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"Tatort"-Kritik "Blackout": Deine Rastlosigkeit kotzt mich an, Lena Odenthal!

Es ist der 60. "Tatort"-Fall von Lena Odenthal, doch in "Blackout" geht es kaum um den Krimi, vielmehr um die Lebenskrise der Kommissarin. Womöglich wäre es Zeit für eine Pause.

Von Swantje Dake

Für Singles ist der Sonntag manchmal ein schlimmer Tag. Freunde mit Familie unternehmen etwas mit selbiger, den Kater vom Feier-Samstag muss man allein auf dem Sofa auskurieren. Der ungewollte Single fühlt sich einsamer als an jedem anderen Wochentag. Einziger Rettungsanker - der "Tatort" - ein untrügliches Zeichen, dass das leidige Wochenende ein Ende hat. Singles in mieser mentaler Verfassung dürften nach diesem "Tatort" nicht unbedingt mehr Lebensfreude verspüren.

Denn erstmals zelebriert Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ihr mann- und kinderloses Leben bis zum Anschlag. War die Kommissarin bislang tough, gestresst, hart zu sich selbst und anderen, hadert sie nun mit sich und ihrem Leben. Pünktlich zum Jubiläum - 25 Jahre Odenthal. Wenn andere Paare Silberhochzeit feiern, bekommt die Ludwigshafener Ermittlerin ihre Midlife Crisis. Irgendwie auch passend. Glücklicherweise zieht sie ihren Konterpart Kopper (Andreas Hoppe) da nicht mit rein.

Der Krimi nur ein Nebenkriegsschauplatz

Das Störende: Der Kriminalfall - um den es ja eigentlich im "Tatort" gehen soll - gerät dadurch in den Hintergrund und muss lediglich als Kulisse herhalten. Auch daran hat man sich am Sonntagabend gewöhnt. Der Zuschnitt auf die Befindlichkeiten der Lena-Figur hat Folkerts besonders gut gefallen, sagte sie unlängst in einem Interview. Aber in "Blackout" geht es dann wirklich zu weit. Denn auch der Mord dient nur zum Transport des Einsamkeitsmotivs der Kommissarin.

Architekt Justus Wagner wird von seiner Frau in einer seiner Musterwohnungen ermordet aufgefunden, mit heruntergezogener Hose und Flasche im Anus. Die Ermittlungen gehen in viele Richtungen: Geliebte, Schwulenszene, Geschäftspartner, eifersüchtige Ehefrau sowie eifersüchtiger Bruder. Besonders verdächtig verhält sich eine Studentin, die das Opfer kurz vor seinem Tod in einer Bar getroffen hat und mit K.o.-Tropfen im Blut kurz nach der Tat orientierungslos aufgegriffen wurde. Dass deren Mitbewohnerin in den Mord irgendwie verwickelt ist, wird dem Zuschauer relativ schnell klar. Nur dass der Mord ein Rachefeldzug ist, weil Opfer und sein Geschäftspartner sich an ihr bestialisch vergangen haben, kommt zu überraschend - wie auch der dramatische Tod der Mörderin.

Dritte im Bunde sorgt für schwungvolle Irritationen

All das hätte einen guten Plot für den 60. Odenthal-Fall ergeben, ganz ohne Lenas Leiden. Ebenfalls ein guter Drehbuch-Schachzug: die dritte im Bunde. Fallanalytikerin Johanna Stern (Lisa Bitter) wird als Urlaubsvertretung für Mario Kopper geschickt und sorgt erst bei Odenthal, dann bei dem eingespielten Duo für erfrischende Irritationen. Die oftmals nervigen, weil belanglosen Dialoge zwischen Kopper und Odenthal fallen weg. Während die beiden häufig das erklären, was der Zuschauer ohnehin sieht und versteht, beschleunigt Stern die Ermittlungen. Gleichzeitig wird aber auch diese Figur genutzt, um Odenthal so richtig schön in die Krise zu reißen. "Sie werden auch nicht jünger. Was meinen Sie, was es gebraucht hat, bis meine Oma mit dem Skifahren aufhörte?"

Überhaupt scheinen alle Figuren so geschrieben zu sein, dass sie Odenthal in die Krise reden:

  • Die Witwe: "Sie wissen doch gar nicht, was Liebe ist!"
  • Der Barmann: "Das ist jetzt aber ein bisschen viel Klischee, einsame Kommissarin mit Katze."
  • Die Notärztin: "Sie wissen schon, dass Schlaflosigkeit psychische Ursachen hat?"
  • Der Bruder des Opfers: "Sie sind doch krank. Was sind Sie bloß für ein Mensch!"
  • Die Verdächtige Betty: "Warum machen Sie das? Weil sie keinen abgekriegt haben?"

Mach doch mal Pause, Lena!

Und so steht Lena Odenthal in der letzten Szene von "Blackout" auf einer Brücke und schaut versonnen in die Tiefe. "Von mir aus kann die ganze Nation denken: Die sehen wir nicht wieder ... Es kommt ja anders", sagt Folkerts. "So lange die Zuschauer einschalten, ist für mich kein Ende in Sicht." Aber wie schreit Kopper sie doch so passend an: "Als ob die Welt zusammen bricht, wenn Lena Odenthal mal eine Pause macht."

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