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20. Februar 2010, 10:07 Uhr

Kindergeburtstag im Raubtierkäfig

Die umstrittene Autorin Helene Hegemann feierte am Freitag in einem Berliner Club ihren 18. Geburtstag. Allerdings nicht im Kreise ihrer Freunde. Lieber las sie vor rund 1000 Gästen aus ihrem Buch "Axolotl Roadkill". Es war der traurige Abend einer zu früh Gereiften. Von Carsten Heidböhmer

Helene Hegemann, Axolotl Roadkill, Ullstein Verlag, Hegemann, 18. Geburstag, Tresor

Da hatte das Tier mal kurz den Käfig verlassen: Helene Hegemann liest aus ihrem Bestseller "Axolotl Roadkill"© Rainer Jensen/DPA

Das am Eingang des Berliner Techno-Clubs "Tresor" befestigte Schild sagt klar, wer hier willkommen ist, und wer nicht. "Liebe Gäste", heißt es da, "wir bitten um Verständnis, dass nur Personen über 18 Jahren Einlass bekommen". Und Helene Hegemann ist volljährig. Endlich. Nie wieder wird sie das 17-jährige Wunderkind sein, das den Kulturbetrieb in Verzückung versetzt. Hegemann ist jetzt erwachsen. Und darf jetzt auch in Clubs wie den "Tresor" gehen.

Jeder andere hätte diesen Anlass genutzt, um mit seinen Freunden tüchtig zu feiern. Nicht so Hegemann. Sie verbringt den Abend lieber mit etwa 1000, ihr zumeist völlig unbekannten Menschen auf dem "Book Release" für ihren Roman "Axolotl Roadkill". Wenn einen der Kulturbetrieb vereinnahmt hat, dann ersetzen eben wildfremde Medienvertreter Freunde und Familie.

Um die fehlende Nestwärme herzustellen, ist die ganze Veranstaltung aufgezogen wie ein Kindergeburtstag. Am Eingang gibt es Zuckerwatte, überall im Raum hängen bunte Luftballons, und es gibt lustige Hüpfbälle. Auch Geburtstagskuchen wird serviert.

Wie ein wildes Tier

Es ist wie ein Kindergeburtstag im Zoo. Das Geburtstagskind des Abends lümmelt sich hinter dem Gitter, wo sich sonst nur der DJ aufhält. Durch die Gitterstäbe kann man sie sehen, wie sie mit ein paar Freundinnen quatscht, währenddessen kreist eine selbstgedrehte Zigarettentüte. Hegemann stellt sich aus wie ein wildes Tier. Schon Frank Wedekind wählt in der "Büchse der Pandora" die Analogie des wilden Tiers, um die Lulu zu beschreiben. Jene Frau, der die Männerwelt reihenweise verfällt. Das passt: Denn ist nicht das gesamte deutsche Feuilleton in ähnlicher Weise vor Hegemann in die Knie gegangen?

Nur einmal verlässt das Tier seinen Käfig. Für eine kurze Leseviertelstunde. Zuvor hält jedoch Ullstein-Geschäftsführerin Siv Bublitz eine belehrende Einführung über das Urheberrecht. Sie spielt die ganze Debatte um die geklauten Passagen herunter. Dass der Verlag nun sämtliche Zitate in der vierten Auflage auflistet, geschehe freiwillig, man müsse das eigentlich gar nicht tun. Zum Schluss fordert sie, man möge doch endlich wieder über das Buch reden. Das alles erinnert stark an die strenge Mutter, die auf einem Kindergeburtstag ein hartes Regiment führt, damit die Feier nicht aus dem Ruder läuft ("Wer rumsaut fliegt raus", "Beim Topfschlagen nicht schummeln").

Die Autorin schweigt zur Plagiatsdebatte

Helene Hegemann verkniff sich jede Bemerkung zur Urheberrechtsdiskussion und las mit ihrer Freundin Laura ein paar Sätze aus dem Bestseller vor. Hier kam das Buch nach Wochen der feuilletonistischen Debatten endlich zu sich selbst: Von zwei Mädchen holprig und auf erfrischend unprofessionelle Weise vorgelesen, wirkt der Text nicht mehr als die literarische Sensation des Jahres. Sondern als literarischer Erguss eines 17-jährigen Mädchens. Eines talentierten Mädchens, ohne Frage. Aber eben doch einer Jungautorin, die (noch) nicht in der Lage ist, die Last der literarischen Tradition von Thomas Mann über Günter Grass bis zu Rainald Goetz weiterzutragen.

