Jeder kennt ihr Gesicht, kaum einer ihren Namen. Dabei geht ohne die Assistenten unserer Fernsehkommissare heute nichts mehr: Immer wieder holen sie die Kastanien aus dem Feuer. Harry holte nur den Wagen. Von Dirk van Versendaal

"Tatort" Köln: Als ebenso schlaue wie schöne Assistentin Franziska erklärt Tessa Mittelstaedt ihren Chefs Ballauf und Schenk regelmäßig die Welt© Christoph Riccius
Einmal nicht mit dem Megafon draußen rumstehen, sondern rein ins Haus, Tür aufsprengen, Waffe ziehen und Zack! Bumm! Festnahme! "Ein großer Auftritt eben", meint Andreas Hoppe, "à la Dirty Harry, das wär mal was."
Hoppe wird sich gedulden müssen. Denn Hoppe spielt den Mario Kopper, und der ist bei der "Tatort"-Kripo Ludwigshafen laut Dienstrangordnung nicht ganz so wichtig wie Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Vor acht Jahren wurde er als schlecht rasierter Gehilfe eingeführt, um seiner eher spröde inszenierten Chefin zu ein paar privaten Szenen zu verhelfen. Weil er das sogar besser machte, als ihm die guten Drehbücher das vorschrieben, darf er längst auch Verhöre führen, den Witzbold machen, Gefühle zeigen, kurz und gut: für die Unterhaltung sorgen.
Hoppe gilt als Prototyp einer neuen Generation von Krimi-Assistenten und Helfern. Die sind aus der zweiten Reihe nach vorn getreten - und beim Publikum die eigentlichen Stars.

"Der Alte": Sehr selbstbewusst unterstützt Pierre Sanoussi-Bliss als Axel Richter den Münchner Kommissar Leo Kress© Christoph Riccius
Früher war das mal ein böser Schauspielertraum: Helfer in einer deutschen Krimiserie. Da konnte man endlos die Drecksarbeit leisten, man blieb der Wurmfortsatz im Kommissariatskörper, bis die Leute einen am Ende bestenfalls unterm Rollennamen kannten. Es gab ihn ja, den ewigen Assistenten: Fritz Wepper spielte den Harry Klein, erst in 70 Folgen unter Kommissar Keller, dann unter Derrick in 281 Folgen. 30 Jahre lang trat er als verpasste Chance auf, als "Harry, hol schon mal den Wagen". Seine kurzen Antworten - "Ist gut, Chef" - mussten für einen ganzen Abend reichen.
"Ein Typ wie Harry ist nicht mehr zeitgemäß", sagt Liane Jessen, Fernsehspielchefin des Hessischen Rundfunks, "denn unsere Arbeitswelt hat sich verändert. Wer sich um eine wirklichkeitsgetreue Darstellung der Polizeiarbeit bemüht, der schildert den Arbeitsalltag, wie er ist: hart, anstrengend und so brutal, dass sich zwangsläufig eine Ersatzfamilie am Arbeitsplatz bilden muss."

"Tatort" Kiel: Als Psychologin rettet Maren Eggert ihrem Kommissar Klaus Borowski immer wieder den Kopf© Christoph Riccius
Schlimme Ereignisse lassen sich gemeinschaftlich besser verarbeiten, sagt Jessen, "dafür eignen Nebenfiguren sich perfekt". Der Assi taugt als Tribut an den psychologischen Realismus. Das haben die Drehbuchautoren erkannt und legen jetzt Wert auf die Entwicklung dieser Hilfscharaktere. Eine, die ihren trostlosen Arbeitsplatz um den menschlichen Faktor bereichert, ist Maren Eggert. Als strenge, scharfzüngige Psychologin Frieda Jung hat sie es mit dem Kieler "Tatort"-Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) zu tun. Der bekommt in seinem Job so Fürchterliches zu sehen, dass er gelegentlich überschnappt. Dann ist es an ihr, seinen Borderline-Charakter zu therapieren. Wie die meisten Assi-Rollen ist auch die der Hamburger Thalia-Schauspielerin Eggert im Prinzip komödiantisch angelegt: Je härter die Fälle werden, und das ist Tendenz im Fernsehkrimi, desto wichtiger werden die "Ausruhmomente". Wenn Frieda Jung zur Therapie bittet, darf der Zuschauer sich zurücklehnen. Nur knallharte Recherche zu zeigen, das ist schwer bekömmlich im Sinne einer netten Prime-Time-Unterhaltung.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 18/2005