Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

16. April 2012, 11:11 Uhr

Wer steckt hinter "Politically Incorrect", dem Blog der deutschen Islamhasser? Der stern traf die Macher des Hetzwerks, die sich von den Anschlägen in Norwegen recht unbeeindruckt zeigen.

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"Ich bin doch nur ein Blogger": Stefan Herre, der als Beruf "Sportlehrer" angibt©

Das Sprachrohr der deutschen Islamhasser sieht aus, als würde es gleich ein paar Surfstunden draußen auf dem Lago Maggiore geben: schwarze Sonnenbrille, rotes Poloshirt, Bermudas, lässige Sandalen. Stefan Herre ist durchtrainiert und braun gebrannt, eigentlich ein Sonnyboy. Er duzt sein Gegenüber in weichem Kölsch, doch irgendwann sagt er, dass er nicht möchte, dass der Ort verraten wird, an dem man sich trifft. Er habe schon wieder Morddrohungen erhalten, im Grunde müsse er Personenschutz bekommen. Ob er denn schon bei der Polizei gewesen sei? Ja, nee, noch nicht.

Stefan Herre, 45, sagt, seit den Anschlägen in Norwegen sei er ein gefragter Mann. So viele Journalisten wollten mit ihm reden, die Magazine, die Zeitungen. "Dabei bin ich doch bloß ein kleiner Blogger", sagt er.

Tatsächlich will man reden mit dem Mann, der ideologisch nicht so weit entfernt zu sein scheint von Anders Behring Breivik, dem Mörder von Oslo und Utøya. Tatsächlich hat man Fragen zu Herres Weblog "Politically Incorrect", dem Internet-Stammtisch für Islamhasser, den Herre im November 2004 gegründet hat und der sich mit über 40 Millionen Besuchern brüstet.

Gegen Türkei, Euro und Islam

PI, wie die Seite in der Szene bündig genannt wird, gilt als einer der erfolgreichsten politischen Blogs in Deutschland. In der nüchternen Anmutung einer Nachrichtenseite toben sich hier Autoren aus, die glauben, sonst nicht zu Wort kommen zu dürfen. Es geht um die EU-Mitgliedschaft der Türkei (man ist dagegen), um den Euro (man ist dagegen), vor allem aber um den Islam (man ist sehr dagegen).

Solche Plattformen schaffen den Raum, in dem dem Wahnsinn keine Grenzen mehr gesetzt werden. Früher, im Freundeskreis, bei Bier oder Wein, konnten sich Vernünftige und Verrückte, Aufgeklärte und Hardliner streiten, bis die Stimmung kippte. Spätestens dann mahnte einer, man solle doch die Kirche im Dorf lassen - und schenkte noch einmal nach. Das ist vorbei. Heute bleiben die Verrückten und Hardliner unter sich, man trifft sich im Internet, in Foren, Kommentarspalten und eben auf Blogs wie PI. Man bestärkt sich gegenseitig, klopft sich ideologisch auf die Schulter und ist stolz, zu denen zu gehören, die sagen, was viele nur dächten - und schon längst nicht mehr zu äußern wagten.

Niemand hat geahnt, wie gefährlich solche Seiten werden können. Niemand hat gedacht, dass sie tatsächlich von irgendjemandem so ernst genommen werden könnten, dass er zur Tat schreitet. Doch Anders Breivik hat bewiesen, dass das Netz sehr wohl ein Hirn verdrehen kann.

Mord aus Furcht vor virtueller Welt

In einem 1500 Seiten dicken Manifest offenbarte er, dass ihn der Hass auf den "Kulturmarxismus der Linken" und auf den Islam zu seiner Tat motiviert hätten. "Was er schreibt, sind größtenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten", heißt es nun nachdenklich auf PI.

Seit dem 22. Juli, dem Tag der Anschläge in Norwegen, ist die Typologie des Terrors um einen Täter ergänzt worden, den niemand so hat kommen sehen: Im Internet hat sich Anders Behring Breivik eine Welt zusammengebaut, die für ihn offenbar schlüssig zusammenpasste, auch wenn sie nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun hat. Eine Welt, in der Muslime einem Masterplan folgend immer mehr Kinder bekommen, um in Europa zur Mehrheit zu werden, still geduldet von linken, sozialdemokratischen Feiglingen und schweigenden Medien, die allesamt der arabischen Flut nichts entgegenzusetzen hätten. Es gibt keine Untersuchung, die auch nur annähernd solche Ideen untermauern würde. Aber die Vorstellung allein war so stark, dass sich Breivik bedroht fühlte. Dass er zum Mörder wurde.

Stefan Herre sagt: "Ich will nicht, dass meine Kinder später mit dem Kopftuch rumlaufen müssen." Auch er kenne keine Statistik, die seine Furcht stützt, "aber da muss ich doch in Köln nur vor die Tür gehen". Und außerdem, "der Sarrazin" habe das doch auch geschrieben.

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