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22. August 2008, 14:11 Uhr

Sarkozy und seine Strippenzieher

Die Guillotine ist tot, es lebe Sarkozy! Der französische Präsident lässt die Köpfe kritischer Journalisten rollen, wie es ihm gefällt. Die "Berlusconisierung" Frankreichs enthüllt Alain Genestar, ehemaliger Chefredakteur der Zeitschrift "Paris Match", in einem Buch. Von Helge Hopp

Egal, ob es um sein Privatleben geht oder die Inszenierung in den Medien - Nicolas Sarkozy hat die französische Presse gut im Griff© Thibault Camus/AP

So einen prächtigen Kotau hatte die Republik lange nicht erlebt. Pünktlich zum Nationalfeiertag am 14. Juli zeigte Paris Match, das Zentralorgan des gehobenen Klatsches, nicht nur ein strahlendes Präsidentenpaar auf dem Titel, sondern spendierte Nicolas Sarkozy und Carla Bruni eine auf 25 Seiten angeschwollene Eloge im Inneren des Blattes, die den Präsidenten als unermüdlichen Weltenretter feierte. Wer an eine vom Élysée-Palast in Auftrag gegebene Werbebroschüre dachte, lag nicht ganz falsch. Denn Paris Match-Besitzer Arnaud Lagardère von der Hachette-Gruppe zählt zu den Medienunternehmern, die zum engen Freundeskreis des Präsidenten gehören, ihn vor kritischer Berichterstattung schützen.

Gerade Lagardère, so die Auffassung des Präsidenten, hatte einiges wiedergutzumachen. War es doch im August 2005 Paris Match, das die damalige Sarkozy-Gattin Cécilia mit ihrer Affäre (und heutigem Mann) Richard Attias auf dem Titel zeigte: turtelnd in New York. Der damalige Chefredakteur, Alain Genestar, der Sarkozy bereits bei anderen Gelegenheiten als "unbeherrschten und vulgären Besserwisser" erlebt hatte, "ein schlecht erzogenes, tobendes Kind, sobald es nicht seinen Willen bekommt", erfuhr die geballte Wut des düpierten Ehemanns.

Rauswurf im Namen des Präsidenten

In seinem Buch "Expulsion" (etwa: Rausschmiss) schildert Genestar jetzt minutiös die Konfrontation. Sarkozy brüllte ihn, der mit der Veröffentlichung der Bilder der Sunday Times knapp zuvorkam ("Sonst hätte man mich gegrillt"), einige Tage später am Telefon an und bedrohte den Journalisten. Im September brüstete sich Sarkozy vor anderen Journalisten bereits, "diese Sache mit Genestar" sei rasch "erledigt", er habe "seinen Kopf bekommen". Im Dezember 2005, bei einem von Genestar erbetenen Treffen unter vier Augen, als der Chefredakteur noch an eine Rückkehr zu normalen Beziehungen glaubte, beschimpfte Sarkozy den "Gegner" erneut als Teil eines Komplotts, das er mit anderen "armen Idioten" geschmiedet habe. Im Juni 2006 schließlich flog Genestar raus - nur eine einzige Zeitung griff die offensichtliche Rolle Sarkozys bei dieser Entlassung kommentierend auf. Dass Lagardère so lange gebraucht hatte, um Genestar, der sich jeder freundlichen Abschiebung widersetzte, endlich loszuwerden, ließ ihn in der Rangliste der Sarkozy-Günstlinge zurückfallen.

Selbstzensur, Spott und Speck-Retusche

Wer von den Pressezaren zulässt, dass wenig wohlwollend über den Polit-Rabauken geschrieben wird, gilt vorläufig als "Verräter". Dabei ist der freundschaftliche Druck oft stärker als der politische oder ökonomische - die Selbstzensur pflanzt sich nach unten durch, bis in die letzte Redaktionsstube. Der Fall Genestar dient als warnendes Exempel: So kann es dir ergehen, wenn du nicht spurst. Sarkozy vergisst nicht - und ist lange beleidigt: Als Einziger aus der Tycoon-Runde wird Lagardère, dem rund 50 Magazine und zwei Radiosender unterstehen, nach dem Sieg bei der Präsidentschaftswahl am 6. Mai 2007 nicht zum Abendessen ins Fouquet's geladen. Das zeigt Wirkung: Seitdem liefern seine Blätter, Paris Match an vorderster PR-Front, reine Hofberichterstattung. Peinlich wurde alles Bemühen, als man die präsidialen Speckröllchen auf einem Urlaubsfoto wegretuschierte - die digitale Schönheitsoperation flog auf und sorgte für anhaltenden Spott.

