Schmerzmittelverkauf soll eingeschränkt werden

26. Juni 2012, 10:30 Uhr

Schluss mit dem freien Schmerzmittelkonsum: ASS, Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen gibt es bald nur noch in kleinen Mengen rezeptfrei. Denn bei übermässigem oder falschem Gebrauch können diese Schmerzmittel schwere Nebenwirkungen haben. Von Martina Janning

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Schmerzmittel können massive Nebenwirkungen haben. Deshalb sollten sie nicht gegen Bagatellen zum Einsatz kommen.©

Eine Pille nach der Party, bei Stechen im Knie oder vor einem Marathonlauf: Schmerztabletten werden häufig schon bei leichtem Unwohlsein und vorbeugend eingenommen. Fachleute besorgt das. Sie warnen: Konsumenten unterschätzen oftmals die Gefahren bei zu häufigem Gebrauch und viele gehen davon aus, dass rezeptfreie Präparate unschädlich sind. Deshalb drängt die zuständige Behörde, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm), darauf den Zugang zu freiverkäuflichen Schmerzmitteln zu beschränken. Betroffen sind die Wirkstoffe Azetylsalicylsäure, kurz ASS, Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac. Sie soll es nur noch in kleinen Packungen geben, deren Dosis maximal für vier Tage reicht. Dem hat der Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht im Bfarm zugestimmt. Es ist davon auszugehen, dass das Bundesgesundheitsministerium dieser Empfehlung folgt. In Zukunft werden Verbraucher somit nur noch kleine Packungen Schmerzmittel ohne Rezept kaufen können.

Kleine Packungen sollen Konsumenten schützen

Durch das Begrenzen der Packungsgrößen will das Bfarm die Sicherheit für Verbraucher erhöhen. Denn so gebräuchliche Schmerzmittel wie ASS, das zum Beispiel in Aspirin steckt, Ibuprofen oder Diclofenac, können die Nieren schädigen und Blutungen in Magen und Darm verursachen. Zu hoch dosiert sind sogar tödliche Vergiftungen möglich. Für das Jahr 2010 verzeichnete das Statistische Bundesamt 38 Todesfälle durch Schmerzmittel, von denen allein 16 auf Vergiftungen mit Ibuprofen und Diclofenac zurückzuführen waren.

Todesfälle durch Schmerzmittel gehen aber nicht immer auf Suizid zurück – oft überschreiten Konsumenten die tägliche Höchstdosis, ohne es zu merken. Dies kann zum Beispiel durch Kombinationspräparate passieren, wenn jemand außer einem Schmerzmittel zusätzlich ein Medikament gegen Erkältung nimmt, das ebenfalls einen Anti-Schmerz-Wirkstoff enthält. Oder nach einem Schlaganfall, falls ein Betroffener vorbeugend ASS zum Blutverdünnen schluckt und vergisst diese Dosis mitzurechnen, wenn er zu Schmerzmitteln greift.

Von kleineren Packungen verspricht sich das Bfarm eine Signalwirkung. "Wir wollen die Patienten für die Risiken sensibilisieren und deutlich machen, dass auch freiverkäufliche Schmerzmittel mit gesundheitlichen Gefahren verbunden sein können und einen verantwortungsbewussten Umgang erfordern", erläutert ein Sprecher der Behörde. Er räumt allerdings ein, dass es einfach sei, sich durch Apothekenhopping größere Mengen Schmerzmittel zu besorgen.

Die Vier-Tage-Dosis rechtfertigt das Bfarm als sinnvolle Grenze. Schmerzen, die dann nicht verschwunden seien, hätten sehr wahrscheinlich eine schwerwiegende Ursache, die ein Arzt abklären müsse. Studien zeigten außerdem, dass die Risiken von Schmerzmitteln nach dem vierten Tag der Einnahme zunähmen.

Paracetamol kann gravierende Nebenwirkungen haben

Paracetamol gibt es bereits seit 2009 nur noch in kleinen Packungen mit einer Dosis für vier Tage rezeptfrei zu kaufen. Größere Mengen muss ein Arzt verordnen. Der Arzneimittelbehörde reicht diese Regelung. "Wir halten eine komplette Unterstellung unter die Rezeptpflicht nicht für notwendig", sagt ein Bfarm-Sprecher. Paracetamol verschreibungspflichtig zu machen, lehnte der Sachverständigenausschuss ab. Einen entsprechenden Antrag hatte ein einzelnes Mitglied des Ausschusses eingereicht. Dessen Namen darf die Behörde nicht nennen.

Doch der Pharmakologe Kay Brune von der Universität Erlangen hat sich zu diesem Antrag bekannt. Als Grund verweist er auf das große Risiko von Leberschäden bis hin zum Tod. Schon acht Gramm Paracetamol könnten zu akutem Leberversagen führen. Dies entspricht der Menge von 16 Tabletten und ist so viel wie eine doppelte Tageshöchstdosis. Zudem steht Paracetamol inzwischen im Verdacht, Asthma bei Kindern zu begünstigen, deren Mütter in der Schwangerschaft dieses Schmerzmittel genommen hatten. Es wird auch mit Hodenhochstand bei Jungen in Verbindung gebracht. Dieser kann zu Unfruchtbarkeit führen.

Pharmafirmen lehnen Verkaufsbeschränkungen ab

Die Pharmaindustrie lehnt sowohl die Kleinpackungen bei Schmerzmitteln als auch eine vollständige Rezeptpflicht für Paracetamol ab. Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) sieht "keinen sachlichen" Grund, Großpackungen abzuschaffen. Die Deutschen gingen "sehr verantwortungsvoll" mit Schmerzmitteln um, heißt es in einem Verbandspapier.

Tatsächlich erfolgt der Griff zu Schmerzmitteln hierzulande relativ selten im internationalen Vergleich. Das Institut für Medizinische Statistik hat errechnet, dass im Schnitt jeder Deutsche rund 50 Schmerztabletten im Jahr schluckt, davon 29 rezeptfreie. In Frankreich und Skandinavien ist der Verbrauch mit fast 150 Einzeldosen pro Kopf und Jahr dreimal so hoch.

Die Kosten für die Verkleinerung der Packungsgrößen bei ASS, Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac tragen die Hersteller. Sie müssen zudem mit Umsatzeinbußen rechnen. 80 Prozent der 117 Millionen Packungen Schmerzmittel, die 2010 über Apothekentresen gingen, waren rezeptfrei. Laut Bundesverband der Arzneimittelhersteller setzten Pharmafirmen damit 449 Millionen Euro um. Doch seit der Einführung der Kleinpackungen ist der freie Verkauf von Paracetamol-Präparaten um rund ein Viertel gesunken, hat der Branchendienst Insight Health ausgerechnet.

 
 
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