Fertig ist das Haus erst Ende 2009, aber schon jetzt gibt es heftigen Streit um die angeblich "unhistorische" Restaurierung des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel. Im stern.de-Interview verteidigt Architekt David Chipperfield seine konservative Auffassung, die ihm den Ruf eines "Ruinen-Romantikers" einbrachte.

Der britische Architekt David Chipperfield im Apollo-Saal beim Richtfest des Neuen Museums© Markus Schreiber/AP
Am Wochenende dürfen die Berliner einen Blick in den Bau werfen, der 60 Jahre lang als Kriegsruine mitten in der Stadt herumstand und seit vier Jahren vom Londoner Architekten David Chipperfield wieder aufgebaut wird. Dann kann sich jeder selbst davon überzeugen, ob die schöne Nofretete ein angemessenes Heim bekommt. stern-Redakteurin Anja Lösel guckte schon mal vorab – und fand einen aufregend schönen Bau mit extravaganten Details.
Ich fürchte nein. Viele Leute werden sich schwer vorstellen können, wie später alles aussehen wird, wenn die ägyptischen Köpfe oder die griechischen Sarkophage hier stehen. Und sie werden nicht unterscheiden können, was von uns absichtlich unfertig gelassen wurde und was tatsächlich noch nicht vollendet ist.
Es gibt Leute, die das Museum genau so wieder haben wollen wie es vor dem Krieg war: mit den Einbauten aus dem 19. Jahrhundert, mit Gold und Wandgemälden. Sie glauben, dass ich das Neue Museum durch meine Restaurierungsarbeiten zerstört habe.
Niemand wollte die zerstörte Nachkriegs-Ruine erhalten. Es geht hier nicht um Narben, sondern um Gedenken und um Geschichte. Es ist wie bei einem Gemälde: Wenn es unvollendet ist und sie malen es fertig, dann haben Sie kein Original mehr. Bei Leonardos Abendmahl fehlt Simons Gesicht. Sie würden doch niemals sagen: Oh, hatte er vielleicht buschige Augenbrauen - und die dann hinmalen. Man bewahrt, was da ist und kann nicht die andere Hälfte einfach dazumalen.
Natürlich können die Leute sagen: Wir würden das Gebäude gern wieder so haben, wie es vor dem Krieg war. Auch ich würde mir wünschen, es wäre niemals zerstört worden. Aber Bomben haben es getroffen. Man könnte also nur eine scheinechte Kopie bekommen, und das wäre wie Disneyland oder Las Vegas.
Die Treppe ist phantastisch. Die Form in diesem Raum ist genau wie die von Stüler und absolut richtig. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sie ein enormer Erfolg werden wird, wenn die Menschen sich einmal daran gewöhnt haben.
Sehr viele Menschen haben sich damit auseinander gesetzt: Museumsdirektoren, Architekten, Denkmalpfleger, Restauratoren. Wir hatten starke, offene Diskussionen, haben argumentiert und gestritten, aber in einer guten Atmosphäre, ohne Angst oder Unterdrückung. Niemals gab es einsame Entscheidungen, die um drei Uhr morgens im Architekturbüro gefällt wurden. Ein Jahr lang haben wir über die Treppe diskutiert. Am Ende habe ich alle von meiner konservativen Auffassung überzeugt: Dass es nur sinnvoll ist, genau die Form der Treppe wieder herzustellen, wie Friedrich Wilhelms Hofarchitekt Stüler sie geplant hatte , aber eben ganz glatt und pur.
Die war eine Herausforderung, denn da existierte gar nichts mehr. Der Raum mit quadratischem Grundriss und runder Kuppel wurde von Maurern gefertigt, die am Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche beteiligt waren. Er ist so schön geworden, dass man hier am liebsten heiraten würde.
Vielleicht ja. Es geht in Richtung Fetischismus. Die Restaurierung kostet 233 Millionen Euro, und an manchen Stellen wäre es billiger gewesen, alle beschädigten Teile abzureißen und neu zu bauen. Aber das wollten wir nicht. Schauen Sie sich diese Wand an. Das Salz kam durch den Putz. Wenn wir sie weggenommen und wieder aufgebaut hätten, dann sähe sie jetzt aus wie neu. Aber ich wollte das Original bewahren. Das ist das Problem mit der Restaurierung von Gebäuden: Wenn man nicht behutsam genug ist, dann verliert man das Original. Ich wollte das Gebäude nicht in eine scheinechte Kopie verwandeln.
Es ist ein Vorteil. Wegen der Sprachprobleme muss ich die Dinge klar und einfach ausdrücken. Das macht es leichter für alle.
Wahrscheinlich am Kopf der Treppe: als würde sie die Besucher begrüßen. Aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.
Nun, meine Mitarbeiter und ich haben uns Perücken und Bärte besorgt und werden uns incognito im Trenchcoat unters Volk mischen. Nein, ganz im Ernst: Wir werden sehr gespannt beobachten, wie die Leute auf unsere Arbeit reagieren.
Tag der Offenen Tür im Neuen Museum: 22. bis 24. September