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12. Juni 2008, 12:33 Uhr

Vom RAF-Mitglied zum Filmschauspieler

Er war Mitglied bei der RAF und feuert im heißen Herbst von 1977 auf Polizisten. Dann arbeitete er als Entwicklungshelfer in Afrika, trat als Schauspieler in "Der bewegte Mann" auf und verfasste einen Roman. Wie es zu der irren Karriere des Christof Wackernagels kam, zeigt sein Neffe Jonas Grosch in dem Dokumentarfilm "Der Weiße mit dem Schwarzbrot". Von Johannes Gernert

Er hat viele Leben gelebt, unter anderem als Entwicklungshelfer in Afrika: Christof Wackernagel, Ex-RAF-Mitglied© MMM Films

Er hat damals noch in Bochum gewohnt, in seinem kleinen Atelier hinterm Hauptbahnhof. Einmal liefen da diese Kinder hinter ihm her und riefen "Titten, Titten, Titten". Es hat ihn sehr glücklich gemacht, sagt Christof Wackernagel. In diesem Moment war er nur der Typ, der den Schwaben in der Männergruppe gespielt hatte. Diesen Schwaben aus "Der bewegte Mann", der vor der Fleischereiverkäuferin steht und nicht "Brüschte" denkt, sondern "Titten". Der Knast lag in diesem Augenblick an die zehn Jahre zurück. Die RAF noch etwas länger. Es fühlte sich alles angenehm weit weg an. Für wenige Sekunden war Christof Wackernagel der Schauspieler aus einer kleinen Kultszene. Nichts sonst. Wahrscheinlich wussten die Kinder gar nicht, was diese Buchstabenkombination bedeutet: R - A - F. Es war ein schöner Tag.

"Titten, Titten, Titten." Wackernagel schreit es über den Café-Tisch, hinaus auf die Berliner Kastanienallee, wo die jungen Leute mit den großen Sonnenbrillen unterm blauen Maihimmel spazieren gehen. Sein kahler Kopf wird noch ein bisschen röter, als er es in Afrika ohnehin schon geworden ist. "Ja, ich bin nun mal Schauspieler", ruft Wackernagel. Seine Stimme ist laut und ganz kurz vorm Salto, wie oft. Er spielt nicht nur. Er schreibt auch. Er malt. Aber manchmal scheint das, was ist, seltsam unbedeutend - im Gegensatz zu dem, was war. Dann sind da wieder die drei Buchstaben: R - A - F. Als hätte man ihm das auf die Stirn tätowiert. Darüber ein kleiner Vermerk: Ex. Es bedeutet in dem Fall nicht, dass irgendetwas vorbei wäre.

Ein Mosaik aus Geschichtchen

Vielleicht hilft der Film. Christof Wackernagel ist eigentlich zuversichtlich. Sein Neffe, Jonas Grosch, hat die Dokumentation über ihn gedreht. Er sitzt an diesem Mainachmittag neben ihm und trägt ein T-Shirt mit dem Titel darauf: "Der Weiße mit dem Schwarzbrot." Er handelt von dem Ex-Terroristen Christof Wackernagel, natürlich. Aber auch: von dem Schriftsteller, dem Maler, dem Mali-Flüchtling, dem Spätzle-Kocher, Plastikspiel-Erfinder, dem Anpack-Schwaben, dem Vollkornbrot-Ofen-Importeur und Kulturkarawanen-Träumer. "Der Weiße mit dem Schwarzbrot" porträtiert Christof Wackernagel als Gesamtmensch.

Er selbst erzählt seine Geschichte, von heute aus, als eine Vielzahl kleiner Geschichtchen. Grosch hat einen Film darüber gemacht, wie einer sein Leben als Mosaik zusammensetzt. Wie einer so versucht, sich selbst zu verstehen. Das, was er gemacht hat. Das Ganze ist voller Brüche, aber es gehört alles zusammen. Die Schießerei, die Schwarzbrotbäckerei. Man muss vermutlich Groschs Generation angehören, um alles mit so einer gelassenen Distanz zu betrachten, um nach manchen RAF-Details gar nicht erst zu fragen. Sie wollten seinem Onkel ja lange nachweisen, er habe das Schleyer-Erpresser-Video gedreht.

