Das Angebot an Neuerscheinungen auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war wieder riesig. Was aber lohnt sich wirklich zu lesen? Das Kultur-Ressort des stern stellt seine Favoriten unter den neuen Romanen und Sachbüchern vor.
Schon in Johnsons letzter
Kurzgeschichtensammlung
"Jesus' Son" fand sich alles,
was sein literarisches Genie
ausmacht: der tiefe Blues
der Außenseiter und die reine
Poesie, die tröstlich aus
all der Melancholie leuchtet.
Lange blieb Johnson ein
Geheimtipp. 2007 gewann er
dann endlich den National Book Award für diesen großen Vietnam-Roman. Während US -Soldaten
im Irak versandeten, schrieb er an seinem Epos über das amerikanische Urtrauma. CIA -Agent Skip
Sands wird auf geheime Mission in den Dschungel geschickt. Seine militärischen Operationen
entwickeln sich zu einer Initiationsreise durchs Herz der Apokalypse. Um ihn herum ein Platoon
von Nebenfiguren, von denen die Illusionen abfallen wie Blätter nach einer Agent-Orange-Attacke.
Ein Buch wie ein Dschungel, aus dem keiner so herauskommt, wie er hineingetreten ist.
Anne Enright
Übersetzung: Bettina
Abarbanell, Robin Detje,
Rowohlt, 880 S.,
24,90 Euro
Das Familientreffen, schon im wahren Leben ein heikles Ereignis, endet in der Literatur meist apokalyptisch. Hier auch:
Die Hegartys, eine in erster Linie durch Liebe zum Alkohol verbundene irische Familie, kommen zusammen, um die
Beerdigung ihres leicht aus der Art geschlagenen Angehörigen Liam vorzubereiten. Liam war bereits als Kind oft seltsam
bockig und ängstlich, nun hat er sich im Meer ertränkt. Und während der Rest der Familie den Selbstmord als Verzweiflungstat
eines Besoffenen wertet, will seine Schwester Veronica herausfinden, warum er es wirklich getan hat. Schicht für
Schicht bohrt sie sich durch bis zu den Erinnerungsbildern ihrer Kindheit und enthüllt, was sie damals nicht verstanden hat.
Keine ganz neue Geschichte, aber dank Enrights trocken-feinsinniger Sprache ein originelles und mitreißendes Buch.
Übersetzung: Hans-Christian Oeser, Deutsche Verlags-Anstalt, 350 S., 19,95 Euro
Der geschäftstüchtige und darum überaus
reiche Unternehmer Rubén Bertomeu ist einer
jener Baulöwen, die Spaniens Küsten flächendeckend
mit Ferienanlagen zubetonieren. Die
Ideale seiner Jugend hat er dem Profit geopfert,
Freunde und Familie verachten ihn dafür - leben
aber gleichzeitig von seinem Geld. Die andere
Seite verkörpert sein jüngerer Bruder Matías, ein
naturverbundener Ökobauer, mit dessen Tod
der Roman eröffnet. Rafael Chirbes malt nicht
schwarz-weiß, sondern entwirft vor dem Hintergrund
der Familiengeschichte ein multiperspektivisches
Bild der spanischen Gegenwart, in der sich
wiederum das durchkapitalisierte Europa spiegelt.
Das rigorose Streben nach Wohlstand und Wachstum
basiert auf Rücksichtslosigkeit: Landschaften
werden geplündert, Freunde geopfert, Utopien
belächelt. Im Krematorium des wild wuchernden
Konsums verbrennt der Humanismus - so der
düstere Blick auf unsere wohl nicht mehr ganz
so ferne Zukunft. Dass es Chirbes gelingt, diese
Geschichte ohne Thesenhaftigkeit und moralischen
Zeigefinger zu erzählen, macht den Roman
zu einem großen literarischen Kunstwerk.
Übersetzung:
Dagmar Ploetz,
Kunstmann,
428 S., 22 Euro
Balram Halwai war
Diener und ist Philosoph
und Mörder. Und er hat es geschafft: Der Sohn
eines Rikschafahrers aus dem ländlichen, düsteren
Indien hat sich zum Licht emporgearbeitet
und ist erfolgreicher Businessman geworden.
