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1. Juli 2011, 22:30 Uhr

Der unzeitgemäß Zeitgemäße

Ein eigentümlicher Gegensatz zeichnet das Nachleben von Ernest Hemingway aus: Während sein Einfluss auf die gegenwärtige Literatur größer ist denn je, will der Mensch nicht mehr in unsere Zeit passen. Betrachtungen zu seinem 50. Todestag. Von Carsten Heidböhmer

Ernest Hemingway, Hemingway, 50. Todestag

Starb vor 50 Jahren: Ernest Hemingway© Picture Alliance

Ein Mann der in Kriege zieht, auf Großwildjagd geht, vom Stierkampf schwärmt, in Macho-Manier Frauen vernascht, säuft und mit all dem noch prahlt - so jemand ist eigentlich nicht mehr vermittelbar. So verwundert es nicht, dass der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway 50 Jahre nach seinem Tod denkbar unzeitgemäß erscheint. Denn auch sein Werk erzählt genau davon: Männer, die das Abenteuer suchen, im Krieg, auf der Jagd, beim Hochseefischen - und dabei immer wieder dem Tod ins Auge sehen.

Gleichzeitig - und das ist das Interessante an Hemingway - ist sein Einfluss auf heutige Schriftstellergeneration größer denn je. Insbesondere die deutsche Literatur hat dem Amerikaner viel zu verdanken. Für den Schriftsteller Michael Kleeberg, selbst von Hemingway geprägt, gibt es "kaum einen zweiten Schriftsteller, der in der ersten Zeit des Neubeginns der westdeutschen Literatur einen solchen Einfluss auf seine Kollegen ausübte", wie er in der "Süddeutschen Zeitung" schrieb.

Schriftsteller wie Heinrich Böll, Siegfried Lenz oder Alfred Andersch kopierten und plagiierten gerade in ihrer Anfangsphase nach '45 das Hemingway'sche Frühwerk. Das schien für den Neuanfang aus zwei Gründen geeignet. Zum einen war da ein Autor, der vom Krieg erzählte - der prägenden Erfahrung dieser jungen Generation. Das tat er aber ganz anders als dies in der unter den Nationalsozialisten geduldeten Heldenprosa geschah.

Lakonischer, schnörkelloser Stil

Hemingway schrieb klar und nüchtern, ohne jedes Pathos. Er verwendete kurze, knappe Hauptsätze, mit starken Verben und wenigen Adjektiven. Es ist ein lakonischer, schnörkelloser Stil, frei von sentimentalen Tönen. Schon 1931 gab der deutsche Schriftsteller Hans Fallada eine hellsichtige Beschreibung Hemingways Kunst: "Erzählen ist Weglassen. (...) Weglassen aller Gefühle, es gibt keinen Autor: Und aus all dem steigt Traurigkeit auf, die Verlorenheit im Leben, unsere Ziellosigkeit, Ausgeliefertsein an das Schicksal. (...) Er zeichnet nur ein paar Striche, gerade die Striche, die notwendig sind für die Kontur. Das andere überlässt er seinen Lesern.“

1954 bekam Hemingway den Literatur-Nobelpreis für "Der alte Mann und das Meer" verliehen. Bei seiner Dankesrede fand er ein eigenes Bild für seinen Stil: "Ich versuche immer nach dem Prinzip des Eisbergs zu schreiben. Sieben Achtel davon liegen unter Wasser, nur ein Achtel ist sichtbar. Alles, was man eliminiert, macht den Eisberg nur noch stärker. Es liegt alles an dem Teil, der unsichtbar bleibt. Wenn ein Schriftsteller etwas auslässt, weil er etwas nicht weiß, dann ist ein Loch in der Geschichte."

Das war das Besondere seiner Bücher: Hemingway strich jedes überflüssige Wort, war immer auf der Suche nach dem "wahren Satz". Damit entschlackte er die Sprache, die gerade in Deutschland durch die zwölf Hitler-Jahre Pathos-beladen war.

Der Realismus der Hemingway-Carver-Schule

Kleeberg zufolge kam "Hemingways Siegeszug durch die deutsche Literatur" Ende der 60er Jahre zum Erliegen, doch gegenwärtig ist er hierzulande präsenter denn je. Vor allem über das 1995 wieder gegründete Deutsche Literaturinstitut Leipzig wird sein Erbe weitergegeben. Die dort ausgebildeten Schriftsteller wie Clemens Meyer, Saša Stanišić oder Juli Zeh prägen die junge deutsche Literatengeneration maßgeblich. Das an der Schule vorherrschende Dogma beschreibt Daniel Kehlmann in seinen Poetikvorlesungen als "das knapp minimalistische Erzählen, den Realismus der Hemingway-Carver-Schule". Namentlich Clemens Meyer, der 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, beruft sich explizit auf Hemingway. In einem Interview sagte er: "Regelrecht beeinflusst hat mich Ernest Hemingway mit seinen Kurzgeschichten und Prosastücken, wie sie stilistisch filigraner nicht sein könnten."

Dass Hemingway zu verschiedenen Zeiten eine solche Bedeutung gewinnen konnte hat sicher viel mit den prägenden Jahren zu tun, in denen der Journalist das Schriftstellerhandwerk lerne: Seinen Schliff holte er sich Mitte der 20er Jahre in Paris, wo er in Künstlerkreisen mit F. Scott Fitzgerald, Gertrude Stein und Ezra Pound verkehrte. Sein 1927 veröffentlichter Roman "Fiesta" machte ihn schlagartig berühmt - er galt fortan als "Sprecher der verlorenen Generation", jener jungen Männer, die mit zerstörten Illusionen aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt waren. Sein lakonischer Stil transportierte genau diese Weltanschauung. Das war auch der Grund, warum er in Deutschland nach '45 so einschlug. Und weshalb sich sein "Sound" auch für die junge Generation des 21. Jahrhunderts eignet, die nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und dem Bankrott des Kapitalismus ebenfalls Probleme hat, an etwas zu glauben.

Und so ist der Hemingway-Stil auch in seinem Heimatland nach wie vor sehr einflussreich - über dessen Epigonen Raymond Carver, Kehlmann zufolge ein Erbe Hemingways, "der dessen Technik aus dem Urwald und dem Krieg holte und heimbrachte ins Privatleben der Vorstädte". Auf diese Weise adaptierte Carver Hemingways Diktion in die Gegenwart. Wie erfolgreich Carver damit war, lässt sich daran ablesen, dass die "FAZ" ihn vor wenigen Jahren "einen der wichtigsten und einflussreichsten Autoren der amerikanischen Literatur der letzten fünfundzwanzig Jahre" nannte, die "Süddeutsche Zeitung" bezeichnete ihn als "Schriftsteller mit dem größten Einfluss auf die amerikanische Gegenwartsliteratur".

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