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Der Blick aufs Smartphone wiegt schwer

Täglich eine Stunde lassen wir den Kopf hängen, um auf unsere Handys und Tablets zu starren. Auf unsere Halswirbelsäule wirkt dabei so viel Kraft, als trügen wir ein siebenjähriges Kind im Nacken.

Von Mirja Hammer

  Das Handy - eine große Gefahr für unsere Gesundheit?

Das Handy - eine große Gefahr für unsere Gesundheit?

Jahrtausende der Evolution hat es gedauert, bis wir endlich aufrecht standen. Unsere gesamte Anatomie ist heute auf einen anmutig geraden Gang gepolt: Unsere Muskeln, jeder Knochen und alle Gelenke helfen uns dabei. Seit Anbeginn der Smartphone-Ära scheinen wir uns jedoch schleichend zurückzuentwickeln, hin zu jenen Ahnen, die noch mit gebeugtem Haupt und dickem Nacken Mammuts erlegten. Für diese scheinbare Regression hat sich der Begriff "Generation Kopf unten" oder auch "Head-down Generation" eingebürgert. Er beschreibt das Phänomen, dass immer mehr Menschen nur noch mit dem Blick nach unten anzutreffen sind, weil sie auf ihren Endgeräten unablässig Nachrichten tippen, im Netz surfen oder ihre neusten Selfies durch Farbfilter jagen müssen.

Experten warnen nicht erst seit gestern vorm "Handy-Nacken", jenen gesundheitlichen Folgen des notorischen Head-Down-Syndroms. Die Überdehnung des Halsmuskels kann zu Nackenschmerzen und -verspannungen sowie Kopfschmerzen führen, sind sich Mediziner einig. Auch Kenneth Hansraj, Chef-Chirurg am New Yorker Klinikum für Wirbelsäulenchirurgie und Rehabilitation, beobachtet einen Zunahme von haltungsbedingten Problemen, die er auf den Gebrauch von Handys zurückführt. Seine Studie, die im Fachblatt "Surgical Technology International" erschienen ist, zeigt: Blicken wir aufs Display herab, so wirkt eine bis zu sechsmal stärkere Kraft auf unsere Halswirbelsäule als bei einer neutralen Kopfhaltung.

Minimale Neigung verdoppelt das Gewicht

Beugen wir unseren Kopf nach unten, belasten wir unsere Nacken- und die obere Rückenmuskulatur. In dieser angespannten Position verharren wir mitunter recht ausdauernd: In Deutschland liegt die tägliche Smartphone-Nutzung bei etwa einer bis anderthalb Stunden. Der Kopf eines Erwachsenen wiegt in aufrechter Position etwa vier bis sechs Kilo. Je stärker wir unseren Kopf nach vorne oder hinten neigen, desto höher wird die Zugkraft auf die Halswirbelsäule. Schon bei einem Neigungswinkel des Kopfes um 15 Grad erhöhe sich die Kraft, die auf die Halswirbelsäule wirkt, auf bis zu 130 Newton, was 12 Kilogramm entspricht. 60 Grad, jener Winkel, den wir beim Blick auf das Handy-Display einnehmen, entsprächen einer Kraft von bis zu 27 Kilogramm (270 Newton). Das sei mehr als das Gewicht eines Siebenjährigen, so Hansraj.

Klingt ganz schön viel. Jürgen Harms, Wirbelsäulenchirurg am Heidelbeger Ethianum, hält die von Hansraj berechneten Zahlen jedoch für realistisch. "Aus früheren Studien wissen wir, dass der Druck, der auf die Lendenwirbelsäule wirkt, bei normaler Körperhaltung etwa 80 Kilogramm beträgt. Bei einem Neigungswinkel von nur 10 Grad erhöht er sich schon auf 150 bis 180 Kilogramm". Er könne sich daher gut vorstellen, dass sich der Druck des Kopfes auf die Halswirbelsäule ähnlich drastisch erhöht.

  Die Abbildung zeigt, wie sich das Gewicht auf den Nacken erhöht, je stärker der Kopf geneigt wird.

Die Abbildung zeigt, wie sich das Gewicht auf den Nacken erhöht, je stärker der Kopf geneigt wird.

Würde die natürliche Wirbelsäulenkurve durch die anhaltende Gesicht-nach-unten-Position fortwährend verändert, führe dies zu Schädigungen und einer frühzeitigen Degeneration der Bandscheiben, die dann möglicherweise operiert werden müsste. "Degeneration wird häufig mit Krankheit gleichgesetzt", sagt Herms. "Degenration per se ist jedoch keine Erkrankung, sie geschieht in jedem Körper und zwar ab dem Tag der Geburt". Wer eine Stunde täglich aufs Smartphone hinabblickt, dem attestiert Herms gute Chancen für einen frühzeitigen Verschleiß der Bandscheiben.

Was also tun, um einem Handy-Nacken und damit verbundenen Haltungsschäden entgegenzuwirken? Die Antwort ist simpel: Haltung bewahren. Von einer guten Haltung ist die Rede, wenn die Ohren auf einer Linie mit den Schultern lägen und die Schulterblätter wie "Engelsflügel" aufgestellt seien, so Hansraj. Dies sei die gesündeste Ausrichtung der Wirbelsäule - mit ihr könne eine Abnutzung oder Schädigung der Wirbelsäule klar verringert werden. Für den Smartphone-Gebrauch bedeutet dies, dass das Gerät möglichst oft auf Höhe der Augen gehalten werden sollte.

Die Haltung beeinflusst auch unsere Psyche

Für eine gute Haltung spricht im Übrigen nicht nur das Wohl unseres Rückgrats. Ein gerader Rücken lässt uns größer und laut diverser Studien auch attraktiver und selbstbewusster erscheinen. Wissenschaftler haben zudem belegt, dass sich eine aufrechter Gang auf unser psychisches Befinden auswirkt. Psychologen an der Universität Witten/Herdecke und der kanadischen Queen's University in Kingston haben herausgefunden, dass Menschen, die aufrecht gehen, Ereignisse positiver deuten als jene, die Schultern und Kopf hängen lassen. Für eine schlechte Haltung, wie sie etwa auch häufig vor dem PC eingenommen wird, zahlen wir dagegen einen hohen Preis: Sie wird in Zusammenhang mit Kopf- und Nackenschmerzen, chronischen Rückenschmerzen, Verdauungsschwierigkeiten, Depressionen und Herzerkrankungen gebracht. Also Kopf hoch, Brust raus und Schultern aufgestellt!

Mirja Hammer
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