Vielleicht war die ganze Kindergeburtstags-Inszenierung nötig, um diese Dinge geradezurücken. Und vielleicht feiert Helene Hegemann ihren nächsten Geburtstag dann in anderem Rahmen: ohne Käfig, ohne wildfremde Medienarbeiter, ohne frustrierte Eingeladene, die vor der Tür stehen und keinen Einlass bekommen. Dafür mit geliebten Menschen.

Von Carsten Heidböhmer
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
LunaB (22.02.2010, 09:14 Uhr)
Lächerliches Geschreibsel
Ich habe am Wochenende mal reingelesen in dieses Buch. Schon lange habe ich nicht mehr so einen Müll vor die Augen bekommen. Einfach nur furchtbar!
Slartibartfast (21.02.2010, 12:33 Uhr)
Intertextualität?
Sechs Seiten nachgereichte Quellenangaben für einen Roman von 200 Seiten?
Selbst wenn die junge Dame es nicht gewusst haben sollte, dass man sich nicht einfach so schamlos beim geistigen Eigentum anderer bedienen darf - ihr Vater ist Profi in dem Geschäft, und der müsste es eigentlich wissen...
Und in jedem Standard-Vertrag muss der Autor gegenüber dem Verlag versichern, dass er an allen Teilen des Manuscripts auch die Urheberrechte besitzt.
Da hat Ullstein aber beide Äuglein zugedrückt - nun ja, bei Airen ist der Verlag ja auch günstig davongekommen und der Titel versprich ob des Skandals einiges abzuwerfen...
laketahoe (21.02.2010, 09:33 Uhr)
Berufsdarsteller nun auch als Lektoren unterwegs
Wer bei einem guten Verlag dafür verantwortlich ist, die Spreu vom Weizen zu trennen und dieser Göre abnimmt, dass Sie das selbst geschrieben hat, der ist für mich ein Berufsdarsteller, der seinen Beruf wahrscheinlich nicht beherrscht.

Man merkt das sofort, dass hier Versatzstücke verschiedener Quellen verwurstet wurden.

Da kann man gleich gute unbekannte Autoren die Bücher schreiben lassen und dann irgendwelchen Models, Schauspielern oder anderen telegenen und schillernden Persönlichkeiten zur besseren Vermarktung zuschreiben.
Dewerth (21.02.2010, 06:29 Uhr)
Da schreibt der Herr Heidböhmer:
?Von zwei Mädchen holprig und auf erfrischend unprofessionelle Weise vorgelesen"
Mit anderen Worten: Lesen kann se ooch nich.
Klendathu (20.02.2010, 12:31 Uhr)
Nicht nur das Buch, die ganze Story ist doch fake
Wenn man sich die Protagonisten und den Handlungsstrang in den Medien näher betrachtet, so stellt man fest, dass diese ganze Geschichte der TV Serie Californication bis fast in jedes Detail entspricht.

Ich kann diesen "Skandal" schon lange nichts mehr abgewinnen und halte das langsam für eine riesige Posse aus viralem Marketing.

Eines dürfte klar sein, mit Skandal verkaufen alle Beteiligten jetzt mehr Bücher, wie sie das sonst jemals getan hätten. In spätestens 2 Jahren machen Patrick Süsskind und Helmut Dietl dann einen Film daraus, der mit allen Seiten zynisch abrechnet.
LarryFortensky (20.02.2010, 12:25 Uhr)
Des Königs neues Buch...
...das hat sich das deutsche Feuilleton da geleistet. Denn das Buch ist, kurz gesagt, schlicht unlesbar! Aber je unlesbarer, desto eher schreien die Intellektuellen "Hurra!". Die Plagiatsvorwürfe, gerechtfertigt oder nicht, befeuern unnötig den ganzen Hype. Wann meldet sich eigentlich Reich-Ranitzki endlich mal zu Wort?
dido09 (20.02.2010, 11:55 Uhr)
Mit welchen Freunden?
Sie hat doch keine Freunde, die mit ihr feiern würden, also ist ihr alles recht, was Aufmerksamkeit bringt. 42 mal abgeschrieben - zum Buchpreis nominiert.
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