Halwai erzählt seine Lebensgeschichte in einem
langen Brief an den chinesischen Ministerpräsidenten.
Freie Unternehmer aller asiatischen
Boom-Nationen, vereinigt euch! So entsteht ein
satirisches Panorama der indischen Gesellschaft,
in der die soziale Kluft trotz Wirtschaftswunders
noch immer enorm ist. Immerhin ist die Gesellschaft
flexibler geworden: Gab es früher unzählige
Kasten, gibt es heute nur noch Arm und Reich.
Aber wer nur skrupellos genug ist, schafft es nach
ganz oben. Das literarische Debüt des ehemaligen
"Time"-Korrespondenten Adiga ist ein fulminanter
Schelmenroman über das neue Indien.
Übersetzung:
Ingo Herzke, C. H. Beck,
320 S., 19,90 Euro
Wer viel Geld hat, hat auch viele Sorgen, allen
voran jene, dieses Geld zu verlieren: Das zeigt die
gegenwärtige Finanzkrise, und das beschreibt -
mit gediegenem Witz - Fred Licht, Kurator der
Guggenheim-Sammlung in Venedig, der hier mit
80 Jahren sein Debüt als Romancier gibt. Geld
machen, Geld vermehren, Geld sparen, lauten die
Prinzipien eines weit verzweigten Familienclans,
in dem schon die Kinder mit den Grundregeln des
Erbschaftsrechts aufwachsen. Ich-Erzähler Harry,
geboren zwischen den Weltkriegen, erzogen
im Sinne der "Hausreligion" (die Familienbank),
lernt erst ein Leben jenseits dieser Werte kennen,
als er seine schillernde Cousine Renée in ihrer
Villa in Florenz besucht. Die eigenwillige Gesellschaftsdame
und Clan-Rebellin öffnet Portemonnaie
und Haus mit Vorliebe skurrilen Künstlern -
sie davon abzubringen, ist die geheime Mission
hinter Harrys Besuch. Ein Roman mit viel
Charme und tiefgründiger Unterhaltung.
Übersetzung:
Angela Praesent,
Eichborn,
452 S., 32 Euro
Meisterhafter Comic-Roman von
Krimi-Autorin Vargas und Ausnahme-
Illustrator Baudoin. Die Ganoven
Grégoire und Vincent haben kein Glück: Die Tasche, die sie einem älteren Herrn entreißen,
entpuppt sich als die Büchse der Pandora voller Zahnsplitter und Tierschädel. Kurz darauf findet
Grégoire Vincents rätselhaft verstümmelte Leiche. War der ältere Herr ein esoterischer Ritualmörder?
Selbst wer sich nicht sofort von Vargas‘ verschrobenen Figuren verzaubern lässt,
wird angesichts von Baudoins schwarzer Tusche-Magie schnell alle Widerstände aufgeben.
Übersetzung: Julia Schoch,
Aufbau Verlag, 224 S., 22,95 Euro
Langsam wird der Comic also endlich auch in Deutschland salonfähig.
In den vergangenen Jahren widmete der junge Autor von Steinaecker
der bislang nur mit Naserümpfen geduldeten Kunstgattung immer wieder
feinsinnige Analysen. In seinem neuen Roman setzt er die Theorie
nun in die Praxis um und verbindet seine Erzählung auf originelle Weise
mit den Comics der Zeichnerin Daniela Kohl. Jürgens Leben wird von
einer Familientragödie überschattet: Im Alter von sechs Jahren verschwand seine Schwester
Ulrike. Jahre nach diesem Schicksalsschlag meldet sich bei ihm eine Comic-Zeichnerin, die
Ulrikes Leben in ihren Werken fortgesponnen hat. Jürgen verliert sich immer mehr in den Zeichenwelten.
Ein überzeugendes Beispiel für das elegante Verschmelzen zweier Kunstformen.
Wenn einer es schafft, die angeödete Ironie-Fraktion der Hamburger
Flaschenbiertrinker zum Lachen zu bringen, muss er schon was draufhaben.
