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Stern Investigativ - Rüstung und Militär

Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

Wer steckt hinter "Politically Incorrect", dem Blog der deutschen Islamhasser? Der stern traf die Macher des Hetzwerks, die sich von den Anschlägen in Norwegen recht unbeeindruckt zeigen.

  "Ich bin doch nur ein Blogger": Stefan Herre, der als Beruf "Sportlehrer" angibt

"Ich bin doch nur ein Blogger": Stefan Herre, der als Beruf "Sportlehrer" angibt

Das Sprachrohr der deutschen Islamhasser sieht aus, als würde es gleich ein paar Surfstunden draußen auf dem Lago Maggiore geben: schwarze Sonnenbrille, rotes Poloshirt, Bermudas, lässige Sandalen. Stefan Herre ist durchtrainiert und braun gebrannt, eigentlich ein Sonnyboy. Er duzt sein Gegenüber in weichem Kölsch, doch irgendwann sagt er, dass er nicht möchte, dass der Ort verraten wird, an dem man sich trifft. Er habe schon wieder Morddrohungen erhalten, im Grunde müsse er Personenschutz bekommen. Ob er denn schon bei der Polizei gewesen sei? Ja, nee, noch nicht.

Stefan Herre, 45, sagt, seit den Anschlägen in Norwegen sei er ein gefragter Mann. So viele Journalisten wollten mit ihm reden, die Magazine, die Zeitungen. "Dabei bin ich doch bloß ein kleiner Blogger", sagt er.

Tatsächlich will man reden mit dem Mann, der ideologisch nicht so weit entfernt zu sein scheint von Anders Behring Breivik, dem Mörder von Oslo und Utøya. Tatsächlich hat man Fragen zu Herres Weblog "Politically Incorrect", dem Internet-Stammtisch für Islamhasser, den Herre im November 2004 gegründet hat und der sich mit über 40 Millionen Besuchern brüstet.

Gegen Türkei, Euro und Islam

PI, wie die Seite in der Szene bündig genannt wird, gilt als einer der erfolgreichsten politischen Blogs in Deutschland. In der nüchternen Anmutung einer Nachrichtenseite toben sich hier Autoren aus, die glauben, sonst nicht zu Wort kommen zu dürfen. Es geht um die EU-Mitgliedschaft der Türkei (man ist dagegen), um den Euro (man ist dagegen), vor allem aber um den Islam (man ist sehr dagegen).

Solche Plattformen schaffen den Raum, in dem dem Wahnsinn keine Grenzen mehr gesetzt werden. Früher, im Freundeskreis, bei Bier oder Wein, konnten sich Vernünftige und Verrückte, Aufgeklärte und Hardliner streiten, bis die Stimmung kippte. Spätestens dann mahnte einer, man solle doch die Kirche im Dorf lassen - und schenkte noch einmal nach. Das ist vorbei. Heute bleiben die Verrückten und Hardliner unter sich, man trifft sich im Internet, in Foren, Kommentarspalten und eben auf Blogs wie PI. Man bestärkt sich gegenseitig, klopft sich ideologisch auf die Schulter und ist stolz, zu denen zu gehören, die sagen, was viele nur dächten - und schon längst nicht mehr zu äußern wagten.

Niemand hat geahnt, wie gefährlich solche Seiten werden können. Niemand hat gedacht, dass sie tatsächlich von irgendjemandem so ernst genommen werden könnten, dass er zur Tat schreitet. Doch Anders Breivik hat bewiesen, dass das Netz sehr wohl ein Hirn verdrehen kann.

Mord aus Furcht vor virtueller Welt

In einem 1500 Seiten dicken Manifest offenbarte er, dass ihn der Hass auf den "Kulturmarxismus der Linken" und auf den Islam zu seiner Tat motiviert hätten. "Was er schreibt, sind größtenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten", heißt es nun nachdenklich auf PI.

Seit dem 22. Juli, dem Tag der Anschläge in Norwegen, ist die Typologie des Terrors um einen Täter ergänzt worden, den niemand so hat kommen sehen: Im Internet hat sich Anders Behring Breivik eine Welt zusammengebaut, die für ihn offenbar schlüssig zusammenpasste, auch wenn sie nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun hat. Eine Welt, in der Muslime einem Masterplan folgend immer mehr Kinder bekommen, um in Europa zur Mehrheit zu werden, still geduldet von linken, sozialdemokratischen Feiglingen und schweigenden Medien, die allesamt der arabischen Flut nichts entgegenzusetzen hätten. Es gibt keine Untersuchung, die auch nur annähernd solche Ideen untermauern würde. Aber die Vorstellung allein war so stark, dass sich Breivik bedroht fühlte. Dass er zum Mörder wurde.

