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Wie unseriöse Heilpraktiker Menschenleben gefährden

Immer wieder sterben Patienten, weil Heilpraktiker und Alternativärzte ihre Grenzen nicht kennen. Schuld daran sind erschreckend große Gesetzeslücken.

Eine Patientin befindet sich im Gespräch mit medizinischem Personal.

Patienten versprechen sich von der Alternativmedizin sanfte Therapien - doch auch Heilpraktiker greifen in den Körper ein

Das Heilpraktikergesetz stammt noch aus der Nazizeit. Es trat im Jahr 1939 in Kraft trat und gewährt schier grenzenlose diagnostische und therapeutische Freiheiten. Es schützt Patienten nicht vor lebensgefährlicher Scharlatanerie. Seit vergangenem August tobt in Deutschland eine Diskussion darüber, ob es noch zeitgemäß ist.

Damals hatte der überregional bekannte Klaus R. Krebspatienten im nordrhein-westfälischen Bracht eine nicht als Arzneimittel zugelassene Chemikalie per Infusion verabreicht. Drei starben innerhalb von vier Tagen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch. Ob aber jemals Anklage erhoben werden kann, ist ungewiss.

Denn eines ist jetzt bereits klar: Anmischen und verabreichen durfte R. das Mittel, das die für Medikamente vorgeschriebenen aufwendigen Prüfungen nie durchlaufen hat. Klaus R. besitzt noch seine Zulassung, niemand könnte ihn daran hindern, morgen wieder Patienten mit der gleichen Chemikalie zu behandeln.

Heilpraktikern nämlich ist unfassbar viel erlaubt: Ohne Fachkundenachweis mit spitzer Nadel zu akupunktieren, Krankheiten zu diagnostizieren oder auch gefährliche Manipulationen an der Halswirbelsäule durchzuführen. Sie brauchen überhaupt keine Ausbildung. Das einzige, was das alte Gesetz verlangt, ist: Angehende Heilpraktiker müssen einen Test über elementare Medizinkenntnisse beim Gesundheitsamt absolvieren, der der "Gefahrenabwehr" dient. Niemand fragt, ob die Kandidaten je einen Patienten gesehen haben. Niemand entdeckt, wenn sie heimlich einem gefährlichem Irrglauben anhängen und die "Schulmedizin" selbst bei lebensbedrohlichen Krankheiten ablehnen.

Die Opfer der Alternativmedizin
Susanne Reichardt, 55  Die Ehefrau eines Heilpraktikers starb am Ostermontag 2016 an Brustkrebs. Damit andere Patienten nicht so leichtgläubig wie sie in die Fallen der Alternativmedizin stolpern, veröffentlichte sie ihre Leidensgeschichte im Internet, ihr Sohn Michael Koch verbürgt sich für die Echtheit.    Demnach tastete sie im Jahr 2010 einen Knoten in ihrer Brust. Ihr Mann diagnostizierte eine "harmlose Zyste". Drei Jahre lang ließ sie sich von ihm verbieten, einen Gynäkologen aufzusuchen. "Die Ehefrau eines Heilpraktikers braucht keinen Arzt", soll er gesagt haben und behandelte sie selbst. Sie schluckte Kapseln, Globuli, Schüsslersalze und bekam einige Mittel, die in der alternativmedizinischen Szene als Wunderwaffen gegen Krebs gehandelt werden: Die "schwarze Salbe", die den Tumor durch die Haut herausziehen und zerstören soll. Den Bittermandelstoff Amygdalin, auch "Vitamin B17" genannt, dessen durchschlagende Wirkung angeblich seit Jahrzehnten von einem Komplott aus Pharmaindustrie und Ärzten verschwiegen wird. Das Miracle Mineral Supplement MMS, das schon beim Einatmen seine giftigen Wirkungen entfaltet.    Als sie sich Ende 2014 im Marienhospital Stuttgart einer schulmedizinischen Behandlung unterziehen wollte, war es zu spät. Der Brustkrebs hatte in viele Organe gestreut. Der Heilpraktiker landete vor Gericht und kam mit einer Geldbuße davon - allerdings nicht wegen seiner eigenmächtigen Diagnose und Therapie (die die Staatsanwaltschaft gar nicht zur Anklage brachte), sondern lediglich wegen eines Vorfalles von Körperverletzung im Ehestreit.      Quellen: Persönliche Interviews mit dem Heilpraktiker selbst sowie dem Sohn von Susanne Reichardt Michael Koch. Einblick in medizinische und persönliche Dokumente, Arztbriefe, Fotos und Videos. Begleitung des Prozesses am Amtsgericht Simmern. Aufzeichnungen von Susanne Reichardt.

