien zahlt der Staat für den Pfusch.

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PIP-Implantate: Bis zu 10.000 Frauen in Deutschland tragen diese Silikonkissen. Ihnen wird geraten, sie entfernen zu lassen - zum Selbstkostenpreis© Anne-Christine Poujoulat

Viele deutsche Kliniken haben ihren Patientinnen Billig-Brustimplantate der französischen Firma PIP eingesetzt. Der Silikon-Skandal erstreckt sich über alle Bundesländer. Offensichtlich sind die Städte Düsseldorf und Hamburg besonders betroffen, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur DPA ergab. Seit Mittwoch ist klar, dass die Patientinnen kaum auf Entschädigungen des Unternehmens hoffen können. Nun werden immer mehr Stimmen laut, die Unterstützung für die Betroffenen fordern - oder anbieten.

Deutsche Experten gehen von bundesweit bis zu 10.000 betroffenen Frauen aus. Die Implantate seien zu 20 bis 25 Prozent aus medizinischem Anlass, der Rest aus Schönheitsgründen eingesetzt worden. Die deutschen Kassen tragen im ersten Fall die Kosten der Kissen-Entfernung und der neuen Implantate. Bei Schönheitsoperationen, müssen Patientinnen die Kosten zum Teil oder ganz übernehmen. Viele Kassen haben den betroffenen Frauen aber schon von sich aus zusätzliche Unterstützung angeboten.

Die Ärzte können nicht in Haftung genommen werden, wenn sie PIP im guten Glauben implantiert haben. Es geht nach Aussagen deutscher Experten nicht darum, die Zulassung für Medizinprodukte zu ändern. Das helfe nichts, wenn - wie im PIP-Fall - "kriminelle Energie" im Spiel sei. Unangemeldete Kontrollen bei entsprechenden Herstellern seien bereits heute möglich, es gebe aber zu wenig Personal.

Die meisten Operationen in Hamburg und Düsseldorf

Allein in Nordrhein-Westfalen setzten 25 medizinische Einrichtungen ihren Patientinnen nach Angaben des Düsseldorfer Gesundheitsministeriums die minderwertigen Implantate ein. Medien berichteten, der Schwerpunkt sei der Regierungsbezirk Düsseldorf mit neun Kliniken und sechs Arztpraxen.

In Hamburg sind nach Angaben von Medizinern bislang 180 Frauen bekannt, die PIP-Silikonkissen erhalten haben. "Ich kenne vier Fälle, in denen die Implantate schon ausgetauscht wurden", sagte die Hamburger Landesvorsitzende der Deutschen Gesellschaft der plastischen, rekonstruktiven und ästhetischen Chirurgen, Regina Wagner, am Donnerstag. Bis auf Brandenburg - das Land erhob bislang keine Daten - meldeten alle Bundesländer zumindest Einzelfälle.

Deutscher Chemikalienhändler droht Klage

Dem deutschen Chemikalienhändler Brenntag drohen laut einem Bericht des "Handelsblatt" Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe. "Das Mülheimer Unternehmen hat möglicherweise seine Produktbeobachtungspflicht verletzt", sagte Wolfram Müller von der auf Produkthaftungsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Graf von Westphalen in Hamburg. Nach Angaben der Zeitung bereitet die Münchner Kanzlei Zierhut & Graf bereits eine Klage gegen Brenntag vor. "Wir stehen auf dem Standpunkt, dass der Zulieferer haftet, weil er wissen musste, was mit dem Industrie-Silikon passiert, wenn er es an einen Brustimplantate-Hersteller liefert", sagte deren Rechtsanwalt Michael Graf.

Derr Anwalt fordert für seine geschädigte Mandantin die Übernahme der Behandlungskosten und Schmerzensgeld, schreibt das "Handelsblatt" weiter. Brenntag war bislang für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar. Das im MDax notierte Handels- und Logistikunternehmen hatte jahrelang an den französischen Implantathersteller Industrie-Silikon geliefert, das für Brustimplantate ungeeignet ist. Nach früheren Angaben des Unternehmens hatte Brenntag in seinen Auftragsbestätigungen darauf hingewiesen, dass die Produkte ausschließlich für industrielle Zwecke genutzt werden dürfen.

Forderung nach schärferen Zulassungsregeln

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, forderte angesichts des Skandals in den "Ruhr Nachrichten" schärfere Zulassungsregeln für Medizinprodukte. "Wir benötigen eine Weiterentwicklung bisheriger Standards." Bessere Kontrollen alleine genügten nicht. Montgomery sieht die Kassen in der Frage der OP-Kostenübernahme in jedem Fall in der Verantwortung: "Es geht hier um eine dringliche medizinische Indikation."

Die gesetzlichen Krankenkassen verlangten, der Staat müsse Medizinprodukte viel schärfer kontrollieren. Sie müssten bei der Zulassung ähnlich wie Arzneimittel behandelt werden, sagte die Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung, Doris Pfeiffer, der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Wir brauchen eine amtliche Zulassung wie bei Arzneimitteln und Studien, die Nutzen und Risiken eines Medizinprodukts aufzeigen", sagte Pfeiffer der "FAZ". Der Gesundheitsexperte der Verbraucherzentrale Hamburg, Christoph Kranich, forderte in der "Neue Osnabrücker Zeitung" langfristige Kontrollen. Auch Jahre nach der Einführung eines Produkts, müssten unangekündigte Untersuchungen erfolgen.

Der Bundesrat wird voraussichtlich am 10. Februar eine neue nationale Regelung zur Überwachung von Medizinprodukten beschließen, die Anfang 2013 in Kraft treten soll. Ziel sind Qualitätskontrollen auf deutschlandweit einheitlichem Niveau.

25 Implantate in Deutschland gerissen

Am Mittwoch hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 25 gerissene Implantate der Firma PIP gemeldet. Der PIP-Gründer Jean-Claude Mas hat sein Vermögen nach Medien-Informationen über ausländische Beteiligungsfirmen verteilt und weitgehend seiner Familie überschrieben. Betroffene Frauen erhielten deshalb voraussichtlich keinen Schadensersatz.

Weltweit sollen zwischen 400.000 und 500.000 Frauen minderwertige Silikonkissen der französischen Firma Poly Implant Prothèse (PIP) erhalten haben. Deren Silikon kann aus den Implantaten sickern, sich im Körper verteilen und Entzündungen auslösen. Es wird befürchtet, dass dies das Krebsrisiko erhöht, was jedoch nicht bewiesen ist.

In Brasilien können sich Frauen schadhafte Implantate von PIP und der niederländischen Firma Rofil kostenlos entfernen lassen. Der Staat übernehme die Kosten aber nur, wenn die Implantate defekt sind, wie die Gesundheitsbehörde Anvisa mitteilte. In Brasilien wird die Zahl der Frauen mit Brustimplantaten auf 300.000 bis 400.000 geschätzt. Von ihnen haben sich etwa 12.500 Frauen PIP- und rund 7000 Rofil-Implantate einsetzen lassen.

swd/DPA
 
 
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