Stefan Herre sagt: "Ich will nicht, dass meine Kinder später mit dem Kopftuch rumlaufen müssen." Auch er kenne keine Statistik, die seine Furcht stützt, "aber da muss ich doch in Köln nur vor die Tür gehen". Und außerdem, "der Sarrazin" habe das doch auch geschrieben.

  Fordert ein "Nürnberg 2.0" für Islamfreunde: Michael Mannheimer

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Plattform für volksverhetzende Stimmungsmache

Als die USA unter George Bush jr. in den Irak einmarschierten und die Deutschen sich verweigerten, war für Herre der Zeitpunkt gekommen zu reagieren. Er wollte nicht mitmachen beim "Bush-Bashing", bis heute bezeichnet er sich als "absolut proamerikanisch". Also schrieb der bis dahin regelmäßige Leserbrief- Schreiber seine Meinung ins Internet und nannte das Ganze "Politically Incorrect". Schnell wuchs die Lesergemeinde, schnell kamen Gleichgesinnte dazu, und als 2005 die dänischen Mohammed-Karikaturen weltweit für Wirbel sorgten, stellte PI sie einfach ins Netz. "Damit wurden wir bekannt", sagt Herre.

Die Morde in Norwegen werden später sicher ebenso genannt werden, wenn es um die Frage geht, wie PI zur wichtigsten deutschen Plattform für Islamophobie werden konnte. Dabei sind es nicht nur die Artikel der PI-Autoren, die krude Thesen verbreiten, sondern noch viel mehr die darunter geposteten Kommentare der Leser. Zwar hat sich PI klare Regeln gegeben - so sollen etwa Botschaften in Fäkalsprache gelöscht werden -, aber an keiner Stelle distanzieren sich Herre und seine Mitstreiter deutlich vom Inhalt der zum Teil volksverhetzenden Stimmungsmache. Nur ein versteckter Hinweis, dass die Kommentare nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben müssten, dient als Hintertürchen.

So kann - ohne dass der Beitrag bis Montag gelöscht wurde - ein PI-User über Breivik schreiben: "Von seiner Warte aus hat er wahrscheinlich rational gehandelt. Islamisierung ist mit friedlichen Mitteln nicht mehr aufzuhalten, also wende ich Gewalt an und zwar nicht gegen die Symptome (Moslems), sondern gegen die Ursache (linksgrüner multikulti sozi Wahn)." Und der User Cliff179 droht: "Spätestens wenn die Berliner Wahl verloren geht, wird allen bewusst sein, dass in Deutschland mit demokratischen Mitteln keine islamkritische Politik zu betreiben ist."

Beruf: Sportlehrer

Herre rührt in seinem Cappuccino und schüttelt den Kopf. Solche Beiträge gäben nicht seine Meinung wieder, sagt er, und es klingt in seinem weichen Kölsch doppelt harmlos. Er käme mit der Beobachtung der Kommentare einfach nicht mehr hinterher. "Wir haben nicht genug Moderatoren, die sich um den Ansturm kümmern können." Zu seinen Mitarbeitern will er nichts sagen, nur, dass alle berufstätig seien, der Blog sei daher nachts oft unbeaufsichtigt. Sicher, ein Mangel, aber "die Meinungsfreiheit ist mir schon auch sehr wichtig".

Auch er verdiene sein Geld immer noch als Sportlehrer, sagt er. PI finanziere sich durch Werbung, tatsächlich schalten alle möglichen rechtsauslegenden Publizisten (mit Büchern wie "Die Talibanisierte Schweiz im Jahre 2022") und Initiativen ("Wehr Dich - liberales Waffenrecht") ihre Banner auf der Seite. Alles sei doch völlig unspektakulär, sagt Herre, und er wiederholt: "Ich bin doch nur ein Blogger!" Und doch stehen die PI-Server im Ausland, vermutlich in den USA oder in Hongkong, wohl aus Furcht, dass sie in Deutschland sonst abgeschaltet werden könnten.

"Erweckungserlebnis" am 11. September

Wenn Herre nur ein Blogger sein will, ist Michael Mannheimer ein Apostel. Der Politologe gilt heute als Starautor auf PI. Sein Lieblingsthema: der "ethischreligiöse Zersetzungsprozess" in Europa.