Zu den Gästen des von Cécilia arrangierten Diners zählten indes jene Herren, die Nicolas Sarkozy zum Großteil schon seit den 80er-Jahren kennt, als er junger Bürgermeister des Nobelvororts Neuilly war. Der Industrielle Martin Bouygues, heute unter anderem Herrscher über den größten TV-Sender TF1, 1996 Trauzeuge bei der Hochzeit mit Cécilia und Pate eines Sarkozy-Sohnes, wohnte damals in Neuilly und fand Gefallen am forschen Aufsteiger.

Der andere Trauzeuge war Bernard Arnault, der reichste Mann Frankreichs, dem nicht bloß der Luxusgüterkonzern LVMH untersteht, sondern auch wichtige Wirtschaftsmagazine. Auch Serge Dassault, Besitzer eines Rüstungs- und Luftfahrtkonzerns, nebenbei Eigner von "Le Figaro" und "L'Express", gehört zu den amis de Nicolas, seitdem ihn Sarkozy als Anwalt vertrat; dazu kommt Vincent Bolloré, der Gratisblätter herausgibt und den TV-Sender Direct 8 besitzt. Der gefürchtete Investor geriet noch kurz vor Sarkozys Amtsantritt als Präsident in die Schlagzeilen, denn den dreitägigen Urlaub nach der Wahl verbrachte Sarkozy als Bollorés Gast auf dessen Jacht "Paloma" vor Malta. An solch geballter Nähe zu den Mediengiganten des Landes kann Sarkozy kein Problem erkennen: "Ich liebe das Geld", erklärte der Staatschef, "ich habe viele reiche Freunde, und ich habe keine Probleme, mich dazu zu bekennen."

Zweifelhafte Medienpolitik: verführen oder vernichten!

Im Weltbild des stets strikt bipolar denkenden Sarkozy ist kein Platz für Pluralismus. Wer nicht für ihn ist, gehört zu den Bösen. So herrschte er Edouard de Rothschild, Eigentümer der moderat linken Tageszeitung "Libération", öffentlich als "Arschloch" an und ließ sich auch sonst nicht bremsen: "Du hast eine Scheißzeitung, von Scheißkerlen gemacht - und du bist auch nichts weiter als bloß Scheiße." Neben "Libération" sind es nur noch die traditionsreichen Satirezeitungen "Le Canard enchaîné" (die gerade aufdeckte, wie der Direktor des Radiosenders France Inter als "Gegenleistung" für seine Vertragsverlängerung eine verschleierte Kampagne für Carla Brunis Album anbot) und "Charlie Hebdo", die dem Druck widerstehen; "Le Nouvel Observateur" und "Le Point" schwanken.

Gefunden in...

Gefunden in... ...der Zeitschrift Park Avenue. Titelthema in der aktuellen Ausgabe (Heft 9): Queen Kate. Wie das bürgerliche Mädchen Kate Middleton zur Hoffnungsträgerin der britischen Monarchie wird.

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KOMMENTARE (10 von 12)
 
