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15. Mai 2008, 09:52 Uhr

"Kinski funktioniert wie eine Penisverlängerung"

Klaus Kinski war Deutschlands liebster Feind. Seine Berliner Live-Interpretation des Neuen Testaments endete 1971 in Tumulten, wie ein neuer Dokumentarfilm zeigt. Im stern.de-Interview erzählt Regisseur Peter Geyer von der Borniertheit der 68er, Kinskis Schlagfertigkeit und verrückten Fans.

Wenn Blicke töten könnten, wäre Klaus Kinski 1971 zum Massenmörder geworden© Edition Salzgeber

Herr Geyer, im November 1971 betrat Klaus Kinski die Bühne der Berliner Deutschlandhalle, um seinen Text über das Leben von Jesus zu rezitieren. Warum wurde er dabei vom Publikum permanent gestört und zur Weißglut getrieben?

Klaus Kinski war seiner Zeit oft unglaublich weit voraus. Er hat 30 bis 40 Jahre vor dem Triumphzug des Hörbuchs bereits Sprechplatten aufgenommen. Er war der erste in Deutschland, der sich geschickt über Boulevardgeschichten in der Presse interessant machte. Und wenn er dieses Bibel-Projekt, wie geplant, 1961 hätte verwirklichen können, wäre das wahnsinnig revolutionär gewesen. Aber 1971, auf dem Höhepunkt des Musicals "Jesus Christ Superstar" und der Hippiebewegung, erschien Kinski wie ein Mitläufer und Epigone.

Trotzdem wundert es einen schon, dass die Zuschauer für etwas Eintritt bezahlt haben, was sie gar nicht sehen wollten...

Die meisten sind gekommen, um Kinski zu provozieren und ihren Straßenkampf in der Halle fortzusetzen. Er wird nur als selbsternannter Glaubensführer missverstanden. Die denken, da ist ein abgehalfterter, reicher Sack, der sich vor ihren Karren spannt. Einmal kommt jemand auf die Bühne und sagt ins Mikro: "Ich weiß, dass viele von euch Jesus suchen, aber ich glaube, er ist es nicht." Ach was, Kinski ist gar nicht Jesus? Was für eine bahnbrechende Erkenntnis!

Dabei ist der ja noch recht harmlos. Insgesamt ist die Stimmung ziemlich aufgeheizt. Wieso reagiert ausgerechnet die 68er-Generation dermaßen aggressiv auf Kinski?

Gegenfrage: Wie antiautoritär waren die 68er wirklich? Wir befinden uns ja in den 68er-Jubeltagen und die Erklärung tut weh, aber wird auch durch diesen Film deutlich: Ich glaube, das ganze Lebensgefühl und die geistige Wellenlänge der 68er fußte mehr auf den Späßen eines Fritz Teufel als den Worten eines Rudi Dutschke. Der war in jener Zeit einfach überqualifiziert und die meisten sind ihm hinterher gerannt, obwohl oder gerade weil sie nichts verstanden haben. Was ich in dem Fall besonders kurios finde, denn das waren ja genau die Leute, die ihren Eltern blindes Mitläufertum vorwarfen.

Sie haben den Abend zwar minutiös und mit allem verfügbaren Filmmaterial rekonstruiert, aber auf erklärende Kommentare verzichtet. Warum?

Weil ich es am spannendsten fand, ein Kinski-Live-Erlebnis zu bieten. Zu zeigen, wie er nachdenkt und wie schlagfertig er reagiert. Wenn er nach einem Zwischenruf innehält und sagt: "Ich muss mich an dieser Stelle leider unterbrechen und ein Zitat von Jesus sagen, das lautet..." - und dann sieht man förmlich, wie es in seinem Kopf arbeitet, bis er plötzlich anfängt: "Da, wo man zu dumm und borniert ist Euch anzuhören...", dann wieder: ratter, ratter, ratter, und weiter, "...haltet Euch nicht auf!" Kinski zwischen Zeitzeugen und Dokumaterial einzusperren hieße, den freiesten aller freien Geister in die Schranken zu weisen.

Dabei wäre es sicher einfacher gewesen, ein paar Originalausschnitte mit Zeitzeugen zusammenzubasteln und fertig ist die Guido-Knopp-Variante...

Ja, und jeder, der dich bei sowas berät, sagt dir auch, dass das publikumswirksamer wäre. Vielen mag das Format etwas spröde und die Machart unzeitgemäß erscheinen, doch das passt in gewisser Weise zum Vortrag. Aufgrund der Ereignisse und Kinskis Präsenz wird es trotzdem nie langweilig - auch ohne Erklärungen.

War es schwierig, den Film in seine jetzige Form zu bringen?