Auch Mannheimer ist in diesen Tagen nur schwer zu erreichen, was auch mit seinem Namen zu tun hat, einem Pseudonym. Auch seine Telefonnummer ist nicht publik, doch wer ihn sprechen will, weiß, wie man ihn erreicht. Zum Beispiel die österreichische Rechtsaußen-Partei FPÖ, bei der er 2008 und 2009 Vorträge aus seinem Repertoire wie etwa über "Eurabia" gehalten hat, die angebliche Unterwanderung Europas durch den Islam. "Drei Stunden dauert mein Vortrag. Da geht keiner raus zum Pinkeln", sagt er in einem Café am Stuttgarter Flughafen.

Der 11. September sei sein "Erweckungserlebnis" gewesen, sagt Mannheimer. Er begann damals seinen Feldzug gegen die islamische Religion, in der er "das Böse" erkannt haben will. Bei einer Veranstaltung des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders im vergangenen Herbst habe er den PI-Chef Stefan Herre persönlich kennengelernt, "ein freundlicher und gebildeter Mann". Zu Mannheimer befragt, gibt Herre in der Ferne am Lago Maggiore das Kompliment zurück: Auch wenn er den Bogen manchmal etwas überspanne, habe Mannheimer von vielen Details sehr viel mehr Ahnung als er, der in den Koran nur ein "paar Mal hineingelesen" habe.

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Fremdenhass als gepflegter Diskurs

Stefan Herre und Michael Mannheimer passen beide nicht in das Klischee des plumpen Ausländerfeinds. Sie sind nicht antiamerikanisch und antisemitisch wie ihre Geistes-Cousins von der extremen Rechten. Sie kommen aus der Mitte der Gesellschaft und beherrschen die Regeln des gepflegten Diskurses. Keiner Frage weichen sie aus. Mannheimer versteht es großartig, Fakten und Studienergebnisse zurechtzubiegen, Zitate und Fremdwörter einzuflechten und hie und da den Namen eines wichtigen Menschen fallen zu lassen, der ja seine Meinung teile.

Das Pamphlet des Attentäters Breivik habe er nur überflogen, sagt Mannheimer. Aber er ist sich sicher: "Die wahren Verantwortlichen für das Norwegen-Massaker" seien "die westlichen Verteidiger des Islam".

In seinem Blog hat er sogar einen Aufruf zum bewaffneten Widerstand veröffentlicht: "Verteidigt unser aller Freiheit (...) Greift zu den Waffen, wenn es keine anderen Mittel gibt!" Wie er so etwas nach Norwegen rechtfertige? "Der Islam ist ein totalitäres System, das sich gerade Europa einverleibt. Das muss mit allen Mitteln verhindert werden."

Treibstoff für sozial isolierte Nerds

Keinen Hehl macht Mannheimer auch aus seiner Unterstützung eines Projekts des "Netzwerk Demokratischer Widerstand". Im Internet rufen die anonymen Betreiber dazu auf, diejenigen zu bestrafen, die den Islam als friedliche Religion akzeptierten. Unter den Bedrohten sind bekannte Politiker, Wissenschaftler und Journalisten. Der Name der Aktion: "Nürnberg 2.0", in Anspielung auf die Nürnberger Prozesse, in denen die Spitzen des Nationalsozialismus zu langen Gefängnisstrafen oder zum Tode verurteilt wurden. Passt bloß auf, lautet die versteckte Botschaft.

Als in der vergangenen Woche der Verfassungsschutz die Seite erstmals genauer untersuchte, sah man zwar "keine aktuelle Gefahr", die aufgelisteten Personen sehen das aber sicherlich anders. Neben dem Regisseur Fatih Akin stehen dort Politiker wie Joschka Fischer, Sigmar Gabriel und Ruprecht Polenz, der sich für den EU-Beitritt der Türkei starkmacht. Michael Mannheimer sagt: "Die Verräter müssen tatsächlich vor ein Gericht geführt werden, wie in Nürnberg damals. Präventiv!" Die Todesstrafe fordere er nicht, "aber härtestmögliche Strafen".

Solche Hirngespinste von "Strafen", garniert mit historischen Bezügen: Auch das kann der Treibstoff sein für sozial isolierte Nerds, die wie Anders Breivik im Internet Orientierung in ihrem verzerrten Weltbild suchen.