Heinz Strunk, "Kulturschaffender mit Schwerpunkt Humor",
schafft das seit mehr als zehn Jahren. Zunächst auf Kleinstbühnen beheimatet
(eine Existenz, die er in seinem Roman "Fleisch ist mein Gemüse"
verarbeitet hat), ist er nun das Idol einer Fangemeinde, zu deren Kennzeichen unter anderem
grunzende Laute aus dem Rachenbereich gehören. Das neue Buch lebt von Beobachtungen und
Sätzen, die einem Menschen ohne diese harte Biografie niemals einfallen würden.
Sechs Männer, ein Befehl: Als Aufklärer in einer
namenlosen afrikanischen Großstadt sollen die
US-Soldaten die Luftangriffe ihrer Armee steuern.
Die Aktion geht schief, zwei Kinder sterben,
der Army gelingt es nicht, die Soldaten aus der
Stadt zu holen. Auf sich allein gestellt, macht sich
die Gruppe auf den Weg. Zwei kommen durch.
Dazwischen liegt ein Höllentrip durch Hitze
und Monsun, geschildert ohne dramaturgischen
Zauber und psychologisierendes Beiwerk.
Ex-Soldat Matthew Eck findet in seinem Debüt
einfache Sätze für große Wahrheiten. Gut
und Böse, Moral und Mission sind überholte
Kategorien; auf allen Seiten sterben die
Menschen, die Sinnfrage wird nicht gestellt.
Ein unsentimentaler Blick auf das Bodenpersonal
der internationalen Krisen.
Übersetzung:
Bettina Abarbanell,
Tropen bei Klett Cotta,
188 S., 18,90 Euro
Dieses Buch ist ein Ding aus einer anderen
Welt, einer fernen Galaxie. Es schmeckt und
riecht seltsam, es spielt eine finstere Melodie.
Tonart: es-Moll. "Es war die erste Nacht ohne
das ferne Artilleriefeuer, es war die ganze
Nacht still", so fängt es an. Und der letzte Satz
geht so: "Er hing ein paar Tage, dann aßen
Hyänen seine Füße." Dazwischen entfaltet
Christian Kracht seine Vision einer kaputten,
zerbombten, wahnsinnigen Welt: die Schweiz
als sozialistisches Reich, seit 100 Jahren
im Krieg, Europa in Trümmern ... Zum Fürchten
ist das alles, aber auch zum Totlachen. Ein
einziger Satz von Kracht, diesem Literatur-
Extremisten und Radikal-Ästhetizisten, hat
mehr Kraft als die ganze verzagte deutsche
Gegenwartsliteratur mit ihrem faden Realismus.
Kracht schreibt das kristallklarste Deutsch
seit Gottfried Benn. Zum Glück hat er mehr
Humor als Benn.
Die Bombe, die im Büro seines
Kollegen hochgeht, ist tödlich. Der
Gedanke, der ihn dabei überkommt,
wird zum Fluch. "Ah, wie gut",
schießt es dem ältlichen Universitätsprofessor
Lee durch den Kopf, als im Nebenzimmer der von ihm verachtete Mitarbeiter
stirbt. Ein Gedanke, der ihn innerlich schuldig macht, während er von außen ins Visier genommen
wird: Lee, grummelig, unbeliebt und asiatischer Herkunft, verhält sich nicht so, wie man es von
einem "richtigen Amerikaner" erwartet - und wird zum Verdächtigen. Susan Chois Roman ist ein
hochspannender, subtil entwickelter Psychokrimi und gleichzeitig ein beklemmendes Porträt der
amerikanischen Gesellschaft nach dem 11. September 2001.
