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17. September 2009, 22:10 Uhr

"Es ist möglich, Realität zu schaffen"

Ein Selbstmordattentat als Werbegag. So haben deutsche Filmemacher ihren letzten Spielfilm ins Gespräch bringen wollen. stern.de sprach mit Mitinitiator Marcus Mittermeier, was um Gottes willen sie zu dieser Aktion getrieben hat.

Marcus Mittermeier (40), deutscher Schauspieler und Regisseur, wurde 2004 mit dem pseudo-dokumentarischen Spielfilm "Muxmäuschenstill" bekannt, für den er den Max-Ophüls-Preis bekam. Mit Guerilla-Taktik und Handkamera zieht dort Jan Henrik Stahlberg als Verteidiger von Recht und Gesetz durch Berlin. Mit ihm machte Mittermeier auch seinen letzten Film "Short Cut to Hollywood", der 2009 auf der Berlinale Premiere hatte. Als Promotionaktion für den Film inszenierte Mittermeier zusammen mit anderen Mitstreitern einen Skandal um einen fiktiven Selbstmord-Anschlag auf die Stadt Bluewater im US-Bundesstaat Kalifornien. Sogar die Nachrichtenagentur dpa berichtete davon.

Herr Mittermeier, Sie haben mit einer Handvoll Leuten einen Skandal inszeniert, um ihren Film "Short Cut to Hollywood" zu promoten. Immerhin vier Stunden lang haben Ihnen viele Medien geglaubt. Haben Sie noch Vertrauen in Ihre Tageszeitung?

Das Problem ist, dass Journalisten im Internetzeitalter mit unglaublicher Geschwindigkeit recherchieren müssen. Wie man an der Aktion sehen kann, ist es möglich, mit ein paar Websites, einem MySpace-Profil, einem Wikipedia-Eintrag, gezielt gestreuten Twitter-Meldungen und Skye-Rufumleitungen "Realität" zu schaffen. Die Vorbereitungen dafür dauerten etwa drei Wochen. Wenn man sich überlegt, dass das auch Leute können, die kriminelle Absichten haben, bekommt man schon Schiss.

Sie sind von Ihrem eigenen Erfolg überwältigt?

Ich hätte nicht geglaubt, dass es so einfach klappt.

Die Nachrichtenagentur dpa sprang auf die Story an - so nahm das journalistische Unglück seinen Lauf. Welche Möglichkeiten hätte es gegeben, ihre Schwindelei zu entlarven?

Als Filmemacher ist es unsere Aufgabe, Realitäten zu schaffen. Ich denke, das haben wir ganz gut geschafft. Als wir von der dpa zurückgerufen wurden, gingen amerikanische Schauspieler ans Telefon, im Hintergrund heulten Polizeisirenen. Andererseits wurde unser Film ja schon vor einem halben Jahr auf der Berlinale vorgestellt, und es gab einige Pressevorführungen. Wer ihn gesehen hat, erkennt die Parallelen sofort. Alle Namen und Bilder, die wir den Journalisten zugänglich gemacht haben, stammen aus dem Film. Man hätte auch dahinter kommen können, dass die Websites von Bluewater City und dem Fernsehsender "k-VPK7" Fälschungen waren. Aber am Ende hat man uns ja sogar geglaubt, eine Berliner Rap-Gruppe mit Namen "Berlin-Boys" habe ein Attentat vorgetäuscht. In Kalifornien! Da bleibt einem doch die Spucke weg.

Die dpa will nun ihre hauseigenen Regeln verschärfen.

Das finde ich gut. Hut ab. Aber der Medienkonsument hat auch eine eigene Verantwortung. Ich glaube, man muss sehr wachsam sein und sich immer fragen: Woher bekomme ich Nachrichten, und was machen sie mit mir?

Was wollen Sie den Menschen mit Ihrem Film und Ihrer PR-Aktion eigentlich mitteilen?

In dem Film geht es um eine zweitklassige Band aus Deutschland, die durch gezielte Tabubrüche in den USA berühmt wird. Den Durchbruch erreichen sie, nachdem sie als Araber verkleidet in ein Restaurant stürmen und dort ein Attentat vortäuschen. Diese Aktion haben wir in die Realität übertragen. Der Mechanismus geht so: Große Geschichten werden zu Nachrichten. Und genug Öffentlichkeit führt zum Erfolg in der Sache.

Heißt: Bei Ihnen klingeln die Kassen, Medien und Leser sind geleimt. Ist es wirklich so einfach?

Erfolg braucht schon auch Talent, aber eine große Geschichte drum herum kann einiges bewirken. Nehmen Sie nur mal Lady Gaga oder Amy Winehouse. Die eine kenne ich wegen ihrer skandalösen Klamotten, die andere wegen ihrer Drogenexzesse. Musik ist da eher nebensächlich. Im Film wird dieses Prinzip auf die Spitze getrieben. Da inszeniert einer sein eigenes Sterben, um unsterblich zu werden. Der Faustische Tod, quasi.

Interview: Mathias Becker
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
Malt (18.09.2009, 09:29 Uhr)
Hier lässt sich prima...
....sehen, dass dieses Verhalten eben auch jenes ist, welches uns in die Krise geführt hat: Da haben auch europäische Banker blind geglaubt, dass ein Holzhaus ohne Keller in den USA 500.000 Eoros wert ist und haben dan Amis Kredite für die Hypotheken gegeben, nur wiel eine indische Ratingagentur die Hütte so bewertet hat... vom Bildschirm aus!
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Wir leben in einer kranken, kranken Zeit in der der normale Menschenverstand immer weniger benutzt wird... man hat ja nen Computer!
logon (18.09.2009, 09:24 Uhr)
na super...
...und nu ?

michaddf (18.09.2009, 01:03 Uhr)
Es begab sich zu der Zeit...
...da Robert Steinhäuser wild um sich schießend durch seine ehemalige Schule rannte. Selber abend. Ich surfe im Internet zu dem Thema, stoße plötzlich irgendwo auf eine Webseite, auf der Robert Steinhäuser seinen Amoklauf ankündigt. Wow - krass. Die Seite genauer angeschaut - alles ist klar, ist nach dem Amoklauf hochgeladen worden, also ein Fake.

Hmmm, denke ich mir. Mach ich mir doch mal nen Gag: Also N-TV angerufen, will mich mit der Redaktion verbinden lassen. Das geht so nicht, da könne nicht jeder reingestellt werden. "Okay" sag ich, dann ruf ich jetzt N24 an. "Ja worum geht es denn?" werd ich gefragt.

Ich sag "ich hab grad die webseite entdeckt, auf der Robert Steihäuser seinen Amoklauf und Hintergründe davon angekündigt hat". "Sekunde, ich verbinde sie" *lol*.

Dann gings ruck zuck, nen zuständigen Redakteur an der Strippe, dem kurz den Tipp gegeben, die URL rüber - und 20 Minuten gewartet. Und zack: Der N-TV-Ticker tickert "Robert Steinhäuser kündigte Amoklauf im Internet an" :D Kurze Zeit später dann auch die abgefilmte Seite in dem nächsten Nachrichtenbeitrag etc. Innerhalb einer Stunde dann auch auf N24, danach auch in allen anderen Sendern.

Ein paar Tage später dann vermeldet die Polizei, dass die Seite eine Fälschung war. Ach nee^^ :)

Ganz toll auch der große RTL-Jahresrückblick dieses Jahres: Günther Jauch spricht den Text über die Matz zum Thema Steinhäuser. "Robert Steinhäuser kündigte seine Taten auf seiner Internetseite an". Passend dazu: "Meine" Seite :D
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