Schweißausbrüche, Panikattacken und schwarze Löcher in der Seele - Depression ist eine Volkskrankheit, die Nichtbetroffene nur schwer verstehen. Moderatorin Sarah Kuttner hat mit "Mängelexemplar" diesem Thema ein Buch gewidmet und riskiert dafür einiges. Von Kathrin Buchner

In ihrem Debütroman "Mängelexemplar" beschreibt Sarah Kuttner schwere Kost leicht verdaulich, es geht um Depression. In der ARD moderiert sie die Sendung "Kuttners Kleinanzeigen"© Mathias Schöningh/DDP
"Depression ist ein fucking Event", sagt der Psychiater zu Karo. Karo Herrmann, Protagonistin in Sarah Kuttners Roman "Mängelexemplar", ist eine überdrehte Endzwanzigerin - immer auf der Überholspur unterwegs; typische Vertreterin einer Großstadtavantgarde, für die das Leben ein Büffet mit Nachschub-Garantie ist. Als Eventberaterin organisiert sie coole Partys, hat einen Freund, der ebenso auf der Oberfläche surft wie Karo.
Dann verliert sie ihren Job, der High-Speed-Trip durchs Leben stoppt abrupt. Sie fällt in ein tiefes Loch, bekommt Herzrasen, Schweißausbrüche und Panikattacken. Zunächst tarnt sie ihre empfindliche Psyche und die Sehnsucht nach Nestwärme und Nähe mit Dauerquasselei und zynischen Witzen. Erst langsam dämmert es Karo, dass sie ernsthaft erkrankt ist und ihr verkorkstes Innenleben sich nicht in einer 24-Stunden-Therapie reparieren lässt.
Kuttner schreibt klarer als sie spricht, aber mindestens genau so schnell. In einer einfachen Sprache mit prägnanten Bildern und flapsigen Formulierungen wie "Fanclubleiter des kategorischen Imperativs" gestaltete sie die Innenansicht der Karo H.: die Leere nach der Dauerberieselung, die Angst vor Kontrollverlust, den Absturz im Kopf.
Als "Quarterlife Crisis" geisterte das Syndrom der Orientierungslosigkeit von jungen Frauen und Männern um die 25 schon vor ein paar Jahren durch die Literatur und Medien. Doch sie blieb abstrakt. Jetzt gibt Kuttner der schwer vorstellbaren Krankheit eine Geschichte und ein Gesicht. Dabei ähnelt die Biografie von Karo, der Eventmanagerin in der Lilalaune-Medienbranche, sehr der eigenen Geschichte von der Moderatorin, die im Januar 30 geworden ist. Vor gut zwei Jahren wurde ihre Show, in der sie herrlich ohne Punkt und Komma drauflos plaudern durfte und die bereits von Viva zu MTV gewandert war, ganz eingestellt. Ein Schock sei das für sie gewesen, ihre geliebte Arbeit und das Team zu verlieren, erzählte Kuttner in Interviews.
Wie Kollegin Charlotte Roche gehört auch Kuttner in die Riege junger Frauen, die dank ihrer frechen Klappe und eigenständigem Denken auch über das Ende des Musikfernsehens hinaus als authentische Stimme der Jugend dienen. Ein Jahr nach dem Erscheinen von Roches "Feuchtgebieten" hat also auch Kuttner ihren ersten Roman vorgelegt. Und ebenso wie "Feuchtgebiete" ist "Mängelexemplar" nicht nur aus der subjektiven Sichtweise einer jungen Frau erzählt, sondern trifft auch den Zeitgeist weiblicher Selbstfindung. Egal, ob zwischen den Schamlippen, zwischen Kind und Karriere wie in "Bitterfotze" oder eben zwischen Herz und Hirn wie in "Mängelexemplar". Während sich Helen Memel mit Avocadokernen befriedigt und so Tabugebiete der weiblichen Sexualität erforscht, beschreibt Kuttner ein ebenso hartnäckiges Minenfeld der Gesellschaft: die Krankheit Depression - sowohl bei jungen, gutaussehenden und erfolgreichen Frauen als auch eine Generation früher, schließlich ist auch Karos Mutter betroffen.
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