Übersetzung: Annette Hahn,
Aufbau Verlag,
480 S., 19,95 Euro
Nach all den politischen Debatten über das Erbe der 68er hier nun
ein sehr musikalischer Roman zum Thema. Eines Morgens wird in einem
Schwarzwaldtal der Tankstellenpächter Richard T. verhaftet und gerät
in die Mühlen der Justiz. Klingt nach Kafka, geht aber weiter wie Thomas
Bernhard. In ausufernden Selbstgesprächen rekapituliert der Gefangene
sein Aussteigerleben. Diese Suada eines Versagers ist in eine skizzierte
Krimihandlung eingebettet. Mit viel Gefühl für Rhythmus spürt der Musikwissenschaftler
Ott der Rhetorik des Scheiterns nach. Wenn alle Utopien dahin sind, kann nur noch meisterliches
Geschwafel Trost spenden. Solange uns eine solch brillante Sprache bleibt, soll ruhig alles
andere den Bach heruntergehen.
Sommer 1944, irgendwo in der schwäbischen Provinz: Täglich treffen
sich die fünf Jungs aus der Freibadclique zum Schwimmen. Sie sind
alle um die 15, schwärmen von Mädchen und Musik - doch der Krieg
drängt sich unaufhaltsam in ihr Leben. Sie müssen der Wehrmacht
beitreten und werden zum Dienst an den Westwall geschickt. Psychisch
und physisch zermürbt, kehren die Überlebenden der Clique ein Jahr später in ihren Heimatort
zurück und merken, welche Spuren der Krieg hinterlassen hat. Ein Roman über Freundschaft
und das Erwachsenwerden in einer zerrütteten Zeit. Unsentimental und leicht erzählt.
Der Ladenbesitzer
Paris Trout lebt nicht
schlecht von denen, die
man im Amerika der 1950er Jahre noch Nigger
nannte. Gewinnbringend gewährt er ihnen Kredit.
Doch in ihm schlummert reiner Rassenhass, der
nur auf eine Gelegenheit wartet, auszubrechen.
Beim Schuldeneintreiben erschießt er ein kleines
schwarzes Mädchen, ganz beiläufig, ohne bedroht
worden zu sein. Obwohl dieser Mord zu
Beginn des Romans stattfindet, bleibt das Buch
bis zur letzten Seite spannend. Atemlos verfolgt
man, mit welcher Selbstgerechtigkeit Trout seine
Tat rechtfertigt und wie bereitwillig ihm all die
ehrenwerten Bürger des Südstaatennests Cotton
Point folgen. Lakonisches Sittengemälde vom
letzten lebenden Großmeister des Roman noir.
Pete Dexter gelingt das Kunststück, seine Gesellschaftsstudie
in klassischer Hard-Boiled-Manier
zu erzählen, ohne dabei in das Cowboypathos
der coolen Nuschler zu verfallen.
Übersetzung: Jürgen
Bürger, Liebeskind,
415 S., 22 Euro
Über Schriftsteller in
der Schreibkrise möchten
wir eigentlich nichts
lesen. Schreibkrisenromane
versprechen wortreich kultivierte Langeweile.
Aber Hawk Browning ist kein Mann für
Langeweile. Als der inspirationslose Erfolgsautor
feststellt, dass Kultgegenstände aus seinen
Fantasy-Bestsellern in der Wirklichkeit wieder
auftauchen, glaubt er, seine Schreibblockade
überwinden zu können, indem er sich auf die Spur
dieser Gegenstände setzt. Er engagiert eine
Meisterspionin und einen Gentleman-Dieb, um
einen sagenhaften Schatz zu heben. Und schon
nimmt das rasante Abenteuer seinen Lauf. In
seinem Diebesroman erweist sich Kopetzky selbst
als Meister des Formenklaus: Sein Roman ist ein
raffiniertes Spiel mit den Mustern der Unterhaltungsliteratur
und eine Hommage an Genreklassiker
wie Maurice Leblanc, Erfinder von Arsène
Lupin. Solange Schriftsteller in der Schaffenskrise
weiterhin so elegante Abenteuer erleben dürfen,
lesen wir gern mehr von Schreibblockaden.
Für alle, die schon einmal ratlos vor der
Installation eines verrosteten Fahrradgerippes
standen, an dessen Lenker drei
nackte, zerschredderte Barbie-Puppen aufgehängt waren, schafft
diese Cartoon-Sammlung des französischen Starillustrators das
Rüstzeug für die nächste Vernissage. Wie der Mann mit bissiger
Detailversessenheit die exzentrische Welt der Performer, Galeristen
und Sammler als eitle Illusionisten-Show entlarvt, entschädigt
für alle erlittenen Demütigungen angesichts vermeintlich fehlenden
Sachverstands. Ein großes Vergnügen - und das ultimative
Buch gegen Schwellenangst beim Betreten von Kunsttempeln.