Ein dichtes Netzwerk Gleichgesinnter

Auch der PI-Autor Michael Stürzenberger, 46, verbreitet solche Hetzparolen: "Der Koran ist das 'Mein Kampf` des Propheten Mohammed", sagt er in einem Münchner Straßencafé. Zum Gespräch mit dem stern hat er seinen Koran mitgebracht und die Stellen mit Leuchtstift markiert, mit denen er den Islam als "eine kriegerische, totalitäre und faschistische Ideologie im Mäntelchen einer Religion" entlarven will. Es sind viele Stellen.

PI hat sich zu einem dichten Netzwerk Gleichgesinnter entwickelt, Stürzenberger ist ein wichtiger Teil davon: Während Herre im Hintergrund die logistischen Fäden zieht und Mannheimer den ideologischen Überbau liefert, ist das ehemalige CSU-Mitglied der Mann für die Außendarstellung. Bis 2004 war er Pressesprecher der Strauß-Tochter Monika Hohlmeier, Ende Mai dieses Jahres ist er aus der CSU ausgetreten, weil er sich "angefeindet" fühlte: "In der CSU wurde ich mundtot gemacht. Ein Parteifreund hat mir gesagt, dass ohne die Stimmen der Muslime keine Wahlen zu gewinnen seien", sagt Stürzenberger und schüttelt den Kopf.

Hetzjagd auf Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy

Was geschieht, wenn man ins Visier der islamophoben PI-Anhänger gerät, musste vor zwei Jahren der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy erfahren. Sein Fall zeigt, wie bei PI der Mechanismus aus Stichworten in den Artikeln und Hetze in den Kommentaren funktioniert.

Edathy hatte im Frühjahr 2009 gefordert, an deutschen Schulen zu lehren, dass Islam und Menschenrechte vereinbar seien. PI sprang sofort an: Da der Islam im Weltbild der Kulturkämpfer pauschal für "Hinrichtungen von Ungläubigen und Homosexuellen" steht, schloss der Autor, Edathy halte diese Hinrichtungen für mit den Menschenrechten vereinbar. Eine polemische Anmerkung, aber keine strafbare.

Ein paar Einträge weiter sah es schon anders aus: Ein PI-Kommentator namens "germantempler" rief zum Mord an dem SPD-Mann auf: "Okay, recht hat er, fangen wir gleich mit ihm an: Nur ein toter Edathy ist ein guter Edathy." Das BKA bekam davon Kenntnis und informierte Edathy, der Anzeige erstattete. Die Ermittlungen verliefen sich, die Spur führte in die USA.

Deutschland führend in Islamablehnung

Edathy, Sohn eines Inders und einer Deutschen und gläubiger Protestant, war schon zuvor auf PI beschimpft worden. Der User saustalld hatte ihn als "linksfaschistisches indisches Halbblut" verunglimpft. Auch damals erstattete der SPD-Abgeordnete Anzeige. Auch damals ohne Erfolg. Im Juni 2010 wendete sich Edathy an den damaligen Innenminister Thomas de Maizière. Er forderte, die Aktivitäten auf PI "durch das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachten zu lassen", weil "pauschale Verunglimpfungen des Islam (...) geeignet sind, den inneren Frieden in unserem Land zu stören".

Zwei Monate später, im August 2010, antwortete de Maizière: "Die allgemein zugängliche Internetseite 'Politically Incorrect`" werde "durch das Bundesamt für Verfassungsschutz regelmäßig gesichtet und (...) überprüft. Danach bewegt sich die Mehrzahl der (...) eingestellten Beiträge weiterhin im Bereich der Islamkritik und nicht im Bereich extremistischer Islamfeindlichkeit." Ein Sieg für Herre und seine Mitstreiter, die diese Einschätzung seither wie einen Schutzschild vor sich her tragen.

Der Erfolg von PI oder auch der Bestseller von Thilo Sarrazin zeigen, wie evident die Angst vor Muslimen in Deutschland ist. Dass sie immer wieder auch in Ablehnung und Hass umschlagen kann, belegt eine Studie der Universität Münster aus dem Jahr 2010: Die Deutschen sind Spitzenreiter in Westeuropa, was die Ablehnung des Islam angeht. Manfred Murck, Präsident des Hamburger Verfassungsschutzes, sagt, hinter dieser Haltung stehe schlicht Ausländerfeindlichkeit: "Der Islam ist zum negativen Symbol geworden. Dabei geht es weniger um Religion als um Fremdenfeindlichkeit."

Moritz Baumstieger, Florian Skrabal, Johannes Gunst, Andrea Röpke, Felix Hutt, Nina Plonka, Oliver Schröm, Anton Maegerle

Dieser Text stammt aus dem stern 32/2011

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