Als Christof Wackernagel so alt war wie sein Neffe heute, also 26 Jahre, lag er neben einer Amsterdamer Telefonzelle und feuerte auf holländische Polizisten. Drei Wochen vorher hatte man Andreas Bader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe tot in Stammheim gefunden. Tags darauf war die Leiche von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer aus einem Kofferraum gezogen worden. Nun schoss Wackernagel in Amsterdam auf die Polizisten. Es war das Ende des heißen Herbstes. Und Gert Schneider, neben ihm, warf die Handgranate.

Kulturkarawane für den Frieden

Fast dreißig Jahre später explodierte in Bamako, in Mali, der Ofen. Wackernagel hat es erst zwei Tage danach erfahren. Das Gerät sah seltsam rund aus, verbogen und innen war alles schwarz. Vielleicht war das auch wieder keine so gute Idee gewesen. Er hatte gedacht, er könnte Schwarzbrot nach Mali bringen. Er hatte dafür einige zehntausend Euro an Spenden gesammelt, malische Bäcker in Deutschland ausbilden lassen. Aber die Betreiber haben in dem Ofen trotzdem auch ihr heimisches Baguette gebacken. Dafür war er nicht gemacht. Manchmal passen Christof Wackernagels Ideen und diese Welt nicht zusammen. Auch jetzt noch, wo er versucht, sie ohne Pistole umzusetzen.

Er wollte eine Kulturkarawane starten. Für den Frieden. Quer durch Afrika, auch durch den Sudan, wo der Bürgerkrieg tobt. Die verfeindeten Parteien hätten zugesagt, erzählt er in dem Film - einen Turban auf dem Kopf, hinter ihm, unten, die verschachtelten Bauten der Stadt Bamako. Der damalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement mochte die Idee. Zehn deutsche Unternehmen sollten je zehn Millionen spenden. Aber das Außenministerium, in dem zu der Zeit Joschka Fischer regierte, riet davon ab. Die Grünen wollten lieber Friedenssoldaten schicken. Frie-dens-sol-da-ten. Ein Widerspruch in sich. Wackernagel presst das kurz und sehr scharf heraus. Er wird rot in diesen Momenten und sticht - mit dem Finger, mit den Augen.

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KOMMENTARE (5 von 5)
 
Bauzeichner (13.06.2008, 13:10 Uhr)
@RatiopharmZwilling
"Warum können nur reg. User Kommentare melden?"
Damit der Verfassungsschutz beim Stern mal nachfragen kann, wer sich hinter "ch4K" und "jedifreund82" verbirgt.
"So funktioniert Internet nicht …"
Doch, so funktioniert das Internet. Es ist schließlich kein rechtsfreier Raum wo jeder machen darf was er will.
RatiopharmZwilling (13.06.2008, 12:53 Uhr)
Kommentare melden
Warum können nur reg. User Kommentare melden? So funktioniert Internet nicht …
benq (12.06.2008, 12:55 Uhr)
Die RAF sind eiskalte Mörder...
und wollen sich als Friedensbotschafter anbieten... einfach nur lächerlich.
Diese Leute gehören weggesperrt.
Malt (12.06.2008, 12:54 Uhr)
Noch weniger in den Kopf...
...will mir, dass jemand, der nachweislich ein Lügner ist, der daran schraubt, dass unser GG abgeschaft wird, bei uns Innenminister sein darf!
.
Diese Ex-RAF Typen tun wenigstens niemandem mehr was!
Bauzeichner (12.06.2008, 12:41 Uhr)
Unglaublich
Was mir echt nicht in den Kopf will ist, warum diese RAF-Typen nicht bis an ihr Lebensende in der Isolierungshaft in Stammheim vermodern... Stattdessen schreiben sie Bücher und spielen in Filmen mit. Ob diese Terroristen ihr damit verdientes Geld an Opferschutzverbände und damit an die Hinterbliebenen ihrer gemeinschaftlich begangenen Taten abführen?
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