Übersetzung: Florian Grimm, Liebeskind,
94 S., 18,90 Euro
Das gab es so noch nie: Das künstlerische Schaffen der Menschheit, zusammengefasst
in einem Buch. In chronologischer Reihenfolge präsentiert
dieser Prachtband 1000 Artefakte verschiedener Länder, Kulturen und
Zivilisationen,
von den ersten Höhlenmalereien, die vor 30.000 Jahren
entstanden,
bis zur Konzeptkunst des 20. Jahrhunderts. Ein Meister-Werk.
Er rauchte Zigarren mit Nikita Chruschtschow und Willy Brandt, empfing Papst Johannes Paul II . und pflegte Freundschaften mit
Hemingway und Depardieu. Mehr als 100 Stunden interviewte der Attac-Mitbegründer Ramonet den am längsten amtierenden
Staatsmann der Geschichte und erlaubt so einen intimen Einblick in die politischen und privaten Visionen des Máximo Líder.
Übersetzung: Barbara Köhler, Rotbuch Verlag, 780 S., 29,90 Euro
Wenn die Kapitalmärkte
kollabieren und
globale Veränderungen die Existenz bedrohen,
scheint die philosophische Betrachtung unseres
Lebens mehr denn je sinnvoll zu sein. Vor allem
wenn sie mit so viel Humor und kluger Reflexion
daherkommt. Gleich zu Anfang verweist
der Brite auf den absurden Anspruch seines
Themas und kommt zu dem Schluss: Der Sinn
des Lebens ist ein Thema für Verrückte oder für
Komiker - ich hoffe, ich gehöre eher zur letzten
Kategorie. Dabei begibt er sich natürlich
höchst ernsthaft auf Sinnsuche. Wonach strebt
der postmoderne Mensch, was schenkt ihm
Erfüllung? Wie dachten Aristoteles, Nietzsche,
Freud? Eagleton surft geistreich und kritisch
durch Glücksentwürfe der Vergangenheit und
Gegenwart. Glück? Was, wenn jemand sein
Glück darin fände, alte Damen zu erschrecken?
Antworten finden sich in diesem intellektuellen
Schelmenstück.
Übersetzung: Michael
Bischoff, Ullstein,
208 S., 18 Euro
"Ich bin wirklich ein wenig gekränkt darüber,
dass Du das Gefühl hast, ich würde Dich übergehen
und Dich nur dann erwähnen, wenn ich
es nicht vermeiden kann", schrieb der Satiriker
Ephraim Kishon 1974 an seinen kongenialen Übersetzer Friedrich Torberg.
Die jetzt erstmals veröffentlichte Auswahl von Briefen zeugt von
einer explosiven, aber unerschütterlichen Freundschaft - voll kritischer
Bewunderung, eifersüchtiger Zuneigung und gegenseitiger Abhängigkeit.
Ob boshaft, witzig oder liebevoll - die Wortgefechte sind nicht nur
intime Zeugnisse einer legendären Symbiose, sondern belegen auch das
Ungleichgewicht zwischen dem weltberühmten Bestsellerautor und
seinem literarischen Steigbügelhalter. Hinter einer Hecke aus Humor,
freundlich lauernd, schießen beide ihre Pfeile ab. Ein Volltreffer.
Sie galten als das Glamourpaar im Berlin
der wilden 20er Jahre. Die Geschwister Eleonora
und Francesco Mendelssohn, Nachkommen
eines stadtbekannten Privatbankiers, schienen
als Glückskinder in eine aufregende Welt geboren, gesegnet mit
Reichtum, Schönheit und Talent. Sie pflegten Freundschaften und
Affairen mit der Kultur-Schickeria jener Zeit, bezirzten Max Reinhardt
und Arturo Toscanini, Vladimir Horowitz und Gustaf Gründgens, liebten
extravagante Auftritte und ausschweifende Partys. Doch im Schlepptau
der Paradiesvögel tummelten sich auch Matrosen, Stricher und Schmarotzer.