Ehrlich gesagt, meine Regieleistung geht gegen Null. Aber die Puzzlearbeit, das Restaurieren des ganzen Abends ist wirklich eine Mission gewesen! Schließlich war das Rohmaterial, 16mm-Filmrollen und Tonbandspulen, nicht durchgängig und komplett. Immer fehlte etwas. Wir wollten auch keine Zwischenrufe nachsprechen lassen. Nur, was macht man mit denen, die man nicht versteht? Wir haben so lange nach Fremdmaterial gesucht, bis wir welches fanden. Teilweise sind an den entsprechenden Stellen Tonband-Aufnahmen des Publikums daruntergemischt.

Ein Beispiel?

Wenn man den hämischen Einwurf eines Zuschauers nicht hören würde, dass ihm die Krimis besser gefallen haben, wüsste man nicht, warum Kinski, den man die ganze Zeit im Bild sieht, mitten in seinem Vortrag plötzlich sagt: "Du weißt aber auch, dass ich diese Krimis nicht für einen Schwachsinnigen gemacht habe, wie du einer bist!"

Haben Sie sich mit Zeitzeugen getroffen?

Ich habe die Leute nie gesucht, aber dennoch gefunden. Erwähne ich irgendwo, dass ich Klaus Kinskis Nachlass verwalte, und jemand ist im entsprechenden Alter, dann hat er ihn grundsätzlich schon mal auf der Bühne gesehen. Und in mindestens der Hälfte der Fälle schleuderte Kinski natürlich tobend den Kronleuchter ins Publikum, was meines Wissens aber nur einmal passiert ist, nämlich in Marburg. Also, was soll ich einen Zeitzeugen fragen, der bei "Jesus Christus Erlöser" dabei war, wenn ich das Filmmaterial habe, und zwar unmanipuliert und ungeschönt? Das wäre für den Film eher hinderlich gewesen.

Waren Kinskis Provokationen vor laufenden Kameras, von denen es viele auf YouTube zu sehen gibt, immer echt, oder ausgeklügelte PR und Imagepflege?

Im Fall von "Jesus Christus Erlöser" widerlegt der Film eindeutig das Gerücht, das sei ein kalkulierter Eklat gewesen. Ein völlig absurder Vorwurf. Aber ganz allgemein konnte Kinski keine Kritik vertragen, weil er dafür zu unsicher war. Das hat zu Angstbeißertum und einer extremen, eingeübten Schlagfertigkeit geführt. Geplant war also nur, nicht kritisiert zu werden und möglichen Verletzungen zuvorzukommen. Dieses kleine, schmächtige Männchen hat ja mit so viel Macht gebrüllt und sich behauptet, dass die Leute perplex waren und nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten.

Talkmaster hatten es mit ihm nicht leicht...

Jemand, der Kinski lobhudelnd behandelte, hatte nichts zu befürchten. Nur wenn er gespürt hat, da will ihn jemand hinterfragen und ihm vielleicht was beweisen: Dann hat er das Blatt in die Hand genommen, sehr amüsant, aber nicht immer überragend logisch. Er hat ja im Eifer des Gefechts auch manchen Schwachsinn verbreitet.

Film-Tipp

Film-Tipp "Kinski - Jesus Christus Erlöser"Wenn Blicke töten könnten, wäre Klaus Kinski 1971 zum Massenmörder geworden. Das dokumentiert Peter Geyers "Kinski - Jesus Christus Erlöser", der Live-Mitschnitt eines gescheiterten Vortragsabend. Bislang gab es den nur als Hörbuch. Jetzt kann man Kinski endlich dabei zusehen, wie er das "Gesindel" um sich herum fixiert. "Phrasendrescher", "deine Krimis gefallen mir besser" und "Kinski ist... ein Faschist" schallt es ihm entgegen. Kaum jemand will seine Rezitation über Jesus hören. Man will ihn verhöhnen, stören, zerstören. Kinskis Kiefer mahlen. "Wäret ihr doch heiß oder wenigstens kalt, aber ihr seid nur lauwarm, und ich spucke euch aus!", schnaubt er zurück. Der Film erklärt nichts, er rekonstruiert nur. Gut so, denn so wird man Zeuge einer grotesken Eskalation: ein Künstler im Clinch mit seinem Publikum - ungefiltert. Mehrfach verlässt Kinski tobend die Bühne. Oder er lässt er seine Wut einfach in den Vortrag einfließen: "Wer von euch nicht nur eine große Schnauze hat, sondern wirklich ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Allein für diese Momente lohnt der Kinobesuch.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
tagora-sagittara (16.05.2008, 12:59 Uhr)
Klaus Kinski,..
war unser deutscher Che Guevara,... ob ihr das jetzt wahr haben wollt oder nicht!
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