Susanne Reichardt, 55

Die Ehefrau eines Heilpraktikers starb am Ostermontag 2016 an Brustkrebs. Damit andere Patienten nicht so leichtgläubig wie sie in die Fallen der Alternativmedizin stolpern, veröffentlichte sie ihre Leidensgeschichte im Internet, ihr Sohn Michael Koch verbürgt sich für die Echtheit.

Demnach tastete sie im Jahr 2010 einen Knoten in ihrer Brust. Ihr Mann diagnostizierte eine "harmlose Zyste". Drei Jahre lang ließ sie sich von ihm verbieten, einen Gynäkologen aufzusuchen. "Die Ehefrau eines Heilpraktikers braucht keinen Arzt", soll er gesagt haben und behandelte sie selbst. Sie schluckte Kapseln, Globuli, Schüsslersalze und bekam einige Mittel, die in der alternativmedizinischen Szene als Wunderwaffen gegen Krebs gehandelt werden: Die "schwarze Salbe", die den Tumor durch die Haut herausziehen und zerstören soll. Den Bittermandelstoff Amygdalin, auch "Vitamin B17" genannt, dessen durchschlagende Wirkung angeblich seit Jahrzehnten von einem Komplott aus Pharmaindustrie und Ärzten verschwiegen wird. Das Miracle Mineral Supplement MMS, das schon beim Einatmen seine giftigen Wirkungen entfaltet.

Als sie sich Ende 2014 im Marienhospital Stuttgart einer schulmedizinischen Behandlung unterziehen wollte, war es zu spät. Der Brustkrebs hatte in viele Organe gestreut. Der Heilpraktiker landete vor Gericht und kam mit einer Geldbuße davon - allerdings nicht wegen seiner eigenmächtigen Diagnose und Therapie (die die Staatsanwaltschaft gar nicht zur Anklage brachte), sondern lediglich wegen eines Vorfalles von Körperverletzung im Ehestreit.


Quellen: Persönliche Interviews mit dem Heilpraktiker selbst sowie dem Sohn von Susanne Reichardt Michael Koch. Einblick in medizinische und persönliche Dokumente, Arztbriefe, Fotos und Videos. Begleitung des Prozesses am Amtsgericht Simmern. Aufzeichnungen von Susanne Reichardt.


Nach der Todesserie von gelobte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), das Heilpraktikergesetz zu überprüfen. Barbara Steffens (Bündnis 90/Die Grünen), die Gesundheitsministerin von Nordrhein-Westfalen, forderte eine "staatlich kontrollierte, strukturierte Ausbildung". Unsinn, das würde den Beruf nur aufwerten, konterte der SPD-Experte Karl Lauterbach. Die großen Heilpraktikerverbände wehren sich gegen Veränderungen. Der Patientenschutz sei durch eine Vielzahl von Vorschriften gewährleistet. Widerstand kommt auch aus der Ärzteschaft. Denn auch nicht wenige Ärzte überschreiten selbst immer wieder die Grenzen wissenschaftlich fundierter Medizin und verdienen damit große Summen. Gesetzesänderungen könnten ihre Freiheit beschneiden.

Während sich die Interessengruppen bekriegen und der Gesetzgeber tatenlos zusieht, bleibt der Patientenschutz auf der Strecke. In einem investigativen Report lotet der stern gezielt die dunklen Ecken der aus. An Heilpraktiker-Schulen werden lebensbedrohliche Irrlehren verbreitet. Auf Alternativmedizin-Messen kann man unkontrolliert gefährliche Wunderheilmittel kaufen. Selbst nach Todesfällen können Scharlatane kaum zur Verantwortung gezogen werden.

Fauler Zauber: Der große Report über gefährliche Heilpraktiker jetzt im neuen stern:




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