Die spannende Doppelbiografie macht die untergegangene
Weimarer Republik wieder lebendig - bis zur Machtübernahme der
Nazis und dem ernüchternden Ende eines Lebens wie im Rausch.
Wer hätte das gedacht: Für die Amerikaner ist
Ehebruch moralisch noch verwerflicher als das
Klonen von Menschen. Um internationale Einsichten
über das außereheliche Paarungsverhalten
zu gewinnen, recherchierte die Autorin in zehn Ländern auf fünf
Kontinenten. Wir lernen, dass der Balinese den libidinösen Ausrutscher
als "wunderbare Pause" sehr poetisch umschreibt. Der Israeli "isst
nebenher", der Ire "spielt im Abseits", und der Franzose empfindet die
kleine Affäre nebenbei als so selbstverständlich wie den Genuss eines
guten Bordeaux. Weil hier Fremdgeher und Betrogene rund um den
Globus zu Wort kommen, nährt dieser "Atlas des Seitensprungs" auch
die Erkenntnis: In Lust und Schmerz sind wir uns grenzenlos nah.
Übersetzung: Christine Bendner,
Herbig, 302 S., 19,95 Euro
Wer mehr als sieben Jahre samt Ehefrau und zwei Töchtern in New York
verbracht hat, lernt eine Menge über Land und Leute. Zum Beispiel, dass es
in Sarah Palins Herrschaftsbereich Alaska per Gesetz verboten ist, Schnaps
an Elche zu verkaufen. Mit feinem Witz und einer guten Portion Selbstironie
beschreibt Streck das skurrile Abenteuer seines amerikanischen Alltags.
Illustration: Til Mette, Malik, 276 S., 19,90 Euro
Magdalena Kade glaubte 1866, die Mutter Gottes zu sehen. Ihre Großnichte
Marie bildete sich 1928 ein, sie sei Jesus. Während Magdalena noch heute
als böhmische Bernadette verehrt wird, wurde Marie als "lebensunwert" von
den Nazis ermordet. Der Autorin gelang es, den Mörder aufzuspüren und
einen bislang unbekannten Skandal um einen NS-Verbrecher zu enthüllen.
Wenn zwei Reiseprofis von ihren Trips in die Ferne erzählen, geht's nicht
nur um Traumstrände und romantische Hideaways, sondern auch um Kakerlaken
in der Sachertorte, Irritationen in der Wechselstube und Taxichauffeure,
die in jedem Souvenirladen einen Onkel haben. Und es gilt die Chaostheorie:
Reisen öffnet Horizonte - es sei denn, Montezuma ist in Rachelaune.
Kontrolle, Leistungsdruck, Förderstress setzen nicht nur den Kindern zu,
sondern ruinieren auch das elterliche Nervenkostüm. Deshalb plädiert Hauser
für eine Rückbesinnung auf eine "Michel aus Lönneberga"-Kindheit: Lasst
den Nachwuchs endlich frei, lasst ihn spielen, die Welt entdecken, Abenteuer
erleben. Gelassenheit kann glücklich machen. Die Großen und die Kleinen.
Warum können wir Gut von Böse unterscheiden? Was haben jüngste Forschungsergebnisse
von Neurophysiologen, Genetikern, Moralpsychologen
über die Wurzeln unserer Moral herausgefunden? Ochmann erweist sich
als brillanter Analytiker, dem es gelingt, ein komplexes Thema in verständlicher
Sprache zu behandeln. Sein Fazit ist so spannend wie brisant.
2008 - ein Wahnsinnsjahr. Wieder mal. Ob George W. Bushs Abschiedstournee,
die Fußball-Weltmeisterschaft oder Olympia, explodierende
Benzinpreise oder Manager, die den Hals nicht vollkriegen.
Der stern-Cartoonist aus Österreich bürstet Nachrichten gegen den Strich.
So bitterbösekomisch wie sonst keiner.