Heul' doch!

21. Februar 2013, 20:02 Uhr

Es ist das erfolgreichste Musical der Welt. Der Film ist für acht Oscars nominiert und Anne Hathaway spätestens jetzt ein Superstar. Aber ist "Les Misérables" wirklich mehr als eine Heulsusenmaschine? Von Sophie Albers

Das Kino ist dazu da, alles größer zu machen: das Leben, die Liebe, den Tod." Zwar stammt das Zitat von John Moore, dem Regisseur von "Stirb langsam 5", doch besser ist "Les Misérables" kaum zu beschreiben. Diese Geschichte nach Victor Hugos berühmtem Roman "Die Elenden" aus dem Jahr 1862 schickt jede ihrer Figuren emotional auf den Mount Everest, um sie dann mindestens in die San-Andreas-Spalte fallen zu lassen. Soviel geschluchzt, gejauchzt, geweint, gesehnt, gehasst, geliebt, gestorben und auferstanden wird sonst nur noch in der Bibel oder bei Shakespeare. Mittelmaß bitte am Kinoeingang abgegeben.

Dafür sehen Sie Hugh Jackman und Anne Hathaway, wie Sie sie noch nie zuvor gesehen haben. Die beiden Hollywoodstars sollen eine ähnliche körperliche Tour de Force auf sich genommen haben wie einst Robert De Niro in "Wie ein wilder Stier". Es wurde gehungert, gelitten, und sogar Köpfe wurden rasiert, und all das, um die bekannte Geschichte von Jean Valjean (Hugh Jackman) und Fantine (Anne Hathaway) noch größer, Kino-groß, erzählen zu können. Dabei hat Regisseur Tom Hooper ("The King's Speech") den Anspruch "groß" wirklich wörtlich genommen.

Gesichtslandschaften wie bei Tommy Lee Jones

Normalerweise werden Musicalfilme gedreht und die Musikstücke hinterher draufgepfropft. Das geht auf Kosten der Synchronität. Deshalb wird in Kino-Musiknummern normalerweise viel geschnitten. Nicht so bei Hooper. Der britische Regisseur hat darauf bestanden, dass die Stars live singen, dass nichts beschönt wird. Neue Technik machte es möglich. Und dann ist er mit der Kamera ganz nah rangegangen. Solche Gesichtslandschaften hat man vorher vielleicht in Jean Jacques Dreyers "Jeanne d'Arc" gesehen - oder bei Tommy Lee Jones. Und die Stimmen sind einfach echt. So taucht man ein ins Frankreich des beginnenden 19. Jahrhunderts, als Armut und Aufruhr die Menschen gezeichnet haben.

Gleich zu Beginn hat Jackman einen opulent verhärmt-verdreckten Auftritt als Sträfling, der in einer Werft schuftet. Das tut er seit fast 20 Jahren, weil er einst ein Brot gestohlen hat. Als er entlassen wird, verspricht ihm sein gesetzestreuer Peiniger (Crowe), dass er ihn zurückbringen und sterben sehen werde, schließlich sei er Abschaum. Ähnliches Unrecht erlebt Hathaways Fantine, die als Näherin zuerst sexuell belästigt und dann gefeuert wird, woraufhin die alleinerziehende Mutter in der Gosse landet, wo sie schließlich Haar, Zähne und den eigenen Körper verkauft, um ihr Kind zu ernähren.

Wer die Geschichte noch nicht kennt: Der Kampf um Gerechtigkeit dauert lange (im Kino 158 Minuten) und muss sich zuweilen ins Esoterische flüchten. Müsste die Kirche für jedes Kruzifix im Bild Werbegebühren zahlen, der Vatikan wäre um ein paar Schätze ärmer.

Lass' es raus

Ja, "Les Misérables" ist von Anfang bis Ende ganz großes Drama. Und es ist einfach, über das permanente Gesinge herzuziehen, sich über das Godzilla-große Leiden lustig zu machen und dem Film den gezielt festen Druck auf die Tränendrüse vorzuwerfen. Aber hat uns eigentlich irgendjemand eine Komödie versprochen? Nein. Da steht es: Musical, Drama. So wie "Stirb langsam 5" gefälligst Action liefert, muss sich der Erfolg von "Les Misérables" an den vergossenen Tränen messen lassen. Und wer angesichts Anne Hathaways großer Szene nicht schlucken muss, gehört vielleicht eher zu den Menschen, die auch zum Lachen in den Keller gehen. Wo, wenn nicht im Kino sind große Gefühle erwünscht.

Also: Heul' doch!

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