mupfeline (23.08.2008, 13:36 Uhr)
Vielleicht sollten die Verfasser des Artikels
bevor sie über das Nachbarland schreiben, erst einmal in Deutschland ein wenig recherchieren. Frau Merkel erhält eine regelrechte Hofberichterstattung. Warum wohl? Damit wir nicht merken dass die Reisetante sich mehr in der Welt herumdrückt als im eigenen Land und die Scheckbuchdiplomatie zur Vollendung gebracht hat. Kümmert euch nicht um die Franzosen sondern um die deutsche Reisetante - da habt ihr genug zu tun!
Sternobyl (23.08.2008, 12:20 Uhr)
Hallo ritchie
Ich dachte der Artikel schreibt über journalistische Selbstzensur und dass dafür gar nicht immer und in allen Fällen Zwangsmaßnahmen von oben notwendig sind.
ritchie (23.08.2008, 12:01 Uhr)
Leute, bleibt doch mal beim Thema!
Manche scheinen keinen Friseur zu haben, den sie mit ihrem Wust von Themen eins überbraten können. Es geht um FRANKREICH und das Journalistenkillen durch Sarkozy. Nicht um Schröder oder dessen Haarfarbe.
Sternobyl (23.08.2008, 10:57 Uhr)
Vergleicht man mal, ...
... wie unsere Medien mit Schröder umgegangen sind und wie sie mit Merkel umgehen, hat bei uns die Berlusconisierung schon lange stattgefunden.
Für die sich selbstzensierenden Journalisten ist es aber sicher leichter ,über die Zustände im Nachbarland zu reflektieren, als über die im eigenen. Und irgendwie, werde ich das Gefühl nicht los, dass in uns allen auch ein kleiner (oder größerer) Hanswurst steckt, der sich nach starken Anführern sehnt, die ihn beschützen und alles zum Guten wenden.
Der kleine (oder größere) Hanswurst in uns führt dann beispielsweise dazu, dass einmal die Nation ein Viertel Jahr damit beschäftigt ist, über die mutmaßlich gefärbten Haare ihres sozialdemokratischen Anführers zu tratschen und das andere Mal verleitet er die Presse, größtenteils einhellig zur Meinung, dass das Dekolletee ruhig groß sein darf, wenn es denn gar so ansehnlich ist ...
Hier halte ich inne, weil der Text zur Veröffentlichung zu geschmäcklerisch würde, und über den kleinen (oder größeren) Hanswurst ist soweit eh alles notwendige gesagt.
Caracalla (22.08.2008, 23:26 Uhr)
Ist in Deutschland nicht anders...
oder haben sie Kritik in den großen Medien über Merkel gelesen? Bei uns herrscht auch Selbstzensur, auch hier stehen Journalisten und Redakteure unter Druck ja das richtige zu schreiben.
Spiegel/Springer überbieten sich doch dabei Merkel im guten Licht erscheinen zu lassen. Unbequeme Fragen sind tabu. Bevor wir also die Verhältnisse in den Medien bei unseren Nachbarländern aufgreifen sollten wir lieber ein Blick auf uns werfen.
lamhar52 (22.08.2008, 20:52 Uhr)
Filmreiffe Posse
Kurz gesagt: Der Gendarm, nicht von SanTropez, sondern von Paris. Die Reinkarnation eines Louis de Funes...irgendwie auch im Aussehen.
lazarus06 (22.08.2008, 20:12 Uhr)
Und nun sollen wir glauben;
in Deutschlnd ist die Berichterstattung seriös und unbeeinflust...gewissenhaft recherchiert ??? Die Reporter soweit noch vorhanden dürfen Fragen was sie wollen ? LÄCHERLICH !!!!
hei_zen (22.08.2008, 17:44 Uhr)
Frankreich
... wird bald gelangweilt sein von diesem Boulevard-Präsidenten und seiner billigen Zirkusshow.
Nicht zu vergessen seine ganz eigene Auslegung des präsidialen Regierungssystems.
@chaos1234
Solche intellektuell erbärmlichen Kommentare hätte ich vlt. in der Bild-Zeitung erwartet, aber hier auf Stern.de?
Aus welche Provinz muss man kommen, dass man die letzten 60 Jahre derart verschlafen kann?
Echt peinlich für unser Land sowas.
disti (22.08.2008, 17:16 Uhr)
Vive la France !
@chaos1234
Das wunderschöne Land Frankreich mit seinen sympathischen Menschen, welche die schönste Sprache der Welt sprechen, wird diesen Sarkozy überleben und auch den hässlichen Deutschen. Was der in den letzten 100 Jahren "gerissen" hat weiss man ja.
FredericF. (22.08.2008, 17:05 Uhr)
Nur mal zur Erinnerung:
Vom präsidentiellen Regierungssystem lässt sich das semipräsidentielle Regierungssystem abgrenzen. Im Unterschied zum Präsidentialismus gibt es im Semipräsidentialismus neben dem Präsidenten noch einen Regierungschef, der durch das Parlament abberufbar ist. Beispiele für diese Regierungsform sind Frankreich und Finnland.
Beispiele präsidentieller Regierungssysteme sind die USA und de facto fast alle Staaten Lateinamerikas.
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